So schön können Daten sein
25.07.12 – Holger Dambeck
Schluss mit Tabellen und Tortendiagrammen: Neue Darstellungsformen machen Zahlenberge leichter zugänglich. Dank Visual Analytics lassen sich Daten sogar dann erkunden, wenn man noch nicht einmal weiß, wonach man eigentlich sucht.
Ein Daten-Tsunami rollt auf die Menschheit zu. 2011 wurden weltweit zusammengerechnet fast zwei Zettabyte (zwei Billionen Gigabyte) erzeugt. Das entspricht dem Speichervermögen von 200 Milliarden DVDs. Alle zwei Jahre verdoppelt sich das neu hinzukommende Informationsvolumen, wie die Marktforscher von IDC berechnet haben. Was Systemadministratoren Schweißperlen auf die Stirn treibt, hält der Londoner Infografiker David McCandless für eine große Chance. „Daten sind das neue Öl“, sagt er und sieht sich als einer der Pioniere in der Erkundung der virtuellen Schätze. Denn nur wer die Informationsberge auch analysiert, kann sie tatsächlich nutzen. Das von McCandless dabei bevorzugte Werkzeug heißt Visualisierung.
Sein Buch „Information is Beautiful“ ist prall gefüllt mit Infografiken, die Excel- und Powerpoint-Nutzer verblüffen. Statt Balken und Torten zeigt McCandless bunte Kreise verschiedener Größe, Begriffswolken oder Streifen, die ihre Farbe verändern. So erkennt man auf einen Blick, wie sich Modefarben von Jahr zu Jahr ändern oder welche Methoden der Alternativmedizin populär und zugleich von fragwürdigem Nutzen sind.
Was McCandless macht, ist Kunst mit Zahlen. Doch es geht ihm nicht allein um schöne Grafiken. Er will komplexe Informationen leicht verständlich aufbereiten. Seine Arbeiten stehen für einen neuen Trend in Wirtschaft, Forschung und Medien. Wer Daten geschickt visualisiert, kann bislang unbekannte Zusammenhänge schneller erkennen. Mithilfe der sogenannten Visual Analytics, das glauben viele Informatiker, können Menschen die Informationsflut des 21. Jahrhunderts besser beherrschen.
Welch enormes Potenzial in Infografiken steckt, hat ein Visualisierungswettbewerb gezeigt, den McCandless Anfang des Jahres startete. Der Londoner stellte eine Excel-Tabelle mit Wirtschaftsdaten aus der Filmbranche ins Netz und lobte 5000 Dollar Preisgeld für die besten Visualisierungen aus. 671 Filme der Jahre 2007 bis 2011 umfasste die Liste – darunter Blockbuster wie „Avatar“, Animationen wie „Wall-E“ und Michael Moores Dokumentation „Sicko“.
Zu jedem Streifen gehörte ein ganzer Satz von Daten wie Filmgenre, Studio, Umsatz, Gewinn, Rendite, Einspielergebnis am ersten Wochenende und Kritikerbewertung. Es ist kein Problem, diese Daten in einer Excel-Tabelle nach einem bestimmten Kriterium zu sortieren, etwa nach der Rendite. Komplexere Zusammenhänge aber, zum Beispiel zwischen Genre, Budget und Kritikerbewertung, erkennt man beim Durchscrollen Hunderter Zeilen kaum – dafür jedoch mit den Visualisierungen. „Die Einsendungen waren viel einfallsreicher, origineller und verrückter, als wir erwartet haben“, erklärte McCandless. Die grafischen Umsetzungen reichen von einer Tetris-ähnlichen Block-Optik über farbige Kreise unterschiedlicher Größe bis zu einer Darstellung, die an eine Bevölkerungspyramide erinnert.
Die spannendsten Erkenntnisse erlauben jedoch die eingereichten interaktiven Grafiken. Sie sind sämtlich online, und es lohnt sich, mit ihnen zu spielen. Beim „Hollywood Data Explorer“ des Kanadiers James Fisher, einem klassischen Diagramm mit X- und Y-Achse, kann der Anwender beispielsweise frei wählen, welche Größen zueinander in Beziehung gesetzt werden sollen (siehe Grafik unten). Jeder Film ist ein Kreis – die Kreisfläche repräsentiert eine weitere, vom Anwender frei wählbare Größe wie Profit oder Budget. Die Kreise lassen sich zusätzlich farblich kodieren, sodass die Grafik bis zu vier Größen in nur zwei räumlichen Dimensionen darstellt. Mit ein paar Klicks kann man die Daten immer wieder neu arrangieren – und Verblüffendes dabei entdecken. Zum Beispiel, dass schlechte Kritiken weder den Umsatz noch die Profitabilität schmä-lern. Und dass die profitabelsten Filme vergleichsweise kleine Budgets haben.
(grh)
