Bild: bongo vongo (cc-by-sa 2.0)
Die Kunst des gepflegten Verreißens zweifelhafter Produkte ist ein wenig aus der Mode gekommen. An dieser Stelle präsentiert unser Kolumnist Peter Glaser einmal im Monat deshalb eine Rezension der etwas anderen Art: Den Verriss des Monats. Vorschläge für besonders zu würdigende Produkte werden gerne per Mail entgegengenommen.
Alles wird immer mehr Multi, schlichte Mausgesten in x- und y-Richtung reichen längst nicht mehr, und wenn ich mir Menschen in zehn Jahren vorstelle, vollführen sie uns Heutigen fremdartige Choreographien aus komplexen Bewegungen, um die verfügbare Hypergerätschaft zu bedienen. Auch ich will mich dem Trend zum Multi also nicht verschließen, weshalb es heute einen Multi-Verriss gibt – drei Produkte, die allerdings etwas miteinander gemeinsam haben. Es ist eine negative Eigenschaft, für die es kein eigenes Wort gibt. Ich will versuchen, sie zu beschreiben.
Als ich vor Jahren mit einem Kumpel zusammengewohnt habe, fand sich unter seinen Besitztümern mal beim Aufräumen ein Schuhkarton voll mit Sachen, von denen man nicht weiß, wohin damit, und die man aber auch nicht wegschmeißen möchte. Zwei der Sachen haben mich komplett fasziniert. Das eine war ein miniaturisierter Herrenschuh, etwa zehn Zentimeter groß und aus schwarzem Gummi, der, wenn man ihn drückte, "Quietsch!" machte. Das andere war ein Rückenkratzer – ein Stab aus Bambusimitat, unten dran ein Griff mit einem Seilzug zum anderen Ende, wo ein Saurierkopf aus rotzgrünem Plastik steckte, der damit bewegt werden konnte. Man konnte sich selber mit dem Saurier in den Rücken beißen.
Der kleine Schuh war schierer Dadaismus und damit in Ordnung. Als Kunstwerk hat ein Objekt gewissermaßen die Verpflichtung, sich an noch nicht vom Sinn besetzten Orten aufzuhalten. Der Rückenkratzer – vielleicht war es auch eine Greifhilfe für Menschen, die sich nicht bücken können – wollte etwas Nützliches sein und etwas Lustiges dazu, und das einzige, was ihn am vollendeten Scheitern dieser Absicht hinderte, war die Möglichkeit, dass es sich dabei um ein Kinderpielzeug handelte. Als Spielzeug mag etwas zwar auf den ersten Blick gleichfalls unsinnig wirken, es zielt jedoch auf einen langfristigen Nutzen, nämlich die Heranbildung motorisch und intellektuell flexibler Erwachsener.
Mit der Nützlichkeit übernimmt ein Gegenstand eine gewisse Verpflichtung. Hier kommen nun die drei heutigen Produkte ins Spiel: Beginnen wir mit dem Solafeet-Fußbräuner. Gibt es etwas erniedrigenderes als am Strand oder am Pool aufzutauchen und am ganzen Körper gebräunt zu sein, bloß die Füße sind weiß wie Würmer, weil man den ganzen Tag in Socken und Sneakers herumrennt? Für 229 Dollar lässt sich das Problem jetzt beheben. Die Bräunungsbox mit den zwei Fußlöchern kann man bequem unter den Schreibtisch stellen und wirft dort die Frage auf, ab wann etwas nicht mehr nützlich ist, sondern – hier fehlt ein Wort. Wie könnte man Dinge nennen, die so tun, als wären sie zu etwas nütze, es aber nicht sind? Kontradukte?
Die selbe Nützlichkeitsverheißung tragen auch die beiden anderen Dinge vor sich her, die ich für diesmal auf der Liste habe: Ein Kuchenmesser mit Musik und eine Torten- bzw. Pizzaplatte mit LEDs, die anzeigen, wo man die Torten- bzw. Pizzakeile anschneiden soll, das ganze ebenfalls mit Musik. Die Tortenplatte des amerikanischen Designer-Küchenausstatters deni spielt "Happy Birthday", man kann sich also stumm danebensetzen und demonstrieren, wie schön es ist, wenn Automaten uns die ganze unangenehme Arbeit abnehmen. Rund um die Platte sind 12 Leuchtdioden angebracht, die blinken und anzeigen, wo man die Kuchenstücke anschneiden soll.
