Britischer Offshore-Windpark im Bau. Bildquelle: Vattenfall
Von wegen Wirtschaftskrise: Die Erneuerbaren Energien werden in diesem Jahrzehnt weiter kräftig wachsen – trotz gekürzter Einspeisevergütungen in Deutschland und Spanien, stellt ein neuer EU-Bericht fest.
Die Erfolgsgeschichte der Erneuerbaren Energien in Europa geht trotz der Krise weiter: Zu dieser Einschätzung kommt ein Bericht des Joint Research Centre der EU-Kommission, der vergangene Woche in Brüssel veröffentlicht wurde. Nicht nur ist bei den Neuinstallationen im vergangenen Jahr ein weiterer Rekord aufgestellt worden. Die Autoren gehen auch davon aus, dass die Erneuerbaren in diesem Jahrzehnt weiter kräftig zulegen werden – trotz knapper Kassen in den EU-Mitgliedsländern und Einschnitten bei der Solarförderung in Deutschland und Spanien.
Zwar warnen deutsche Solarfirmen davor, die bereits vom Bundestag gebilligte Kürzung der Einspeisevergütung werde der hiesigen Branche einen empfindlichen Dämpfer versetzen. Doch Arnulf Jäger-Waldau, Hauptautor des Berichts, wiegelt ab: „Die Solarlobby hat es sehr gut verstanden, ein dramatisches Bild zu zeichnen, das ganz klar übertrieben ist.“ Während die Hersteller von Solarmodulen Probleme bekommen könnten, sei für die Firmen, die sie installieren, nach wie vor ein anständiger Gewinn drin, so Jäger-Waldau.
Laut dem Bericht haben die europäischen Energieversorger 2009 neue Windparks mit 10,2 Gigawatt und Solarenergieanlagen mit 5,8 Gigawatt Gesamtleistung errichtet. Das sind 62 Prozent aller Neuinstallationen für die Stromerzeugung. Mit den Plänen, die die EU-Länder im Juni in Brüssel vorgelegt haben, könnte der Anteil der Erneuerbaren am Endenergieverbrauch von derzeit 8,5 auf 20 Prozent im Jahre 2020 wachsen – dies ist auch das Ziel der im vergangenen Jahr verabschiedeten EU-Richtlinie zu Erneuerbaren Energien.
Hélène Pelosse, Interimsdirektorin der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien, geht davon aus, dass die EU-Länder ihre Pläne einhalten werden, um Strafzahlungen zu vermeiden. „Ein verbindliches Ziel ist ein verbindliches Ziel und nicht etwas, was man ignorieren kann“, sagt Pelosse, die die Richtlinie mit ausgehandelt hat.
Wenn Deutschland und Spanien die Einspeisevergütungen für Solarenergie kürzten, liege das daran, dass sie bislang äußerst großzügig gewesen seien, weil sie auf den Preisen von Solarmodulen basierten, so Pelosse. Bei der Festlegung der Vergütungen fehle den Regierungen allerdings das Insiderwissen über die Produktionskosten. Auch Jäger-Waldau findet die bisherigen Vergütungen in Deutschland und Spanien zu hoch. Davon hätten die Solarstromerzeuger übermäßig profitiert, während Energieerzeugern und deren Kunden unfaire Kosten aufgebürdet worden seien.
Die geplanten deutschen Änderungen würden in der Branche das Wachstum vorübergehend sogar noch anheizen. Projektentwickler seien dabei, noch in diesem Jahr acht Gigawatt zu installieren, schätzt Jäger-Waldau. Damit könnte sich die Gesamtleistung der solaren Neuinstallationen in der EU gegenüber 2009 verdoppeln.
Jäger-Waldau sieht Deutschland auch über 2010 hinaus als starken Markt. Dies sei neuen Regeln zu verdanken, die die Einspeisevergütung an den Umfang der Photovoltaik-Installation koppeln. „Das Bundesumweltministerium will einen Korridor von jährlichen Neuanlagen zwischen 3 und 3,5 Gigawatt erreichen“, sagt Jäger-Waldau. Sinke die Gesamtleistung unter diesen Wert, werde die Einspeisevergütung angehoben, um die „Pumpe wieder anzuwerfen“. Er geht davon aus, dass 2020 allein in der Bundesrepublik 40 bis 50 Gigawatt Solarkraft in Betrieb sein könnten – das ist ungefähr die Hälfte der heute installierten Leistung aller deutschen Kern-, Kohle- und Gaskraftwerke. Allerdings kommen Solarmodule nur auf 1000 bis 1500 Volllaststunden im Jahr, was einer Auslastung von 11 bis 17 Prozent entspricht und deutlich unter der von fossilen Energieträgern liegt.
Während Deutschland und Spanien ihre Vergütungen senken, fahren andere EU-Länder wie Frankreich, Italien oder Großbritannien ihre gerade erst aggressiv hoch. Großbritannien zum Beispiel muss, um das EU-Ziel zu erreichen, die installierte Leistung der Erneuerbaren bis 2020 verfünffachen. Im April wurde dort eine Einspeisevergütung für Haushalte und Kleinunternehmen eingeführt, die Solaranlagen errichten.
Die neue britische Regierung erwägt auch Vergütungen für Großanlagen. Die sollen die vor acht Jahren beschlossene Verpflichtung von Stromanbietern zu Erneuerbaren Energien („Renewables Obligation“) ergänzen. Deren Ziel ist, den Anteil an erneuerbarem Strom im Angebot der Versorger bis 2020 auf 30 Prozent zu verdreifachen.
Jäger-Waldau sieht allerdings auch das Risiko, dass bei einem zweiten Konjunkturabschwung – den viele Ökonomen für 2011 erwarten – die Regierungen versucht sein könnten, ihre Unterstützung für Erneuerbare zu reduzieren. Dagegen helfe vielleicht die Aussicht auf neue Arbeitsplätze: Bereits jetzt habe der Erneuerbare-Energien-Sektor EU-weit zwischen 500.000 und 700.000 Jobs geschaffen. Davon entfielen nur 20 Prozent auf die Hersteller – eine Verlagerung der Produktion etwa nach China würde sich also nicht dramatisch auswirken.
Problematischer sei da schon, dass die Regierungen der EU-Länder keine politische Unterstützung für eine Überarbeitung der Stromnetze finden würden, bemängeln Jäger-Waldau und Pelosse. Das europäische Netz ist immer noch ein Flickenteppich aus nationalen Netzen mit zu wenigen Austauschpunkten. Schuld daran sind Energiemonopole und lokaler Widerstand gegen neue Leitungen. Deshalb ist die EU schlecht auf die Welle an erneuerbarem Strom vorbereitet, die sie anschiebt. Gerade für die Schwankungen bei Wind- und Solarstrom ist es wichtig, Überschüsse schnell in andere Netze umleiten zu können.
Immerhin soll zwischen Frankreich und Spanien eine neue Netzverbindung entstehen. Der Beschluss kam aber erst zustande, als sich Frankreichs Präsident Sarkozy und Spaniens Ministerpräsident Zapatero einigten, die Kosten für die unterirdische Leitung zu teilen. „Seit 20 Jahren kämpfen wir um diese dämliche Leitung“, sagt Hélène Pelosse. „Dass sie nun kommt, liegt am energischen Einsatz von Sarkozy und der EU-Kommission.“ Aber dies könne nur ein Anfang sein: „Wir müssen die Netzerneuerung im großen Stil angehen.“
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