Abgerechnet wird zum Schluss: Die Kunst des gepflegten Verreißens zweifelhafter Produkte ist ein wenig – sagen wir mal – aus der Mode gekommen. An dieser Stelle – immer am letzten Tag des Monats – präsentiert unser Kolumnist Peter Glaser daher eine Rezension der etwas anderen Art: den Verriss des Monats. Vorschläge für besonders zu würdigende Produkte werden gerne per Mail entgegen genommen.
Schon Kurt Tucholsky hat es gehasst, wenn zu viele Menschen an einem Ort waren. Der Großstadtmensch zieht zwar auch Vorteile aus dem Gewühl, dafür wird er aber eben von allen Seiten mit einem unerwünschten Nachrichtenzufluss bedacht. Dessen geräuschvolle Nahform mochte der Literat Tucho am allerwenigsten. Um die ganze Widerwärtigkeit der Sache anschaulich zu machen, erfand er dafür sogar ein eigenes Wort (respektive deformierte das alte): "Lerm".
Jetzt gibt es endlich Lerm 2.0. Er hört auf den Namen Trumpia und ist die Nervensägenmassakerversion eines Unified Messaging-Dienstes. Michael Arrington von TechCrunch bezeichnet die Website als prima Methode, "wie man auf einen Rutsch in Echtzeit alle seine Freunde verliert". Es ist absehbar, dass der Service vor allem dazu benutzt werden wird, Leute zu verärgern oder zu nerven, als für sinnvolle Anwendungen. Man richtet dazu einfach einen Account ein und erstellt eine Liste mit den Kontaktinformationen seiner künftigen Exfreundinnen und -freunde – Handynummer, Mailadresse, Instant Messenger. Dann kann man seine Freunde in Gruppen einteilen und alle auf einen Schlag kontaktieren, indem man eine Textnachricht an seinen Trumpia-Account schickt.
Das ganze funktioniert wie eine Kommunikationsschrotflinte. Die angetexteten Noch-Freunde erhalten die Nachricht auf sämtlichen Kanälen gleichzeitig – per Email, per SMS, per IM. Man könnte das ganze später um einen analogen Premium-Zusatzdienst erweitern, der dazu noch reitende Boten, Brieftauben, Postraketen und Ameisenvölker losschickt, die gelernt haben, sich ab und zu in Form der Handschrift auf einer Briefseite aufzustellen.
Trumpia ist, mit anderen Worten, eine Zumutung, ein Alptraum, die Virtualisierung und Globalisierung des Hausfriedensbruchs. Schon als noch das analoge Telefonsystem das elektrische Kommunikationsmittel der Wahl war, in den siebziger Jahren, habe ich mich gefragt, was die technisch transportierte Kommunikation der natürlichen gegenüber mit diesem rätselhaften Mehrwert oder Wichtigkeitsblaulicht ausstattet, das man beispielsweise in einer Schlange vor einem Schalter anschaulich studieren konnte. Klingelte das Telefon neben dem Schalterbeamten, ging er sofort ran und ließ die Schlange Schlange sein. Wäre man an der Schlange vorbei nach vorn gegangen und hätte dem Beamten den Gegenwert eines Ortsgesprächs hingelegt und verlangt, sofort mit ihm sprechen zu können, hätte es hingegen umgehend Ärger gegeben.
Immerhin wurde das unangenehm Offensive am Telefon durch weitere technische Neuerungen wie Anrufbeantworter und etwas unschrecklichere (analoge) Klingeltöne abgemildert. Was früher der Butler war, der die Visitenkarte des Besuchers entgegennahm und "Ich sehe nach, ob die gnädige Frau zu Hause ist" sagte, war nun in Form eines kleines Kästchens demokratisiert. Vergleichbar den gleichfalls in den siebziger Jahren durchgeführten sozialen Experimenten in Wohngmeinschaften (Aushänge an allen Zimmertüren einschließlich der Klotür) erleben wir mit der Ausbreitung von Mail und Mobiltelefonie gewissermaßen Aushänge an allen Wänden, jeder spricht frei in den Raum, ob man nun zuhören will oder nicht.
In dieser angespannten Situation, in der sich verträgliche neue Gebräuche erst langsam durchmendeln (etwa, dass man im Zug längere Telefongespräche außerhalb des Abteils führt) wirkt ein Dienst wie Trumpia mit seiner Kontaktmethode, die auch noch "Blasting" genannt wird, wie ein Schlag ins Gesicht. Mich erinnert das an ein Videospiel aus grauer Vorzeit, das "Goldrunner" hieß und dessen Bedienungsanleitung aus zwei Sätzen bestand: "If it moves, blast ist. If it don't move, shoot it."
Man kann also seine Freunde auf ihren Mobiltelefonen anblasten, in ihren IM-Fenstern und per Mail, alles gleichzeitig und egal, wo sie gerade sind und was sie gerade tun. Selbstverständlich kann man seine Freunde blasten, ohne dass sie sich selbst bei Trumpia registriert haben oder auch nur eine Ahnung davon haben, dass sie ab sofort blastbar sind. "Ich bete", schreibt Michael Arrington, "dass das PR-Leuten nicht zu Ohren kommt". Kontaktlisten-Spam kennt fast jeder Nutzer eines Social Network. Die Perspektive, die Trumpia als potenzielle digitale Dreckschleuder eröffnet, ist tatsächlich nicht angenehm.
Es ist schlicht keine adäquate Lösung. Wenn man jemanden erreichen möchte, braucht man den Dienst nicht. Wenn jemand auf seinem Mobiltelefon nicht abhebt, möchte er möglicherweise nicht gestört werden und man kann ihm eine SMS schicken. Nicht der Anrufer entscheidet über die Dringlichkeit, sondern der Angerufene. Wenn er die Kommunikationsaufforderung ignorieren möchte, hat er vielleicht gute Grunde dafür.
Ein Trumpia-Befürworter erzählt, dass er in seiner Studentenzeit als Präsident eines Clubs dankbar gewesen wäre für einen solchen Dienst: "Ich konnte unmöglich 100 Leute kontaktieren, um etwas in letzter Minute zu organisieren. Also musste ich jeden einzeln anrufen." Auf die Idee, sich helfen zu lassen, ist er nicht gekommen. Wenn er jeden Angerufenen gebeten hätte, einen oder zwei Anrufe für ihn mitzuübernehmen, wäre das Ganze in einer Viertelstunde erledigt gewesen. Und zwar ohne allen die (heute ohnehin kaum mehr vorhandenen) Türen zur Privatsphäre einzutreten.
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