Strom auf Halde
15.03.11 – Gregor Honsel
Nun will Heindl mit dem von ihm gegründeten Konsortium, dem unter anderem Hersteller von Bergbau-Ausrüstung angehören, weitere wirtschaftliche und technische Details klären. Offen ist beispielsweise noch, wie sich die Flanken der ausgesägten Granitsäule stabilisieren lassen. Heindl: "Diese Frage ist neu für Geologen." Dass sich aber Widerstand in der Bevölkerung gegen den beweglichen Berg regen wird, befürchtet er nicht – im Gegenteil: "Das könnte sogar eine Touristenattraktion werden."
Kaum weniger gigantomanisch ist eine Idee aus Schweden. Das Unternehmen Mariestads Kraftverks AB sucht derzeit Investoren für seinen Plan, zwei Seen miteinander zu einem Pumpspeicherwerk zu verbinden. Es hat bereits zwei mögliche Standorte ausgemacht: Den Suorva-Staudamm im Norden Schwedens, der zwei Seen mit einer Höhendifferenz von 30 Metern voneinander trennt, sowie die beiden Seen Vänern und Vättern in Südschweden mit einem Niveau-Unterschied von 44 Metern. An beiden Orten ließen sich je 400 GWh speichern; mit einer Leistung von 50 Gigawatt wären die Anlagen gleichzeitig die stärksten Kraftwerke der Welt. Sie könnten nach Angaben des Betreibers jeweils fünf bis zehn Prozent des gesamten europäischen Spitzenlast-Stroms abdecken und so viel CO2 einsparen, wie ganz Schwedens emittiert.
Beim Suorva-Damm sind für den Umbau zu einem Pumpspeicher allerdings Eingriffe in ein Naturreservat nötig, und die Anlage ist weit entfernt von den Stromverbrauchern – sie würde also eine neue Stromtrasse längs durchs Land benötigen. Bei Vänern und Vättern gibt es ein anderes Problem: Sie müssten durch einen 50 Kilometer langen Tunnel mit einem Durchmesser von 80 Metern verbunden werden – genug, um den Bamberger Dom darin unterzubringen. Unter Volllast würden 135000 Kubikmeter pro Sekunde den Kanal durchströmen – fast so viel wie im Amazonas. Zudem sind die Auswirkungen auf die Umwelt ungeklärt: "Vänern und Vättern haben vollkommen unterschiedliche aquatische Ökosysteme", gibt Sverker Lindbo von Mariestads Kraftverks zu. "Sie zu vermischen könnte beide zerstören." Wenn sich eines der beiden Kraftwerke politisch durchsetzen ließe und sich genügend Geldgeber für das 25-Milliarden-Euro-Projekt fänden, würde der Bau 20 bis 30 Jahre dauern, schätzt Lindbo.
Andere Konzepte sind bodenständiger. Detlef Schulz und Michael Jordan von der Bundeswehr-Universität Hamburg haben untersucht, wie sich stillgelegte Braunkohletagebauten oder Kreidesteinbrüche als Speicher nutzen lassen. Die Sohle solcher Restlöcher liegt in der Lausitz etwa 100, im Rheinland bis zu 400 Meter unter der Umgebungsoberfläche – genug Höhendifferenz, um Pumpspeicherwerke zu errichten. Da diese Flächen ohnehin verwüstet sind und rekultiviert werden müssen, ist damit kein Eingriff in die Natur verbunden, argumentieren Schulz und Jordan. Zudem seien die Baukosten nur etwa halb so hoch wie bei einem konventionellen Pumpspeicherwerk. Etwa ein Zehntel der bereits gefluteten Tagebau-Restlöcher, schätzen die Forscher, wären als Standort für Speicher geeignet gewesen. Das entspricht einer Kapazität von rund 80 GWh – genug, um den gesamten deutschen Windstrom mehr als drei Stunden lang aufzunehmen.
Eine ähnliche Idee verfolgen auch vier Professoren der Unis Duisburg-Essen und Bochum. Sie schlagen vor, alte Steinkohle-Zechen zu Pumpspeichern umzubauen, indem die Strecken und Schächte mit einem Rohrsystem ausgekleidet werden. Solche Untertage-Bergwerke bieten Höhendifferenzen von bis zu tausend Metern – und damit sehr viel mehr potenzielle Energie im Verhältnis zum Wasservolumen als alle anderen Pumpspeicherwerke. Eine Studie soll nun die technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen untersuchen. Wissenschaftler des Energie-Forschungszentrums Niedersachsen (EFZN) in Goslar sind schon weiter – sie haben in den vergangenen zwei Jahren abgeschätzt, wie viele der rund 30000 Bergwerke in Deutschland sich als Pumpspeicherwerke eignen. Sie schätzten das Speicherpotenzial auf etwa 20 GWh – immerhin die Hälfte der aktuell in Deutschland installierten Kapazität an Pumpspeicherwerken. Ein Bergwerk im Harz und eines im Erzgebirge haben sie näher untersucht.
Selbst wenn dort nur die bestehenden Schächte genutzt würden und wasserdichte Kavernen neu in den Fels getrieben werden müssten, lägen die Kosten nur unwesentlich über denen oberirdischer Speicherwerke, sagt Projektkoordinator Marko Schmidt. Im Mai wollen die EFZN-Forscher ihren Abschlussbericht abgeben und anschließend Partner suchen, um die Idee weiter voranzutreiben.
