Strom ist zu billig
06.11.12 – Gregor Honsel
Bundesumweltminister Peter Altmaier, sein Wirtschaftskollege Philipp Rösler und EU-Energiekommissar Günther Oettinger sorgen sich einträchtig, durch die Energiewende könne Strom zu teuer werden. Das ist purer Populismus. Denn erstens ist es keineswegs ausgemacht, dass Öko-Strom langfristig kostspieliger ist als konventioneller. Fossiler Brennstoff wird ständig teurer. Windräder und Solarzellen haben zwar hohe Investitions-, aber relativ niedrige Betriebskosten. Sie können Strom also entsprechend günstig anbieten. Unter anderem deshalb ist dessen Börsenpreis seit Mai 2011 laufend gesunken – trotz Atomausstieg. Warum Verbraucher davon nichts merken, das müssen sie ihre Versorger fragen.
Zweitens: Selbst wenn Strom teurer wird, ist das kein hässlicher Nebeneffekt der Energiewende, sondern notwendigerBestandteil. Wie sonst sollten Anreize entstehen, in energie- sparende Technik zu investieren? Bisher ist Strom so billig, dass es sich für Firmen offenbar nicht einmal lohnt, moderne Elektromotoren einzusetzen (siehe TR 4/2012, S. 72). Und würden die derzeitigen Strompreise den Verbrauchern wirk- lich weh tun, könnte sich die EU solchen Aktionismus wie das Glühbirnenverbot sparen – dann hätten die Kunden längst von sich aus auf Energiesparlampen umgestellt.
Drittens: Wenn die Regierungspolitiker wirklich billigen Strom für alle wollen, warum befreien sie dann gerade industrielle Großverbraucher von der EEG-Umlage und den Netzentgelten? Deren Anteil müssen nun alle anderen Stromkunden bis hin zum Hartz-IV-Empfänger zahlen. Das ist nicht nur unfair, sondern untergräbt auch die Logik
des Systems: Viel sparen lässt sich schließlich nur da, wo auch viel verbraucht wird. Doch die derzeitige Regelung belohnt auch noch diejenigen, die große Mengen Strom konsumieren. Eine vernünftige Energiepolitik sollte hingegen die größten Einsparer fördern.
