Zuerst bedürfte es einmal einer Definition, welche Schöpfungsgeschichte denn die Evolutionstheorie ergänzen sollte, die aus dem ersten Genesis-Kapitel oder die aus dem zweiten? Konkreter: Diejenige, in der Gott erst die Erde schafft, dann die Sonne, dann die Pflanzen, dann andere Sterne und zuletzt den Menschen – oder diejenige, in der Gott erst die Erde und den Himmel schafft, dann den Menschen, dann Pflanzen und schließlich Flüsse? Eine "erstaunliche Übereinstimmung" gibt es jedenfalls nicht einmal zwischen den beiden Schöpfungsgeschichten der Bibel.
Eine tatsächliche Gleichwertigkeit ziehen darüber hinaus auch Wolff und ihre Unterstützer nicht in Betracht – durchaus vernünftig, denn eine Schöpfung, die zu demselben Ergebnis wie ein beliebiger evolutionärer Prozess führt, ist per Definition nicht widerlegbar, da auch jede denkbare Alternative durch göttliche Intervention erklärbar wäre. Das Plädoyer ist also eines für die Behandlung einer explizit außerwissenschaftlichen Idee in einem wissenschaftlichen Schulfach. Mit demselben Argument ließe sich befürworten, worauf der Biologenverband in einem Brief (PDF) an Frau Wolff ebenfalls hingewiesen hat: Den Physikunterricht durch astrologische Ideen anzureichern und sich mit Horoskopen zu beschäftigen. Auf einer solchen Ebene nach vorgeblichen "Gemeinsamkeiten" zu suchen, muss man wohl naiv nennen.
Was Wolff und ihre Fürsprecher eint, ist die Ablehnung der Evolutionstheorie als angeblich einzig erlaubter Erklärung für das Leben und seine Entwicklung – wobei im Lichte des oben Gesagten deutlich werden müsste, dass eine Nachfrage dringend geboten wäre, ob hier die auch in hessischen Lehrplänen explizit als solche erwähnte Tatsache der Entwicklung des Lebens aus gemeinsamen Vorfahren und ursprünglich aus unbelebter Materie gemeint ist oder nur die Darwinsche Theorie der natürlichen Auslese. Jedenfalls bleiben sie jegliche Anhaltspunkte dafür schuldig, dass es eine ernstzunehmende wissenschaftliche Alternative gibt, geschweige denn, dass die Schöpfungsgeschichte eine sein könnte. Wenn hier Vertreter der katholischen Religion Dogma und totalitäres Denken anprangern, entbehrt das nicht einer gewissen Ironie.
Nicht zuletzt stehen aber auch positive, konstruktive Ziele im Vordergrund der Äußerungen von Frau Wolff, wenn sie fächerübergreifende und -verbindende Fragestellungen zum Beispiel beim Thema "der Bestimmung des Lebens" befürwortet. Bischof Mixa stößt in dasselbe Horn, wenn er sagt: "Diese Dimensionen, etwa nach dem Sinn des Lebens und der Berufung des Menschen kann der christliche Glaube geben." Zweifelsohne kann die Sinnfrage und die Beschäftigung mit ihr zu Antworten führen, die für den Einzelnen wertvoll sind. Aber es liegt der Frage doch ein logischer Fehlschluß zugrunde: Die Behauptung, der Glaube oder gerade eine bestimmte Religion könnten Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens geben, setzt das zu Zeigende bereits voraus, nämlich dass es einen gibt.
Im Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte Frau Wolff, in keinem Fach dürfe es Denkverbote geben. Recht hat sie. Und wohlverstandene Wissenschaft steht für das genaue Gegenteil von Denkverboten: Sie lädt gegenteilige Meinungen ein, sie fordert sie sogar heraus, weil sie weiß, dass nur so Vertrauen gewonnen werden kann. Das Hinterfragen und Zweifeln gehören zu ihren stärksten Stützpfeilern; innerwissenschaftliche Alternativen und Angriffe sind deswegen das tägliche Brot der Wissenschaften und jedes guten Unterrichts. Dennoch gibt die Wissenschaft selbstverständlich die Forderung nicht auf, dass Erkenntnisse auf objektivierbaren Beobachtungen und Experimenten beruhen müssen.
Das wahre Problem ist, wie hier gezeigt, ein ganz anderes. Eine öffentliche Diskussion selbst unter gebildeten Menschen, moderiert von gebildeten Journalisten mit der wohldefinierten Funktion, in einer demokratischen Gesellschaft ein mündiges Bürgertum zu erhalten und zu befördern, erstarrt allzu häufig in selbstverschuldeter Denkarmut. Arno Widmann kommentierte in der "Frankfurter Rundschau": "In einer freien Gesellschaft darf jeder auch so dumm sein, wie er gerne möchte." Er darf – als Privatmann. Aber eine Gesellschaft, die nicht Sorge trägt, dass möglichst wenige ihrer Mitglieder – gerade der schulpflichtigen – von dieser Option Gebrauch machen, gräbt sich ihr eigenes Grab. Was wir brauchen, ist wissenschaftliche Bildung, die auch zu ihrer Anwendung befähigt.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 05/2008 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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