Starten mit Strom
24.10.12 – Nike Heinen
Elektrische Spannung bringt Querschnittsgelähmte wieder auf die Beine, vorausgesetzt, ihr Rückenmark ist nicht vollkommen durchtrennt.
Beide Füße sind auf dem Boden. Die Beine durchgestreckt, der Oberkörper aufgerichtet. Dann lassen die Helfer die Arme des Mannes los, und er steht. Ganz allein, für einen kurzen Moment. Obwohl Rob Summers nach kurzer Zeit zusammensackt, muss er grinsen. „Der Anfang“, glaubt er, „meines neuen Lebens.“
Nach einem Autounfall im Alter von 20 Jahren ist der ehemalige Profi-Baseballspieler vom Bauch abwärts gelähmt. Manche Berührungen spürt er noch, aber die Beine selbst bewegen, das kann er nicht mehr. Selbst dann, wenn sie jemand für ihn aufstellt, würden sie ihn nicht tragen, weil die Steuersignale aus dem Gehirn fehlen. Jetzt aber kann der Patient wieder allein stehen – ein zuvor unerreichbarer Erfolg. Summers verdankt ihn einem ganz neuen Rehabilitationsverfahren, bei dem Bewegungstraining mit elektrischen Stimulationen kombiniert wird. Entwickelt hat die komplizierte, mehrstufige Behandlung Summers’ Ärztin Susan Harkema, die als Neurochirurgin am Frazier Rehab Institute in Louisville/Kentucky arbeitet. Zunächst ließ sie ihren Patienten zwei Jahre lang zusammen mit Physiotherapeuten ein sogenanntes Lokomotor-Training absolvieren: Dabei bewegen die Therapeuten den Gelähmten, während ein Gurt dessen Körper in aufrechter Position hält.
Als Summers’ Muskeln in den Beinen wieder einigermaßen aufgebaut waren, implantierte Harkema ihm im Bereich der verletzten Lendenwirbelsäule 16 Elektroden direkt auf die das Rückenmark umgebende Haut. Dieser Stimulator wurde mit exakt dem Impulsmuster bespielt, das normalerweise bei intaktem Rückenmark in der entsprechenden Region zu messen ist. Er funktioniert autark, ähnlich wie ein Herzschrittmacher.
(vsz)
