Illustration: ITF Grafik Design
In den nächsten zehn Jahren, sage ich voraus, wird die Umweltbewegung ihre Haltung und ihre Ziele in vier wichtigen Bereichen umkehren: Bevölkerungswachstum, Stadtentwicklung, Gentechnik und Atomkraft.
Kehrtwenden wie diese gab es schon. Waldbrände galten noch Mitte des 20. Jahrhunderts als Bedrohung. Heute preist man sie als Naturphänomen und Forstwerkzeug. Man lässt sie brennen und zündet sogar an. Der Erfolg der Umweltbewegung wird von zwei Kräften getrieben, die oft gegeneinander stehen: Romantik und Wissenschaft.
Romantiker identifizieren sich mit der Natur, Wissenschaftler untersuchen sie. Romantiker denken moralisch und wehren sich gegen vermeintlich herrschende Mächte. Sie hassen es, Fehler zuzugeben. Wissenschaftler denken ethisch und wehren sich gegen vermeintlich herrschende Paradigmen. Das Zugeben von Fehlern ist für sie ein Teil der Wissenschaft.
Die Umweltromantiker sind zahlreicher als die Wissenschaftler –- zum Glück, denn dank ihres Vorbilds sehen sich viele Menschen als Umweltschützer. Andererseits ist die wissenschaftliche Sicht stets in der Minderheit und wird leicht unterdrückt oder verteufelt.
Nehmen wir das Bevölkerungswachstum: Fünfzig Jahre lang bestätigten die Demografen der Vereinten Nationen die Befürchtungen der Umweltschützer vor einem exponentiellen Bevölkerungswachstum. Zuerst trafen ihre Projektionen. Im Jahr 2002 jedoch wechselten die UN die Theorie: Die Bevölkerungszahlen der Industriestaaten stabilisieren sich, der Rest der Welt wird bald folgen. Etwa ein Drittel aller Staaten haben Geburtenraten unterhalb der Erhaltungsgrenze. Die Bevölkerung von Nationen wie Japan, Deutschland und Russland schrumpft bereits. In jedem Teil jedes Kontinents, in jeder Kultur sinken die Geburtenzahlen.
Das ist eine gute Nachricht für Umweltschützer (oder wird es sein, wenn sie bemerkt wird). Aber sie müssen die Ursache der Trendwende erkennen. Die Frauen bekamen weniger Kinder, weil sie in die Städte zogen. Auf dem Land sind Kinder ein Aktivposten, in der Stadt sind sie eine Last. Eine globale Wende zur Verstädterung stoppte die Bevölkerungsexplosion. In diesem Jahr leben 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, 2030 werden es voraussichtlich 61 Prozent sein.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 07/2005 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
Permalink: http://heise.de/-281293