Abgerechnet wird zum Schluss: Die Kunst des gepflegten Verreißens zweifelhafter Produkte ist ein wenig – sagen wir mal – aus der Mode gekommen. An dieser Stelle – normalerweise immer am letzten Tag des Monats – präsentiert unser Kolumnist Peter Glaser daher eine Rezension der etwas anderen Art: den Verriss des Monats. Vorschläge für besonders zu würdigende Produkte werden gerne per Mail entgegengenommen.
Sein Wikipedia-Eintrag liest sich hymnisch, allerdings verbunden mit der Aufforderung, doch die Quellen des überquellenden Lobs zu benennen: Der 32-jährige Dr. Parham Aarabi sei ein “weltbekannter Erfinder und preisgekrönter Dozent”, heißt es, am MIT rechne man ihn den World's Top Innovators zu, und für die Leute vom Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE) sei er einer der inspirierendsten Elektrotechnik-Dozenten der Welt. Derzeit ist er außerordentlicher Professor für technische Informatik an der Universität Toronto im kanadischen Bundesstaat Ontario. Eine lange Reihe von Arabis Schöpfungen ist aufgelistet, darunter neuartige akustische Mensch-Maschine-Interaktion, robuste Spracherkennung und dreidimensinale visuelle Suche.
Seine neueste Innovation ist nicht verzeichnet: Modiface. Sie würde in dem akademischen Harfengesang auch ziemlich schräg wirken. 1999 hatte Aarabi an der Universität Stanford mit Forschungen zur automatischen Gesichtsanalyse begonnen und sie in Toronto mit Fragen zum algorithmischem Lippenlesen und spezieller Bildverarbeitung weitergeführt. Zusammen mit seinem Kollegen Alireza Rabi begann er gewissermaßen als spin-off an einer Software zur Vorab-Visualisierung von Schönheitsoperationen zu arbeiten. 2006 gründeten sie Modiface Inc. Nun bringt die Firma das Programm LiftMagic auf den Markt. Es ist als Preview für Menschen gedacht, die sich das Ergebnis einer Schönheitsoperation veranschaulichen möchten. Man scannt ein Foto von sich ein und Modiface marmelt es mit der Simulation von Facelift, Liposuktion etc. und mit ein bißchen Weichzeichner über. Software, Software an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?
Und da sich die Idee gut variieren läßt, hat der weltbekannte Dr. Aarabi noch ein paar anverwandte Algorithmen gestrickt, etwa Hairmixer. Hier lassen sich aus jeweils einem Foto von einem selbst und einem seines Lieblingspromis neugemischte Persönlichkeitsmerkmale erklicken, also beispielsweise die blonde Geschenkbändchenfrisur von Madonna auf den eigenen Kopf transponieren.
Was für eine Vergeudung von Mannjahren, Fraujahre nicht zu vergessen. Nachdem inzwischen schon 12-jährige von kosmetischer Chirurgie träumen, seufzte sogar der Rezensent des Gadget-Blogs Gizmodo angesichts dieser Pseudolösung für Selbstbewußtseins-Probleme: “Keine Angst: Letzten Endes zählen ja nur die inneren Werte.” In einem Interview wurde die Schauspielerin Michelle Pfeiffer, die letzte Woche 50 geworden ist, nach dem Geheimnis ihrer Schönheit gefragt. “Das sogenannte große Schönheitsgeheimnis ist eines, das jeder kennt, aber keiner befolgen will, weil es langweilig ist und auch noch aufwändig”, so ihre Auskunft – “Man muss einfach gut auf sich achten. Um gesund zu bleiben, muss man sich gesund ernähren und den Körper trainieren. Außerdem braucht man jemanden, der für gutes Licht sorgt und einem ein hinreißendes Makeup macht.”
Digitale Schönheitsoperationen sind längst gang und gebe – ob mit oder ohne Einverständnis der Betroffenen sei dahingestellt. Wer seine Urlaubsfotos freiräumen möchte, kann beispielsweise zum Tourist Remover greifen. Dean Hrbacek, ein Republikaer aus Texas, der für einen Sitz im Kongress kandidiert, ließ im Januar ein Bild von sich auf eine Aussendung drucken, das, wie sich herausstellte, seinen Kopf auf dem schlankeren Körper eines anderen Mannes zeigt. Sein Wahlkampfmanager räumte ein, dass es sich um einen Fake handelt. Er sagte Hrbacek sei so beschäftigt, dass er keine Zeit für ein Fotoshooting gehabt habe.
Was LiftMagic nicht verrät, sind die Risiken, die der Traum von der technisch machbaren Schönheit und Jugend nach sich zieht. Allein in Deutschland gibt es pro Jahr bereits mehr als 500.000 kosmetische Eingriffe, die Operierten werden immer jünger – und jede fünfte OP geht schief. Auch die Gelungenen sind nicht von Dauer, ein Faceliftig hält nur fünf bis sieben Jahre. Wie das aussieht, was die Software von Dr. Aarabi nicht zeigt, kann man sich hier und hier ansehen (nichts für schwache Nerven und Bindegewebe!).
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Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 05/2008 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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