Als der erste Internet-Hype losging, gab es kaum einen Anbieter von Haushaltselektronik, der nicht an der aufkommenden Supervernetzung teilnehmen wollte – Kühlschränke mit Browser-Display oder Waschmaschinen, die man per Web steuern konnte, kamen auf den Markt. Allein, von diesen Träumen hat sich bis dato keiner durchgesetzt, zu kompliziert war die Bedienung, zu inkompatibel die unterschiedlichen Technologien. Und so konzentrierten sich die Hersteller darauf, das Innenleben ihrer Geräte zu verbessern und sie mehr und mehr zu kleinen Computern zu machen, ohne dass der Kunde davon viel mitbekam.
Die Internet-Technik ist jedoch keineswegs aus der Haushaltselektronik gewichen – im Gegenteil. Probleme in Sachen Kompatibilität bestünden aber nach wie vor, wie Prof. Dr. Sahin Albayrak, Geschäftsführer des DAI-Labors der TU Berlin und Leiter des Fachgebiets "Agententechnologien in betrieblichen Anwendungen und der Telekommunikation", sagt. "Jedes Gerät hat seine proprietären Interfaces. Das zweite Problem ist die Handhabung der Geräte über die Benutzerschnittstelle, das heißt die Usability."
Albayrak hat deshalb zusammen mit Partnern wie Deutsche Telekom, Dr. Riedel Automatisierungstechnik, EnBW, Loewe, Merg-Systems, Vattenfall, MSR-Office und Orga Systems eine neue Initiative gegründet, die bei der Schaffung von Standards und der Integration der unterschiedlichen Geräte helfen soll. Der neue Verein namens "Connected Living", dessen Vorstandsvorsitzender Albayrak ist, soll dabei helfen, die Funktionalität von "Weißer Ware" und anderen im Haushalt gebräuchlichen Geräten durch Software beliebig um neue Features zu ergänzen. "Es werden nicht nur die Informationen einzelner Geräte betrachtet, sondern die jeweils für den Kontext relevanten Informationen verschiedener Geräte zielgerichtet nach Interesse zusammengesetzt", so Albayrak.
Um zu zeigen, wie ein voll digitalisiertes Heim aussehen könnte, betreibt Connected Living in Berlin einen Showroom. Dabei handelt es sich um eine komplett eingerichtete Wohnung aus vier Zimmern – mit einer Küche, einem Wohnzimmer, einem Arbeitszimmer und einem Fitness- respektive Wellnessraum. Hier wird Technik von Partnern wie Deutsche Telekom Laboratories, Vattenfall, EnBW, Miele, Loewe oder Digitalstrom präsentiert; nahezu jedes Gerät hängt in einem gemeinsamen, zentral steuerbaren Netz.
Als Beispiel nennt Vereinschef Albayrak einen Kochassistenten, der den Bewohner bei gesunder Ernährung unterstützt. "Dem Nutzer wird einerseits bei der Ausführung einzelner Kochschritte durch Informationen, Hinweise, Anweisungen und Filme geholfen, andererseits durch die einfache Handhabung der Küchengeräte. Beispielsweise kann der Kochassistent, ausgehend von den zu Hause vorhandenen Lebensmitteln und den bevorzugten Ernährungswünschen, einen Rezeptvorschlag erstellen und Schritt für Schritt beim Kochen unterstützen."
Durchaus praxisnah ist auch ein im Showroom zu sehender Energie-Assistent, der dem Benutzer den aktuellen Energieverbrauch an einzelnen Geräten oder in Räumen aufzeigt, welche Kosten diese verursachen und wieviel sie pro Stunde verursachen werden. Da ist die Motivation, den Fernseher öfter einmal auszulassen, schnell größer. "Zusätzlich kann der Benutzer dem Energie-Assistenten seine persönlichen Ziele bezüglich der Stromkosten mitteilen. Mit der Zeit ist der Energieassistent in der Lage, neue und optimierte Regeln vorzuschlagen."
Noch ist unklar, wann erste im Rahmen der Connected Living-Initiative und ihrer Vorläuferprojekte entwickelte Systeme auf den Markt kommen werden. Derzeit werde eine Einführungs- und Vermarktungsstrategie erarbeitet, sagt Albayrak. "Die bis jetzt erreichten Lösungen für den Bereich Energie und Gesundheit werden wir mit unseren Partnern sehr schnell einführen." Denkbar sei außerdem, einige Bereiche als Open Source zu veröffentlichen, damit interessierte Programmierer und Hardware-Entwickler über das Internet an den Projekten teilnehmen. Zentrales Element ist dabei eine eigens entwickelte "Home"-Plattform.
Deutschland stehe in diesem Bereich nicht schlecht da. "In der Tat haben wir hierzulande momentan eine bessere Ausgangsposition als in den USA und Asien." Diese Vorteile basierten einerseits auf den Wissensvorsprüngen der deutschen Unternehmen, die in verschiedenen Bereichen von Unterhaltungselektronik bis zur Weißen Ware Geräte und Lösungen anböten, andererseits aber auch auf den Leistungen der Forschungseinrichtungen.
Selbst ein als eher angestaubt geltender Versicherungsträger wie die AOK macht bei Connected Home mit. Die Kasse investiert insbesondere in so genannte Preventive-Health-Lösungen, die ein gesundes Leben unterstützen und explodierende Gesundheitskosten in den Griff bekommen sollen.
Permalink: http://heise.de/-276601