Marco Della Torre sitzt vor einem riesigen Flachbildschirm und trägt eine merkwürdige, spinnenartige Vorrichtung auf seinem Kopf. Er hebt langsam seine Arme und ein virtueller Stein auf dem Schirm beginnt damit, erst einmal zu leuchten und dann zu wackeln. Das Objekt hält kurz inne und erhebt sich dann, hängt schließlich in der Luft. Della Torre, Produktingenieur beim Start-up Emotiv Systems aus San Francisco, demonstriert den neuen Spielecontroller der Firma: Ein Headset, das Sensoren enthält, die die Gehirnaktivitäten erkennen können sollen.
Emotiv und sein Hauptwettbewerber, Neurosky aus San Jose, entwickeln die ersten Spielesteuerungen, die dazu die so genannte Elektroenzephalographie (EEG) verwenden. Die Jahrzehnte alte Technologie nutzt Elektroden, die auf der Kopfhaut platziert werden, um die elektrische Aktivität im Gehirn zu messen.
In den Händen von Neurologen kann EEG ein leistungsstarkes Werkzeug sein, um beispielsweise die Quelle von physischen Störungen im Gehirn bei Epilepsiepatienten zu ermitteln. Spieleentwickler wollen etwas ganz anderes: Mittels EEG soll der Spieler virtuelle Umgebungen künftig mit seinen Gedanken kontrollieren. Sie hoffen, dass EEG der nächste große Entwicklungsschritt bei Computer- und Game-Schnittstellen sein wird – ein Schritt weiter noch als beispielsweise Nintendos Wii-Steuerung, bei denen die Handbewegungen des Spielers in Aktionen auf dem Bildschirm umgesetzt werden.
Sowohl Emotiv als auch Neurosky sorgen bereits für viel Aufmerksamkeit in der Spielewelt. Doch können solche Headsets den Spielern tatsächlich derart intensive Erfahrungen bieten, wie man sie sich angesichts der großspurigen Ankündigungen erwartet? "Die Leute hätten am liebsten Science Fiction-Technologie und würden mittels EEG gerne mit einem virtuellen Gewehr zielen oder ein Computerflugzeug fliegen", sagt Scott Makeig, Neurowissenschaftler an der University of California in San Diego. "Tatsächlich sieht es aber ganz anders aus. Die EEG-Signale hängen mit Veränderungen bei der Aufmerksamkeit und dem Erregungszustand des Menschen zusammen, die von Natur aus eher langsam reagierende Faktoren sind. Mit EEG schnelle Aktionen zu kontrollieren, ist daher nicht leicht."
Die Messung von Gehirnaktivitäten an sich ist ja schon schwierig genug. Leichte Muskelbewegungen können elektrische Potenziale liefern, die mehr als zehn Mal so stark sind wie die, die von den Nervenzellen im Gehirn ausgehen. Forscher, die EEG einsetzen, versuchen, diese Störsignale auf verschiedene Arten auszufiltern: Sie verbessern die Sensorempfindlichkeit, in dem sie ein leitendes Gel auf der Kopfhaut platzieren, stellen die Sensoren speziell auf den Träger der EEG-Kappe ein und nutzen komplexe Signalanalysesysteme. "Es hat sich stets als schwierig herausgestellt, solche Fehler aus dem EEG-Signal zu entfernen", sagt Alan Gevins, Neurowissenschaftler und Gründer von SAM Technoloy aus San Francisco, einer Firma, die EEG-basierte medizinische Tests entwickelt, die Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung untersuchen können.
Mit dem Versuch, ein EEG-Headset für Spiele herzustellen, begeben sich Emotiv und Neurosky also auf vermintes Feld: Klebrige Gels können sie nicht verwenden, das Gerät muss einfach genug sein, damit es zu jedem Spieler passt (egal wie merkwürdig sein Kopf auch geformt ist) und aus langsamen EEG-Antworten müssen schnelle Reaktionen auf dem Bildschirm werden. Um zu sehen, wie weit die Hersteller tatsächlich gekommen sind, begebe ich mich nach Kalifornien, um beide Geräte zu testen. Experte Gevins steht mir bei.
Ich sitze schließlich auf einer schwarzen Ledercouch in den schicken Büros von Emotiv, während mit Spieleproduzent Zachary Drake das Epoc genannte Headset überstreift. Eine Darstellung meines Kopfes auf dem Fernsehbildschirm vor mir zeigt die Signalqualität, die von den 14 Elektroden ankommt. Meine ist vor allem gelb: Mittel bis schlecht.
Ich teste ein Spiel, das speziell dafür entwickelt wurde, die Fähigkeiten von Epoc zu demonstrieren. Vor einer Pagode, die in einer Landschaft aus großen Bergen und den Silhouetten von Bäumen steht, gibt mir ein Kampfkunstmeister den Befehl, einen Stein mit meinen Gedanken zu heben. Ich versuche, eine Intensität wie der "Star Wars"-Charakter Yoda aufzubauen, konzentriere mich auf den Stein und mache Hebebewegungen mit meiner Hand. (Della Torre sagt, dass das nicht unbedingt notwendig ist, aber oft helfe.) Als erstes bewegt sich am Stein nichts. Dann hebt er sich leicht, schwebt in der Luft und sinkt wieder nach unten.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 08/2008 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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