Wenn es sieben Gäste sein sollten, würde ich mich einfach an meinen alten Mathelehrer erinnern, der uns beigebracht hat, wie man ein Siebeneck näherungsweise mit Zirkelschlägen konstruiert. Durch Druck auf den Einschaltknopf lassen sich zwischen 2 und 12 Kuchenstücke auswählen, deren Schnitt-Einfallspunkte dann am Rand der Platte angezeigt werden. Jeder hat das Recht, die Fähigkeit, Maßverhältnisse einzuschätzen, gegen eine von vier Batterien betriebene singende LED-Kuchenplatte einzutauschen. Aber nützlich ist das nicht, und lehrreich ist auch etwas anderes.
Das dritte Objekt gehört quasi zu der Kuchenplatte dazu, auch wenn es ein anderer Hersteller auf den Markt gebracht hat: Das musikalische Kuchenmesser des Wohnacessoire-Anbieters Pinzone kann etwas, das einem in einem Kuchenmesser immer schon gefehlt hat: Musik abspielen. Es gibt drei vorprogrammierte Stücke, nämlich – Überraschung! – "Happy Birthday", "Jolly Good Fellow" und den Hochzeitsmarsch, man kann damit also zum Beispiel bei einer Trauung, sollten Orgel oder Organist ausfallen, mit feierlich gezücktem Kuchenmesser voranschreiten und die Stimmung retten. Damit nicht genug, kann man das Kuchenmesser auch mit Musik nach Wunsch befüllen. Es gibt Anschlüsse für ein Mikro oder den Computer, um jeden Song, den man möchte, in das Messer zu überspielen. Das Messer besitzt auch eine rostfreie Klinge, mit der man Kuchen schneiden kann.
Man könnte meinen, es handle sich bei diesen Dingen um etwas wie kristallin gewordenes Bescheuertsein. Aber ich fürchte, es ist etwas anderes. Es sind Verzweiflungsdinge. Wer jemandem sowas zum Geburtstag schenkt (oder da seine Füße reinsteckt), der leidet stumm. Er leidet an seiner Ahnungslosigkeit, wie man sich selbst oder einem anderen Menschen eine Freude machen könnte. Für einen Gag sind die Dinge zu aufwendig gemacht. Es sind kleine Alarmanlagen, die losgehen, wenn jemand einsam ist oder nicht in der Lage, selber etwas Lustiges hervorzubringen und der sich deshalb einen solchen Maschinengag kauft oder schenken lässt.
Es sind Scherzartikel, die das nicht zugeben wollen. Sie sind nicht flüchtig wie Juckpulver oder ein kleiner Spaß wie ein Papierflieger, sondern sie sind wiederverwendbar, wie Furzkissen. Es gibt eine Erzählung von Heinrich Böll – "Nicht nur zur Weihnachtszeit" – in der die Erbtante von der ganzen Familie verlangt, nicht nur am 24. Dezember Bescherung zu feiern, sondern, weil's so schön ist, an jedem Abend, und weil sie die Erbtante ist, machen alle mit. Anfangs jedenfalls. Nach ein paar Wochen lassen die ersten sich von Schauspielern vertreten und das Grammophon, das ständig "Stille Nacht" spielt, fängt an zu leiern. Und so ist es auch mit dem musikalischen Messer und der singenden Pizzaplatte und dem Fußröster. Es sind Geschenke, die nicht kühn genug sind, um Kunst zu sein, die lustig sein möchten, ohne komisch zu sein und die sich, weil sie ahnen, dass ihre ganze Absicht fehlgeht, verschämt an ihrer vermeintlichen Nützlichkeit festhalten. Nützt aber nix.
Permalink: http://heise.de/-846025