Wie Schellnhuber darlegte, hat sich das Tempo, in dem Grönlands Eisschelf schmilzt, im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt, das australische Great Barrier Reef werde aufgrund der Übersäuerung der Ozeane bis 2050 absterben. Gegenzusteuern ist nicht einfach, denn das vom Menschen freigesetzte CO2 werde bis zu 10.000 Jahre lang in der Atmosphäre bleiben. Wenn wie befürchtet in den nächsten 300 Jahren rund 5.000 Milliarden Tonnen Kohlenstoffverbindungen freigesetzt werden, drohe der Erdatmosphäre eine CO2-Konzentration von mehr als 700 ppm für mehr als 2.000 Jahre. Die Folgen: Die durchschnittliche Temperatur werde um mehr als fünf Grad Celsius ansteigen, die Meeresspiegel um bis zu 50 Meter anschwellen – und zwar für mehrere Jahrtausende. Das sei das „ewige Echo“ des menschlichen Eingriffs in die Atmosphäre.
Als zweite Komponente des neuen Manhattan-Projekts forderte Schellnhuber, die Innovationskraft von Forschung und Wissenschaft aggressiv von staatlicher Seite anzukurbeln. Man könne den von der Wissenschaft weitgehend akzeptierten Schwellenwert von nicht mehr als zwei Grad Celsius Erwärmung durchaus einhalten, ohne mehr als ein Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes dafür in Anspruch zu nehmen. Leider sei die Forschung und Entwicklung erneuerbarer Energien in den vergangenen 20 Jahren so gut wie vollständig vernachlässigt worden. „Jetzt müssen wir sofort durchstarten“, so der deutsche Wissenschaftler.
Als Beispiele führte er die Überlegungen für ein europaweites Supernetz an, das verschiedene erneuerbare Energiequellen wie Solarstrom im Süden und aus Wellenenergie gewonnenen Strom im Norden des Kontinents bündelt. Europa habe einige Ideen für dieses weltweite Unterfangen einzubringen, etwa die von der EU-Kommission angedachte Energiepolitik, um die Schwellenwerte von zwei Grad Erwärmung und 450 PPM einzuhalten, sowie die CO2Emissionen bis 2020 um 20 Prozent zu senken. „Das ist qualitativ das beste Maßnahmenbündel, das jemals präsentiert wurde“, sagte Schellnhuber. Auch wenn es Widerstand von einzelnen EU-Mitgliedern gäbe, werde das Maßnahmenpaket im Kern überleben.
Ohne die aktive Beteiligung der USA ist eine solche Energiepolitik indes ebenso geschwächt wie das Kyoto-Protokoll. Es sei ungemein wichtig, so Schellnhuber, dass sich die USA den Maßnahmen anschlössen. Als Blaupause für ein globales Forschungsvorhaben verwies er auf das Siebte EU-Rahmenwerk, das rund zehn Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung vorsieht. Ein transatlantischer Gipfel Ende April in Washington sei eine gute Gelegenheit, um über die Globalisierung des Vorhabens zu sprechen.
Die dritte Komponente in Schellnhubers Vision ist eine tiefgreifende Änderung des Lebensalltags von morgen. Das Verständnis von Stadt und Land müssen demnach neu definiert werden. Einerseits müssen enorme Mengen von Biomasse zur Erzeugung von Energie angebaut werden – und zwar Kohlenstoff-neutral, sodass der Atmosphäre CO2 entzogen wird. „Wir sollten die industrielle Maschinerie rückwärts laufen lassen, und wir sollten möglichst schnell herausfinden, ob das funktiert“, formulierte Schellnhuber. Zweitens muss seiner Meinung nach der Teufelskreis der Urbanisierung durchbrochen werden. Städte heutiger Prägung werden nicht in der Lage sein, sich an die Erderwärmung anzupassen, sondern die Situation noch verschlimmern.
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