In der vergangenen Woche gab die Leitung des "One Laptop per Child"-Projekts (OLPC) eine lange erwartete, aber auch sehr umstrittene Entscheidung bekannt: Auf den grün-weißen Maschinen, die als Bildungscomputer für Kinder in den Entwicklungsländern gedacht sind, soll bald auch Microsoft Windows laufen – und nicht nur die auf dem freien Betriebssystem Linux basierende, neuartige Oberfläche "Sugar", die bislang der Standard war. In einem Interview sagte Projektgründer Nicholas Negroponte, der Schritt sei notwendig, um die globale Akzeptanz des einst als "100-Dollar-Laptop" bekannten Rechners deutlich zu erhöhen, etwas, was er seit Langem wünsche.
Die überarbeitete OLPC-Maschine soll in einer "Dual Boot"-Konfiguration verfügbar gemacht werden, bei der die Kunden auswählen können, welches Betriebssystem laufen soll. "Diejenigen, die die Entscheidung treffen, was gekauft wird, sind nicht die Kinder. Es sind stets Minister und andere leitende Beamte. Und denen gefallen Laptops, die sie kennen. Die Tatsache, dass die Maschine nun beide Technologien beherrscht, ist ein großer Vorteil. Außerdem gibt es eine riesige Entwicklergemeinde, die Software für Windows schreibt", sagt Negroponte.
Die Veränderung kostet Geld, die OLPC-Rechner werden teurer. Um das zweite Betriebssystem ausführen zu können, wird mehr Speicher benötigt. Das soll sieben Dollar pro Laptop ausmachen, selbst wenn Windows nie benutzt wird. Soll das Microsoft-Betriebssystem tatsächlich laufen, werden weitere 3 Dollar pro Rechner an Lizenzgebühren an den Softwarekonzern fällig. Die Gesamtkosten liegen damit bei 198 Dollar, aktuell sind nur 188 Dollar zu zahlen. (In fünf bislang ungenannten Ländern, in denen die Windows-fähigen Maschinen zunächst getestet werden sollen, wird es noch etwas teurer: Ein zusätzliches Speicherlaufwerk macht zusätzliche 20 Dollar aus.)
Die Entscheidung, die Windows-Fähigkeit zu ergänzen, ist nur das letzte Kapitel in der turbulenten Geschichte des OLPC-Projekts. Das Vorhaben ist eine Nonprofit-Organisation, die 2005 von Negroponte und anderen Mitarbeitern des MIT Media Lab gegründet wurde. Ziel war stets ein stabiler, gut nutzbarer und kostengünstiger Rechner, mit dem sich Millionen armer Kinder in der Dritten Welt erreichen lassen. Noch 2006 erwartete Negroponte einen Verkauf von mehr als 100 Millionen Maschinen bis 2008. Doch dazu kam es bislang nicht. Der Laptop namens "XO" konnte sich im globalen Markt nur schleppend durchsetzen. Bislang wurden nur rund 500.000 Stück verkauft, die meisten nach Uruguay und Peru.
Bis jetzt enthielt der XO eine eigens entwickelte Benutzeroberfläche namens "Sugar", die auf dem Open-Source-Betriebssystem Linux basierte. Walter Bender, ehemaliger Präsident des OLPC-Projekts und wichtigster Unterstützer dieser neuen und teils sehr experimentellen Plattform, trat im April zurück, nachdem Negroponte die Windows-Entscheidung getroffen hatte. Bender wurde von Finanzchef Charles Kane ersetzt. Der Ex-OLPC-Präsident will Sugar nun in einer eigenen Stiftung, der "Sugar Labs Foundation", voranbringen.
"Die Sugar Labs Foundation wird sich darauf konzentrieren, ein Software-Ökosystem zu schaffen, das das Lernen auf dem XO-Laptop und auch auf Rechnern anderer Hersteller erleichtert", heißt es von Bender in einer Stellungnahme. Man agiere damit entsprechend der ursprünglichen Mission des OLPC-Projekts, die Bildungschancen in aller Welt zu verbessern. "Eine unabhängige Stiftung kann solche Software auch anderen Hardware-Anbietern zur Verfügung stellen und damit mehr Kinder erreichen", sagte er.
Craig Mundie, Forschungs- und Strategie-Chef bei Microsoft, freut sich über den Deal. "Durch die Unterstützung einer großen Zahl kostengünstiger Rechner für den Bildungsbereich, zudem auch der XO-Laptop des OLPC-Projekts gehört, wollen wir die Technologie greifbarer und kostengünstiger für Schüler machen." Kunden und Partner "in aller Welt" hätten eine Windows-Unterstützung für den XO gefordert, um bestehende Bildungssoftware für das kommerzielle Betriebssystem nutzen zu können.
Microsoft entwickelte mehr als ein Jahr lang an neuen Treibern und anderen Windows-Anpassungen, die es dem umfangreichen Betriebssystem ermöglichen sollen, auf dem XO zu funktionieren. So werden der E-Book-Lesemodus, die WLAN-Vernetzung, die Kamera und die Sondertasten unterstützt. Auch den speziellen Stromsparmodus und weitere Hardware-Merkmale wie einen Schreibblock-Modus soll Windows nutzen können.
Der Deal stellt einen massiven Strategiewechsel für das OLPC-Projekt dar – und im gewissen Sinne auch für Microsoft. Negroponte hatte zwar schon früh mit dem Softwareriesen über eine Windows-Version für den XO gesprochen. Doch sowohl dieser als auch der Chipmarktführer Intel hatten stets den kleinen Bildschirm des Rechners und seine geringe Prozessorleistung kritisiert. Bleibt abzuwarten, wie nutzbar Windows auf dem XO tatsächlich wird: Gezeigt wurde die endgültige Fassung der Öffentlichkeit bislang nur in einem Video.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 05/2008 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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