Die Harmonie war nur von kurzer Dauer: Nachdem die Bundesregierung im Frühjahr beschlossen hatte, dass in Deutschland bis 2020 20 Prozent des Energieverbrauchs von 1990 eingespart werden sollen, herrschte für kurze Zeit so etwas wie Aufbruchsstimmung in Politik und Wirtschaft: Der ehemalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) saßen gemeinsam mit Sepp Heckmann, dem Chef der größten deutschen Industriemesse und dem Siemens-Vorstandsmitglied Christian Urbanke in Berlin auf einem Podium und priesen die Vorzüge der Energie-Effizienz. "Die Klimapolitik steht im Zentrum einer neuen industriellen Revolution", schwärmte Töpfer. "Die neue industrielle Revolution ist eine, die sich um die Energiestruktur ranken wird".
Doch kurz vor dem dritten und letzten Energiegipfel, der am heutigen Dienstag stattfinden soll, hat sich der Ton zwischen Energiekonzernen und Regierung wieder deutlich verschärft. Nach Ansicht der Konzerne geht die Regierung mit völlig unrealistischen Annahmen in das Gespräch – eine Zunahme der Energie-Effizienz um jährlich drei Prozent (bislang sind es 0,9 Prozent pro Jahr) sei wirtschaftlich nicht machbar. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos sekundierte mit einem Gastbeitrag für die Wirtschaftswoche und brachte ebenfalls zwei Prozent maximale jährliche Zunahme der Energie-Effizienz ins Spiel.
Der Streit verdeutlicht einmal mehr, was Fachleute seit Jahren sagen: Eine Steigerung der Energieeffizienz ist bereits seit Jahren kein technisches, sondern in erster Linie ein politisches Problem: Die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen hat berechnet, dass 2006 in Deutschland 485,9 Millionen Tonnen Steinkohleeinheiten (SKE) Energie verbraucht wurden. Davon gehen satte 115,7 Millionen Tonnen Umwandlungsverluste ab und 19,8 Millionen Tonnen Verbrauch in den Energiesektoren. Der Endenergieverbrauch beträgt demnache 312,5 Mio To SKE. Er teilt sich relativ gleichmäßig in drei große Teile Industrie (84 Mio To), Verkehr (87 Mio To) und Haushalt (90 Mio To). Gewerbe, Handel und Dienstleistungen schlagen dann noch einmal mit 49,2 Millionen Tonnen SKE zu Buche.
115,7 Millionen Tonnen Umwandlungsverluste sind ein recht stattlicher Brocken. Und ein großer Teil davon geht auf das Konto der Stromproduktion: Rund 38 Prozent des deutschen Primärenergiebedarfes werden zur Stromerzeugung eingesetzt – der Stromverbrauch lag 2005 bei rund 611 Terawattstunden – und an bereits an dieser Stelle gehen bis zu zwei Drittel der eingesetzten Energie ungenutzt durch den Schornstein. Denn die ältesten Braunkohlekraftwerke haben einen Wirkungsgrad von nur rund 30 Prozent. Mit Hilfe von Kraft-Wärme-Kopplung lassen sich jedoch Wirkungsgrade von bis zu 90 Prozent erzielen, weil die Abwärme der Kraftwerke in ein Fernwärmenetz gespeist wird, statt in einem Kühlturm zu verpuffen. Doch der Bau von Kraftwerken ist eine sehr langfristige Investition und die Installation eines Fernwärmenetzes ist teuer – der überwiegende Mehrheit der kommunalen Energieversorger kauft den Strom daher lieber von den vier großen überregionalen Energieversorgern der Republik. Und die betreiben in der Regel keine dezentralen Kraftwerke sondern setzen auf große, zentrale Anlagen und die Ökonomie der Skalierung. Insgesamt sind in Deutschland daher nur rund 52.000 Megawatt Wärmeleistung installiert – die Netzeinspeisung dieser Anlagen beträgt nur elf Prozent.
Ein Umbau der Energieversorgungslandschaft hin zu einer dezentralen Energieversorgung steht allerdings nicht auf der Tagesordnung der Bundesregierung. Zu diesem strukturellen kommt ein weiteres grundsätzliches Problem: "Reine Energieanbieter können, wenn sie nicht in Effizienzaktivitäten eingebunden sind, nur mit einem höheren Energieabsatz mehr Gewinn realisieren und werden daher Marketing für höheren Energieabsatz und (zumindest verdeckt) gegen die Energieeffizienz betreiben", hat das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie bereits 2002 in seiner Untersuchung "Die vergessene Säule der Energiepolitik" geschrieben. Ein mögliches Denkmodell, um diesen Wandel zu forcieren, wäre der Verkauf von "Dienstleistungen zur Befriedigung energierelevanter Bedürfnisse" durch die Energieversorger, wie etwa die Installation, Wartung, Instandhaltung und Versorgung einer Beleuchtungsanlage, die auf der Basis von Euro pro Quadratmeter und Jahr abgerechnet wird (Demand Side Management DSM). "Marktimmanente Anreize wie die Vermeidung von Produktions- oder Opportunitätskosten und vermehrte Kundentreue haben sich", urteilen die Autoren der Studie aber selbst pessimistisch, "empirisch als zu schwach erwiesen". Ein solcher Wechsel vom reinen Stromverkäufer zum Energiedienstleister müsste also politisch erzwungen werden.
Auch auf der Verbraucherseite sieht die Lage nicht minder trübe aus: Am meisten wäre in den privaten Haushalten beim Wärmebedarf zu holen: "Viele noch nicht sanierte Häuser haben einen Energiebedarf von 450 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr", sagt Professor Mario Adam, der an der FH Düsseldorf ein Labor für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz leitet. "Das lässt sich locker auf 70 kWh/m2 reduzieren. Bei allen Gebäuden, die vor der ersten Wärmeschutzverordnung gebaut wurden (das in in Deutschland rund 75 Prozent aller Wohngebäude), gibt es ein fast beliebiges Handlungspotenzial." Zwar will die Bundesregierung bis 2009 5,6 Milliarden Euro Zuschüsse für die energetische Gebäudesanierung bereitstellen, aber davon dürften in erster Linie Eigenheimbesitzer profitieren – für die breite Masse aller Mietwohnungen geht die Rechnung nicht auf, weil ein Kosten-Nutzen-Dilemma besteht: Derjenige, der die Kosten für die Sanierung trägt, profitiert nicht davon.
Das gilt im übrigen auch für die öffentliche Hand, erzählt Mario Adam: Der Professor hatte seine Studenten angehalten, das Energiesparpotenzial der heimischen Fachhochschule Düsseldorf zu untersuchen. Eine rein akademische Trockenübung, denn eine Realisierung des gefundenen Sparpotenzials kam nicht in Frage, weil "die Investitionen von Forschungsministerium gezahlt würden, und das Finanzministerium davon profitiert hätte", sagt Adam. Nur das persönliche Engagement eines Ministerialbeamten ließ die Effizienzrevolution an der FH-Düsseldorf doch noch Wirklichkeit werden. Jetzt liefert eine Solarthermie-Anlage warmes Wasser für die Mensa – gemeinsam mit dem Rückbau von drei Kilometer Warmwasserleitungen, die zuvor jeden einzelnen Hörsaal versorgt hatten, spart die FH jetzt 600.000 Kilowattstunden Energie pro Jahr.
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