Internet und Fernsehen passen einfach nicht zusammen – und das liegt nicht etwa an Bildschirmauflösungen, Kompressionsstandards oder Datenbandbreiten, sondern an der Sitzhaltung: Der Computernutzer sitzt – zumindest tendenziell – aufrecht („Lean forward“), der Fernsehzuschauer lümmelt sich gern auf dem Sofa („Lean back“). Damit einher geht eine unterschiedliche Nutzung: Computernutzer ziehen sich gern gezielt Inhalte aus dem Netz („Pull“), während Fernsehzuschauer sich eher von dem berieseln lassen, was die Sender gerade anbieten („Push“). Diese Mentalitätsunterschiede haben die Hochzeit der beiden wichtigsten Medien der letzten fünf Jahrzehnte bisher verhindert.
Jetzt allerdings haben sich die ersten Vermittler aufgemacht, das ungleiche Paar trotz aller Widrigkeiten zusammenzubringen: Mit den IPTV-Plattformen Joost und Babelgum sind derzeit zwei nahezu identische Angebote im geschlossenen Beta-Test, die die Vielfalt des Internets mit der Einfachheit des Fernsehens vereinen wollen. Noch hakt es an vielen Details, aber möglicherweise entsteht hier tatsächlich die Zukunft des Fernsehens – für alle, nicht nur für Technik-Freaks.
Mit einem kleinen Zeitvorsprung ist Joost an die Öffentlichkeit gegangen – und mit einem riesigen weiteren Vorteil: Hinter dem Projekt stehen der Schwede Niklas Zennström und der Däne Janus Friis, die gemeinsam schon zwei Branchen das Fürchten gelehrt haben. Dass sie nach der Musikindustrie (mit der Tauschsoftware Kazaa) und der Telekom-Branche (mit Skype) jetzt auch das Fernseh-Business aufmischen werden, scheint bei vielen Beobachtern ausgemachte Sache zu sein – die Ankündigung von Joost jedenfalls erzeugte ein gewaltiges Echo in Medien rund um die Welt.
Allerdings kann auch der Konkurrent Babelgum auf eine überzeugende Vergangenheit verweisen. Der Gründer und Aufsichtsratschef Silvio Scaglia ist immerhin größter Anteilseigner des italienischen Providers Fastweb; davor war er Chef des Mobilfunkunternehmens Omnitel, bevor es von Vodafone übernommen wurde.
Einen genauen Zeitpunkt für den Markteintritt haben bislang weder Joost noch Babelgum genannt. Auf die Frage nach dem Vorteil gegenüber Joost muss selbst Babelgum-Chef Erik Lumer passen: „Dazu ist es noch zu früh. Ich weiß nicht, ob es wirklich ein Alleinstellungsmerkmal gibt.“ Gründer Scaglia jedenfalls gibt sich unberührt von der gefeierten Konkurrenz. Der „Financial Times“ sagte er: „Als ich mit dem Projekt vor eineinhalb Jahren gestartet bin, habe ich befürchtet, dass es fünf konkurrierende Angebote geben würde. Die Tatsache, dass es bis jetzt nur zwei sind, macht uns Hoffnung.“
Zentrale Bausteine in beiden Konzepten sind die Kanäle: In ihnen werden ähnliche Inhalte aus unterschiedlichen Quellen gebündelt. Der Nutzer kann sich aus dem angebotenen Material seine eigenen Kanäle zusammenstellen oder sich durch die vom Anbieter vorkonfigurierten Kanäle zappen. Die Oberfläche kommt sowohl bei Joost als auch bei Babelgum in gediegen-schlichter Optik daher. Die Videos lassen sich in voller Bildschirmauflösung anschauen. Ob man in der Praxis tatsächlich kommod zurückgelehnt Internet gucken kann, hängt von der Hardware ab. Mit der Windows Media Center Edition und Intels Viiv-Rechnerserie drängen zwar wohnzimmertaugliche Computer auf den Markt, sie finden aber nicht gerade überwältigenden Zuspruch (siehe TR 09/06).
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 04/2007 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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