TR Online 2011: Von drahtlosen Autohacks, atomaren Katastrophen und künstlichen Blättern
03.01.12 – Ben Schwan
Der erste Teil der Technology-Review-Online-Jahresrückschau – von Januar bis Juni. Welche Beiträge haben die Leser 2011 am häufigsten angeklickt?
Online zu veröffentlichen hat einen wesentlichen Vorteil gegenüber anderen Mediengattungen: Man kann sehr direkt messen, welche Themen die meisten Leser interessieren. Wir haben für Sie in unser Redaktionssystem geschaut und die zwölf am häufigsten abgerufenen Beiträge des Jahres 2011 von Januar bis Dezember zusammengetragen.
In der Rangliste der Popularität ganz oben finden sich diesmal sechs Beiträge zum Thema Energie, drei Artikel zum Thema Transportsysteme, zwei Artikel zum Thema IT und ein Text aus dem Themenbereich Medizin. Insgesamt also eine runde Mischung, wie wir finden. Viel Spaß bei diesem Rückblick auf TR Online 2011, der zwei Teile hat: Am Dienstag beschäftigen wir uns mit den Monaten Januar bis Juni, am Mittwoch mit den Monaten Juli bis Dezember.
Fahrzeugdiebstahl leicht gemacht
In modernen Autos steckt immer mehr Technik, auf die man von außen zugreifen kann. Das dient dem Komfort: Dank "Keyless Entry"-Systemen braucht der Fahrer beispielsweise den Schlüssel nicht mehr aus der Tasche zu nehmen – Türen und Zündung sind dank RFID-Chip direkt freigeschaltet, sobald man sich dem Fahrzeug nähert. Sicherheitsforscher an der ETH Zürich haben insgesamt acht dieser passiven schlüssellosen Systeme verschiedener Hersteller unter die Lupe genommen und kamen zu unschönen Ergebnissen: Es gelang ihnen, jedes einzelne Fahrzeug zu knacken und natürlich auch zu starten.
Dabei bedienten sie sich der sogenannten Relay-Methode, die über zwei Antennen und eine Signalweiterleitung funktioniert. Komplexe kryptographische Verfahren oder Protokolle mussten die Forscher nicht aushebeln, stattdessen mussten sie sich nur in die Nähe von Menschen mit Schlüssel begeben. Eines der Szenarien wäre beispielsweise ein Massenklau im Einkaufszentrum. Immerhin: Das ETH-Team hat Vorschläge erarbeitet, was Autofahrer und die Hersteller tun könnten, um sich zu schützen. So könnten die Schlüssel, wenn sie nicht benutzt werden, schlicht funksicher abgeschirmt werden. Der Beitrag zur "Keyless Entry"-Sicherheit war meistgelesener TR-Online-Text im Januar 2011.
Die Grenzen der evidenzbasierten Medizin
Die Schule der evidenzbasierten Medizin (EBM) setzt auf ein Heer von Fachleuten, die Veröffentlichungen auf Herz und Nieren prüfen und daraus ermitteln, welche Medikamente und Therapien wirklich helfen, weil ihre Wirkung durch aussagekräftige und belastbare Daten untermauert werden kann. Zum 20. Jubiläum dieses Verfahrens wollte TR-Autorin Nike Heinen eigentlich ein Erklärstück schreiben. Doch es kam anders.
In ihrem Beitrag kam die Medizinjournalistin Manipulationen auf die Spur – und wissenschaftlichen Wahrheiten, die vielleicht gar keine sind, weil ihre Objektivität nur vorgetäuscht wird. Neu sei daran nicht, dass die Ergebnisse von medizinischen Studien verändert werden können und werden, indem Forscher schlechte Studienergebnisse besser aussehen lassen, so Heinen. "Neu ist das Ausmaß, in dem das offenbar geschieht." In ihrem Beitrag erläutert sie solche Probleme anhand mehrerer Medikamente, unter anderem bei einem einst beliebten Antidepressivum, bei onkologischen Medikamenten – und bei einem Antiepileptikum. "Nimmt man all die Indizien zusammen, die wir heute haben, um das Ausmaß der Verfälschung abzuschätzen, dann liegt der Schluss nahe, dass die Ärzte ihre Patienten im Blindflug behandeln", kommentiert dazu ein Experte. Der EBM-Report war meistgeklickter TR-Online-Beitrag im Februar 2011.
Die dreifache Katastrophe
Erbeben, Tsunami und atomarer GAU: Japan traf es im März massiv. TR Online brachte einen ausführlichen Report zur Lage in Fukushima, erläuterte, wie es zum Versagen der Notkühlung kommen konnte, wie Wasserstoffexplosionen und partielle Kernschmelzen abliefen und wie die Kraftwerksarbeiter gegen die brodelnden Abklingbecken kämpften. Abgerundet wurde der Beitrag mit einer Chronologie der Ereignisse, die bis Ende April fortgeführt wurde.
Was die Redakteure Wolfgang Stieler und Niels Boeing schnell feststellen mussten: Die Katastrophe entwickelte sich zum fortwährenden Informationspuzzle, bei dem die zuständigen Behörden und die Betreiberfirma TEPCO Details nur häppchenweise herausrückten. Diese Infopolitik dürften auch dafür gesorgt haben, dass das Vertrauen in die Kerntechnik und vor allem in ihre Sicherheit weiter nachhaltig beschädigt wurde. In Deutschland kam es nach Fukushima zu einer schnellen Entscheidung: Das Kabinett Merkel zog die Notbremse und erklärte das bereits aufgeschobene Atomaus zum endgültigen Ausstieg. Der Beitrag zur Katastrophe von Fukushima wurde im März 2011 auf TR Online am häufigsten aufgerufen und blieb auch in den folgenden Monaten noch ein Klickhit.
