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Noch während des zweiten Weltkriegs kam jene Entwicklung in Gang, die danach zur technologischen Leitströmung ins 21. Jahrhundert wurde – die Digitalisierung. Mitte der siebziger Jahre begann die PC-Revolution, Anfang der neunziger Jahre geriet das Internet ins Interesse der Weltöffentlichkeit. Kein großes technologisches Konzept aber hat sich jemals so entwickelt, wie es sich seine Urheber vorgestellt hatten.
Der phantastische Siegeszug der digitalen Technik erinnert an den Erfolg einer anderen Erfindung der siebziger Jahre: Slime – grüner Schleim in einer kleinen Plastikmülltonne. Es muss einen Moment der Kühnheit gegeben haben, in dem ein Mann zu einem anderen Mann sagte "Lass uns grünes Zeug in Plastikmülleimern verkaufen und damit reich werden". Genauso müssen sich die Erfinder des Mikrocomputers eines Tages etwas gesagt haben wie: "Lass uns den Menschen kleine Maschinen verkaufen, mit denen man feindliche Funksprüche entschlüsseln und Verwaltungsvorgänge automatisieren kann" – das sind die Dinge, die den Lauf der Welt verändern.
Slime hat sich nicht zu einer zivilisatorischen Hauptrichtung entwickelt, mancher Achtjährige wird das bedauern. Immerhin gab es ausgehend von der rotzgrünen und der schimmelblauen Urversion noch Glibberversionen mit Würmern und später, up do date, in den luxusliebenden neunziger Jahren eine Edelversion in Schwarz und eine mit Glitter.
Der Mensch umgeht gewisse Konsistenzen ganz gerne, sucht sie dann aber doch immer wieder auf, als kleine Befreiungsversuche von den Beschränkungen der Ekelvermeidung. Ihm wird, außer wenn er Reisbauer ist, von klein auf beigebracht, Matsch und Modder sein zu lassen und die abgründige Neigung zum Schleimigen in den sauberen Formen auszuleben, etwa in Form von Kosmetika, Duschgels etc. Ausgerechnet aus dem Land, in dem es sogar desinfizierte Büroartikel zu kaufen gibt und Hygiene manchmal in antiseptische Hysterie überkippt, aus Japan also, kommt nun ein Spielzeug namens Biri Biri Kaze Hiki Wanko ("schockierender kranker Hund").
Es soll an die Adult Slime-Serie anläßlich des 30. Slime-Geburtstags anschließen, wobei man sich "Adult Slime" erstaunlich unschweinisch vorstellen darf. Es handelt sich um parfümierten Slime in vier Duftnoten, der in modern gestylten Mülltonnen einquartiert ist. Biri Biri Kaze Hiki Wanko aber ist ein aus dem Mund schleimtriefender Plastikhund, zu dem man eine Pinzette mitgeliefert bekommt, mit der man kleine Plastikbazillen aus dem Getriefe klauben muß. Den Schleim darf man nicht berühren, nur die Bazillen, sonst gibt es einen Stromschlag. Wer die meisten Bakterien fängt, hat gewonnen.
Um ein neues Match zu beginnen, wird einfach der Schleim oben wieder in den Hund eingefüllt. Schönes Spiel. Wenn die Amerikaner sowas in Guantanamo verteilen würden, bekämen sie richtig Schwierigkeiten. Wer schon mal in Japan war, kennt die Übergangszeiten, zu denen Erkältungen grassieren und viele Einheimische mit Masken vor Nase und Mund herumlaufen. Wer schon mal länger in Japan war, weiß auch, dass die Masken nicht getragen werden, damit man niemanden ansteckt, sondern damit niemand sieht, dass einem die Nase trieft. Sich in der Öffentlichkeit zu schneuzen, ist absolut verpönt.
Zu verstehen ist ein solches Spielzeug deshalb nur in einer Gesellschaft, die ihre Kinder dazu anhält, sich sozusagen zeremoniell auszutoben und diese Dinge dann ein Leben lang nicht mehr zu tun. Wir befinden uns mit anderen Worten an einem heiklen Kreuzungspunkt zwischen verrissfreudig aufgespießtem Produkt und Kulturkritik. Da Slime von der amerikanischen Firma Mattel auf den Markt gebracht worden ist, nehmen wir uns mithin die Freiheit, im globalen Maßstab gegen gar zu garstiges Geschleime den Grantler zu geben.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 09/2008 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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