Zunächst gilt es, die verwendete Terminologie zu klären. Wenn Termini wie "Theorie", "Tatsache" oder "Wissenschaft" gebraucht werden, empfiehlt es sich klarzustellen, was genau mit diesen Begriffen gemeint sein wird. "Theorie" und "Tatsache" beschreiben, wie der Harvard-Professor Stephen J. Gould in einem vielzitierten Essay erläutert, nicht einen unterschiedlichen Grad an Sicherheit des Wissens, sondern sie sind grundverschiedene Dinge: Tatsachen sind Daten, die wir über die Welt sammeln; Theorien sind Strukturen, die die gesammelten Daten erklären und interpretieren. Dass Kontinente auseinanderdriften, ist eine Tatsache; die Theorie der Plattentektonik gibt dazu eine mögliche Erklärung. Dass Massen einer gegenseitigen Anziehungskraft unterliegen, ist eine Tatsache; sowohl Newton als auch Einstein haben diese Tatsache mit ihren Theorien erklärt. Ebenso ist die Veränderlichkeit und gemeinsame Abstammung biologischer Arten eine Tatsache; Darwins Natürliche Auslese ist eine Theorie, die diese Tatsache erklärt.
Wissenschaftliche Tatsachen beschreiben darüber hinaus keine absoluten Sicherheiten. "Letzte Wahrheiten" sind die Sache der Wissenschaft nicht, wie Gould sagt: dass etwas eine "Tatsache" ist, könne nur bedeuten, dass es so umfangreich belegt ist, dass es irrational wäre, es nicht vorläufig als wahr anzunehmen. Eine wissenschaftliche Theorie ist in der Definition des Wissenschaftsphilosophen Karl Popper, die vielen Naturwissenschaftlern seit über 50 Jahren als Goldstandard der Wissenschaft gilt, eine Erklärungsstruktur, die prinzipiell widerlegbar sein muss, Vorhersagekraft hat und und bestimmte Ereignisse ausschließt. Jeder Test, jede Überprüfung einer Theorie hat also ein rigoroser Versuch zu sein, sie zu falsifizieren. Je restriktiver, je spezifischer eine solche Theorie ist, als desto besser wird sie angesehen – denn umso einfacher ist es, sie zu widerlegen. Hält sie wiederholt ernsthaften Versuchen stand, sie zu widerlegen, gewinnt sie erst an Vertrauen. "Wissenschaft", zu guter Letzt, kann definiert werden als die durch Beobachtung der realen Welt geführte Suche nach Gesetzmäßigkeiten in eben dieser Welt.
Konkret bedeutet dies für wissenschaftliche Theorien zum Beispiel: Mendeleevs Theorie über die Periodizität der chemischen Elemente hat konkrete Vorhersagen gemacht, welche Elemente an bestimmten Stellen des von ihm entdeckten Periodensystems gefunden werden würden, bevor man irgendwelche Belege für ihre Existenz hatte; und Elemente, die Mendeleevs Regeln verletzen, dürfen nicht gefunden werden – sonst ist seine Theorie hinfällig oder müsste wenigstens revidiert werden. Ebenso macht die Darwinsche Theorie von der Natürlichen Auslese bestimmte Vorhersagen: Evolution muss zum Beispiel für Veränderungen einer Generation mit den Körperstrukturen der Vorgängergeneration arbeiten, komplexe Strukturen müssen also Vorläufer haben. Auf der Speziesebene würde das bedeuten: Wenn die Theorie behauptet, zwei Spezies seien verwandt, müssen sich in Fossilien einer Vorläuferspezies Strukturen finden, die auch tatsächlich zu den zwei Nachfolgern führen können. Im Umkehrschluß gilt: Würden Fossilien gefunden, die die vorhergesagten Verwandtschaftverhältnisse verletzen – beispielsweise ein menschlicher Schädel in einer Gesteinsschicht mit Dinosaurierknochen -, wäre die Idee der Evolution in Erklärungsnöten.
Mit diesem Wissen bewaffnet kann man sich nun wieder der Diskussion um die Behandlung der biblischen Schöpfungsgeschichte im Biologie-Unterricht widmen. Zurück also zu Frau Wolffs oben zitiertem Vorschlag. Die Biologie ist unbestritten eine wissenschaftliche Disziplin, da sie Beobachtungen macht, die zu Theoriebildungen führen, die einer experimentellen Überprüfung zugänglich sind. Durch die parallele Wortwahl "Evolutionslehre" und "Schöpfungslehre" scheint Frau Wolff anzudeuten, dass man es mit gleichwertigen Ideen zu tun hat. Das ist nicht der Fall.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 05/2008 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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