Bild: Brett L. (cc-by-sa 2.0)
Der Unmut des Rezensenten wendet sich diesmal nicht nur einem einzelnen Produkt zu, sondern einem ganzen Genre: den kleinen Entmündigungstechnologien.
Die Kunst des gepflegten Verreißens zweifelhafter Produkte ist ein wenig aus der Mode gekommen. An dieser Stelle präsentiert unser Kolumnist Peter Glaser einmal im Monat deshalb eine Rezension der etwas anderen Art: Den Verriss des Monats. Vorschläge für besonders zu würdigende Produkte werden gerne per Mail entgegengenommen.
In einigen Fällen ist es nützlich, wenn man korrigiert wird. In dem Monty Python-Film "Das Leben des Brian" etwa werden anlässlich der Bergpredigt ein paar in größerer Entfernung zu Jesus stehende Zuhörer gezeigt, die Verständnisschwierigkeiten haben. "Was hat er gesagt? Gepriesen sind die Skifahrer?" Es kommt zu einem handfesten Tumult in der Menge. (Im englischen Original verstehen die Zuhörer statt "Blessed are the Peacemakers" – "Selig die Friedfertigen" – das phonetisch ähnliche "Cheesemakers" als Seligsprechung aller, die Molkereiprodukte erzeugen.)
Ein Bekannter, der nicht mehr mit Word schreiben mag, erzählte von seinem neuen Schreibprogramm und den Rechtschreibempfehlungen, die es vergibt. Schreibt man etwa das Wort "gemäß", weist die Software einen darauf hin, das sei doch "Papierdeutsch" und man solle überlegen, ob man nicht "entsprechend" benutzen wolle, das klänge cooler. Schreibt man "überhaupt", kommt der Hinweis: "Modewort. Erwägen Sie dieses Wort zu streichen."
Ob man das nun als Komfort oder als etwas Vorlautes empfindet, ist nicht einfach nur Ermessenssache. Softwarezusätze wie die Rechtschreibempfehlung gehen über die orthographische Korrektur hinaus. Sie versuchen, Einfluss auf den Stil zu nehmen. Auf den persönlichen Ausdruck. Ein algorithmischer Oberlehrer taucht plötzlich auch nach der Schulzeit wieder auf und will einen weiter durchs Leben verfolgen. Es ist mit diesen Empfehlungen wie mit der Psychoanalyse. Sie analysiert einen Menschen nicht nur, wie der Begriff es suggeriert, sondern sie hat auch eine Vorstellung davon, was, vereinfacht gesagt, eine normgerechte Persönlichkeit ist und was nicht. Aber jemanden von außen darüber bestimmen zu lassen, wer ich bin – oder wie ich schreibe –, ist eine heikle Sache.
Schlaue Parser, wie sie etwa Suchmaschinen verwenden, helfen manchem über orthographische Schwächen hinweg. Während eine Eingabe wie "Gibsverband" in das Fragefeld einer Suchmaschine noch vor ein paar Jahre sozusagen zu dem Ergebnis "gibs nicht" führte, schlägt Google heute in seiner unermeßlichen Freundlichkeit gleich das richtig geschriebene Informationsersuchen vor. (Wie man's nicht machen sollte, stellt übrigens gerade die deutsche Post unter Beweis, die für farbige Briefumschläge höheres Porto kassieren möchte, weil sich der Adresstext darauf nicht so gut maschinell lesen lässt.)
Die Vorschläge ("Suggestions"), die Google macht, haben inzwischen allerdings schon wieder eine aberwitzige Komponente hinzugewonnen, nämlich eine oft sonderbare Auflistung möglicher Suchphrasen, welche die Maschine aus dem zu erahnen versucht, was man bereits eingetippt hat. Justin Talbott hat eine eigene Website namens Question Suggestions ("small voyages into the collective psyche of humans who ask Google questions"), um sich über die Ergebnisse lustig zu machen. Wer Sinn für absurden Humor hat, kann sich damit von Google regelrecht Gedichte schreiben lassen.
Die definitive Supernervensäge unter den vorauseilenden Textvorschlägern aber ist T9. Für manche ist T9 – die Abkürzung steht für "Text auf 9 Tasten" – ein schlichter Eingabeverhinderer, ein böses kleines Besserwisservirus in Mobiltelefon, PDA oder Smartphone, das einem servil zu helfen glaubt, einen in Wirklichkeit aber von dem abhält, was man tun möchte. T9 soll das Gefummel mit oft mehrfach belegten Winztasten auf Mobilgeräten vereinfachen und die Eingabe beschleunigen.
Wie bei der Psychoanalyse gilt das aber nur für normopathische Texte. Wehe, man wird originell. Die Beschleunigung führt ohnehin oft nur dazu, dass die Textenden übersehen, was ihnen T9 wieder untergejubelt hat. Aus "hallo silke, kommst du und nadia morgen auch?" wird "hallo pille, kommst du tod mafia morgen auch", aus "Hey Super-Lover" ein "Hey Super-Köter" und aus dem "kleinen Maxi" macht die Wortdatenbank kurzerhand einen "kleinen Nazi". "Droge Weihnachten" nachträglich, und falls jemand ein neues Handy oder Anverwandtes geschenkt bekommen haben sollte: T9 ausschalten. Die vermeintliche Zeitersparnis steht in keinem Verhältnis zum Korrekturaufwand oder nachfolgenden Missverständnissen.
Die nächste Nervstufe wird gerade gezündet: Swype ist eine "neue Eingabetechnik", die für schnelleres Tippen auf virtuellen Handy-Tastaturen sorgen soll. Cliff Kushler, einer der Miterfinder von T9, hat die gestengesteuerte Methode für Touchscreens vorgestellt. Man tippt nicht mehr, sondern wischt über die gewünschten Buchstaben. Ist ein Wort nicht eindeutig, zeigt die Software eine Auswahl an Begriffen an. Angeblich soll man mit dieser Technik mehr als 50 Wörter pro Minute schreiben können. Ja, klar – Zeit sparen. Bei einem Würstchen kann man dazu vorn und hinten ein blankes Kabelende reinstecken. Sobald Strom fließt, fungiert das Würstchen als Widerstand und ist jählings durch. Don't try this at home.
(Dank für die Anregung an Armin Müller!)
Permalink: http://heise.de/-891460