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Um die beste Therapie für einen Patienten zu finden, müsste ein Arzt eigentlich die gesamte Forschung zu dessen Leiden kennen. Geforscht wird wahrlich viel: Bevor Medikamente und andere Therapieformen auf den Markt dürfen, wird ihre Wirkung mehrstufig an Patienten überprüft - und auch danach stehen sie unter systematischer Beobachtung. Doch weltweit gelangt nur die Hälfte dieser klinischen Studien jemals an die Öffentlichkeit. Vor allem negative und mehrdeutige Ergebnisse von Medikamententests verschwinden oft unpubliziert in Schubladen. Mit gefährlichen Folgen: Weil Ärzte vor allem erfolgreiche Studien lesen, bewerten sie manche Therapie zu optimistisch.
Um wirklich objektive Anhaltspunkte für die Behandlungswahl zu bieten, halten daher viele Experten ein Register aller klinischen Studien für notwendig. Die Niederlande und Frankreich haben bereits nationale Register eingerichtet. In Deutschland treibt die "Initiative Studienregistrierung" das Projekt voran. Von Ärzteverbänden über medizinische Zeitschriften bis zur Weltgesundheitsorganisation genießt sie weltweit Unterstützung. Sogar der internationale Pharmaverband IFPMA veröffentlichte im Januar eine Selbstverpflichtung zur Registrierung.
Aus der Nähe betrachtet erweist sich das Engagement der Pharmabranche für die Studienregister jedoch allenfalls als halbherzig. In Deutschland lässt sich etwa beobachten, dass jede Konkretisierung der Pläne für ein Register von Einwänden des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) begleitet wird. Es scheint, als hintertreibe die deutsche Pharmabranche ein Projekt, das sie offiziell unterstützt.
Die Forderung nach einem Studienregister besteht seit Jahrzehnten, doch erst im Herbst 2004 brachte eine Ankündigung der größten Medizinzeitschriften nachhaltige Bewegung in die Angelegenheit. Die Zeitschriften wollen künftig nur noch Studien veröffentlichen, die noch vor der Rekrutierung der ersten Patienten registriert wurden. Da jeder klinische Forscher gern in renommierten Magazinen wie dem "New England Journal of Medicine" oder dem "Lancet" publiziert, wird die Branche mitziehen müssen.
Auch die Medikamentenhersteller beugen sich diesem Druck - aber nicht ganz: Sie wollen bestimmte frühe Studien in der Arzneimittelentwicklung von der Registrierung ausnehmen, um sich vor Ideenklau durch die Konkurrenz zu schützen. Siegfried Throm vom VFA erklärt: "Ein Patent ist zwar öffentlich, enthält aber nur ganz allgemeine Angaben. Details kommen oft erst in den ersten Studien an Patienten heraus. Diese Studien sind noch explorativ. Darunter verstehen wir solche, bei denen es noch nicht um die Wirksamkeit bei der Krankheit geht, sondern um Hypothesen-Generierung."
Die großen Medizinzeitschriften haben in diesem Punkt Kompromissbereitschaft signalisiert. Sie erkennen an, dass es Gründe für eine geschäftlich motivierte Geheimhaltung geben kann. Studien, deren vordefiniertes Ziel nicht das Ändern der Behandlungspraxis ist, sondern in denen zunächst nur Fragen nach der Biologie der Krankheit untersucht oder vorläufige Daten gesammelt werden, dürfen deshalb geheim bleiben. Die Veröffentlichung dieser Studien, so heißt es in der Erklärung der Verlage, "könnte die Kräfte schwächen, die Innovation vorantreiben". Die legitimen Bedürfnisse der Industrie könnten sicherlich auch in die Gestaltung eines deutschen Registers einfließen, dessen Anschubfinanzierung das Forschungsministerium jetzt zugesagt hat. Doch die Einwände gegen ein nationales Register in den Pressemitteilungen des VFA klingen nicht nach Willen zur Mitgestaltung, sondern eher nach dem Wunsch, ein solches Register ganz zu verhindern.
Der Tenor lautet: Eigentlich gebe es schon genug Transparenz, und wenn überhaupt, dann mache nur ein internationales Register Sinn. Das klingt verdächtig nach Verzögerungsstrategie. Ist doch eine internationale Lösung des Problems viel schwieriger zu verwirklichen als eine nationale. Aber das Jammern hat offensichtlich etwas gebracht, denn eine gesetzliche Pflicht zur Registrierung der in Deutschland durchgeführten Studien wird es vorerst nicht geben.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 10/2005 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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