Verriss des Monats: Nummer geht's immer
30.04.07 – Peter Glaser
Abgerechnet wird zum Schluss: Die Kunst des gepflegten Verreissens zweifelhafter Produkte ist ein wenig – sagen wir mal – aus der Mode gekommen. Künftig wird deshalb an dieser Stelle – immer am letzten Tag des Monats – unser Kolumnist Peter Glaser eine Rezension der etwas anderen Art präsentieren: Den Verriss des Monats. Vorschläge für besonders zu würdigende Produkte werden gerne per Mail entgegen genommen.
Joseph Weizenbaum erzählte mir einmal, wie man damals, als Modems noch groß wie Waschmaschinen waren, einen Rechner programmierte, nämlich im Binärcode. Nicht in einem dekadenten, höhersprachlichen Schnickschnack wie etwa Maschinensprache, sondern in der puren Form – Null und Eins. Aus diesen sauberen mathematischen Elementarteilchen, aufgeräumt und nicht so blödsinnig durcheinander wie der kosmologische Teilchenzoo, erhebt sich die Welt der weiteren Zahlen – und daraus alles, was sich inzwischen mit Computerhilfe darstellen läßt. Und das ist eine ganze Menge.
Immer wieder jedoch gibt es Versuche, die wunderbare Zahlenklarheit einzutrüben. Man hüllt die Menschen in digitale Illusionen und tut, als genüge es, Befehlsworte einzutippen oder Bildchen anzuklicken, statt direkt mit der Zahl in Berührung zu bleiben. Als ich 1982 meinen ersten Drucker kaufte, einen Neunnadeldrucker mit Zahnarztbohrergeräusch, hatte das Kapitel für den Druckertreiber im Handbuch noch die Überschrift “Keine Angst vor Hexadezimalcode”. Aber auch wenn heute die betrübliche Tendenz zunimmt, die Welt zu Ent-Ziffern, so gibt es noch Hoffnung.
Neueste Speerspitze ist das Portal IamNo.com, das mit einer “neuen revolutionären Idee eine Lücke im Spektrum etablierter Kennenlernmöglichkeiten” schließen möchte. Der Betreiber bietet an, “sich selbst für andere wiederauffindbar machen”, indem man eine individuelle Nummer sichtbar auf seiner Habe trägt, etwa auf seinen Klamotten, einer Tasche oder einer Kaffeetasse. Hat man nicht mehr alle Tassen im Schrank, kann man sich fertig beschriftete, genauer gesagt: bezifferte Sachen in der Shopping-Abteilung von IamNo kaufen. Derzeit sind es Shirts mit schönen Namen wie “eins”, “zwei” oder “drei”, die mit applizierter persönlicher Nummer für zwischen 22 und 36 Euro zu haben sind.
Damit die Idee sich auch ehemaligen DDR-Bürgern, die Russisch als Fremdsprache beherrschen, sowie Mitbürgern mit Bedienungsanleitungsbegreifbehinderung erschließt, wird sie erhellend erläutert: “Der Name „IamNo.com“ steht dabei für ‘I am Number’, also ‘Ich bin Nummer’, worauf jeweils die individuelle Nummer eines Nutzers folgt.” Wer einen Numerierten auf der Straße vorbeilaufen sieht, kann via IamNo eine Email an die Nummer schicken. Die Nichtnummer hinter der Nummer kann dann entscheiden, ob sie antwortet und sich zu erkennen gibt. Eine solche Ausgeburt reiner Zahlenfreude könnte uns beispielsweise vor dem Abgleiten in den mathematischen Nihilismus bewahren. Dass es in Deutschland schon mal ein Projekt gab, bei dem Menschen mit Nummern versehen wurden – damals allerdings mit beschränktem Spaßfaktor und mit der Nummer nicht aufs Hemd, sondern auf den Arm tätowiert –, sollte man nicht so eng sehen. Schließlich gibt es auch Dinge wie etwa Nummernkonten, bei denen das Individuum gewissermaßen in den Hintergrund tritt und die Zahl die tragende Rolle spielt.
IamNo zielt auf ein Publikum, das keine Zeitung mehr liest und sich selbst in eine lebende Chiffre-Anzeige verwandeln möchte. Die oberste Chiffre – das Wort kommt aus dem Arabischen und bedeutet Null – der in Hamburg ansässigen Firma ist Volker Neumann, 37, laut eigener Auskunft “Vollblutwerber”. Auf seiner originell mit “Neu, Mann” betitelten Selbstdarstellungswebsite glänzt das Vollblut mit Begriffen wie “Voll-Realisation” und “Geschäftsfeld-Entwicklung”, mit klar formulierten Alleinstellungsmerkmalen (“Kunden-Spezies 1: Für diese ist das Know-how eines Kommunikators wie mir auf einem speziellen Sektor Grundvoraussetzung für dessen Konsultation”) und Wappensprüchen wie diesem: “Wer ständig aufregend neu und damit relevant für seine Zielgruppen sein will, muss systematisch Grenzen überschreiten, das Neue suchen – und finden!”
Das mit dem Suchen und Finden hat Neumann nun als Geschäftsmodell in “das neue deutsche Internet-Startup IamNo.com” überführt und unter Beweis gestellt, dass der Begriff “neu” nach wie vor der mit Abstand beliebteste bei deutschen Werbern ist. Wäre die Idee von IamNo.com – so platt sie schon ist – eine Schallplatte, würde ich ausrechnen, wie viel Benzin man aus dem Vinyl zurückgewinnen und wie weit man dann damit von dem Produkt wegfahren könnte. Man hätte wieder ein paar zauberhafte Zahlen. Die Stammelbezeichnung IamNo läßt sich im übrigen auch wie NjamNo im Sinne von Njam! (“Mir schmeckt’s”) sprechen, was dann in Anlehnung an eine klassische Vorlage soviel hieße wie “Nein, meine Suppe eß’ ich nicht”. Marvin Minsky, ein ehemaliger MIT-Kollege von Joseph Weizenbaum und Vater der so genannten Künstlichen Intelligenz, vermutet schon lange, dass Programmierer und Nerds deshalb so gern chinesisch Essen, weil die Gerichte so kryptische Bezeichnungen tragen – und weil das Essen numeriert ist.
