Verriss des Monats: Das keimfreie Smartphone
03.11.11 – Peter Glaser
Bild: Liz Lawley/Flickr (cc-by-sa-2.0)
Wie Telefone vielleicht das Ende der Menschheit herbeiführen werden und was es mit dem Muschel-Modus auf sich hat.
Die Kunst des gepflegten Verreißens zweifelhafter Produkte ist ein wenig aus der Mode gekommen. An dieser Stelle präsentiert unser Kolumnist Peter Glaser einmal im Monat deshalb eine Rezension der etwas anderen Art: Den Verriss des Monats. Vorschläge für besonders zu würdigende Produkte werden gerne per Mail entgegengenommen.
Es gibt sie also wirklich. Wir kannten sie bisher nur als Mitglieder der Klasse B der Einwohner von Golgafrincham aus Douglas Adams epochaler fünfteiliger Trilogie "Per Anhalter durch die Galaxis": die Telefondesinfizierer. Wie man weiß, wurde dieser Bevölkerungsteil (außer den Telefondesinfizierern gehören dazu noch Filmproduzenten, Frisöre, Unternehmensberater und Versicherungsvertreter) von den sozialen Schichten A (Eliten) und C (Arbeitende) als komplett überflüssig angesehen und unter dem Vorwand einer planetaren Evakuierung in einem Raumschiff namens Arche B ins All expediert. Dass diese Entscheidung mehr als fragwürdig war, lässt sich bei Adams an der nachgereichten Tatsache ersehen, dass die verbliebenen Einwohner von Golgafrincham sämtlich an einer Seuche ausstarben die durch ein nicht desinfiziertes Telefon verursacht wurde.
Nun gibt es den Telefondesinfizierer tatsächlich. Und das nicht einfach nur als Lebewesen, sondern gleich in einem nächsten Evolutionssprung in der robotischen Form – als Apparat. Der Germ Eliminating Smartphone Sanitizer der amerikanischen Firma Violight, die den Markt mit Zahnbürstendesifiziergeräten aufzurollen versucht, bietet Bazillen, die sich auf Smartphones zusammenrotten, vermittels ultravioletter Strahlung die Stirn ("die selbe Technologie, mit der Instrumente im Krankenhaus keimfrei gemacht werden"). Der Hersteller verspricht, 99,9% aller Keime auf iPhones und Anverwandtem zu eliminieren, eine Zahl, die mich an die Trefferraten von Texterkennungssoftware respektive an Wahlergebnisse in Diktaturen erinnert. Das Gerät findet sich nicht zuletzt bei dem Luxusversender Hammacher Schlemmer, bei dem gerade mit einer Spieluhr für 23.500 Dollar zur Kataloglektüre eingeladen wird.
Nicht überall fühlen sich Bakterien gleich wohl: Mit durchschnittlich 44 verschiedenen Bakterienarten hält sich die größte Vielfalt auf dem menschlichen Unterarm auf, hinter dem Ohr leben die wenigsten – im Schnitt 14. Was die Anzahl der Einzelexemplare angeht, so finden sich in einer Küchenspüle im Mittel 166.000 Mikroorganismen, in einem Kühlschrank bis zu 11.400 und auf einer Computertastatur immerhin 13.000. Das Urmeter in der Bemessung von Keimen, die Klobrille, ist demgegenüber erstaunlich keimleer: pro Quadratzentimeter trifft man hier durchschnittlich karge 200 Kleinstgefahrenträger an (auf der Klobrille ist es Bakterien nämlich viel zu trocken).
Von Goethe heißt es, ihm hätten Freunde, um interessante Konversationen nicht zu unterbrechen, gelegentlich auch anlässlich von Toilettenbesuchen beigesessen. Heute, wo man bevorzugt mobil kommuniziert, wird am bewussten Ort das Smartphone gezückt oder spätestens nach Verlassen desselben umgehend zur Hand genommen. Ergebnis: ein Lichtschwert muss her, die mörderische Mikromacht zu meucheln ("Handys können tödliche Krankheiten übertragen"). Zwei UV-Birnen im Gehäuse des Smartphone-Desinfizierers emittieren ein keimkillendes Licht, "das Bakterien und Viren wie H1N1, Streptococcus, E. coli, und Salmonellen innerhalb von fünf Minuten liquidiert".
Auch wenn die Gefahr etwas unterhalb der Apokalypse angesiedelt scheint, bleiben ihre Auswirkungen greifbar. "Seit ich gelesen habe, dass sich auf den meisten Handys und Telefonen mehr Keime befinden als auf üblichen Bahnhofsklos, desinfiziere ich öfter mal meine Telefone", schreibt lydia drüben bei Beautyjunkies, "gerade weil ich unter Akne leide und viel telefoniere. Und siehe da, die Telefon-Akne (ich hab mich immer gewundert warum die rechte Schläfe schlechter war...) ist besser geworden".
Interessant in dem Zusammenhang ist vielleicht noch, dass sich die Firma Motorola bereits vor fünf Jahren an die Entwicklung eines Handys gemacht hat, das sich selbst desinfiziert und über Lichtleiter in Lautsprecher und Mikrofon mit Ultraviolettlicht versorgt wird – im Inneren der Öffnungen, so der "New Scientist", herrsche nach dem Telefonieren feuchtwarmes Klima. Da das verwendete UV-Licht für Nutzer schädlich sein könnte, sollte sich der Desinfektionsablauf erst aktivieren, wenn die Öffnungen mit einer Klappe abgedeckt sind. Was aber tun, wenn es klingeltönt, während das Telefon sich desinfiziert und geschlossen im Muschel-Modus verharrt? Zu einem unbeleuchteten, verseuchten, aber funktionierenden Modell greifen? Waren es diese kleinen Unbequemlichkeiten, weswegen man nichts mehr von dem mikrobenfreien Mobiltelefon gehört hat?
Der Violight-Smartphonedesinfizierer springt hier in die Bresche, auch wenn die Reinigungszeit zwei Minuten über der des Motorola-Prototypen liegt und man auch hier das UV-beleuchtete Gerät abschirmen muss. Eine andere, sozusagen, Desinfektionslösung wäre, sich ab und zu die Hände zu waschen. Oder Mobiltelefone aus Seife herzustellen.
