Ende des 19. Jahrhunderts rätseln Chemiker, wie die Elemente in ein System zu bringen seien. Einer von ihnen traut seiner Intuition mehr als den Daten. Ein historisches Gespräch mit Dmitri Iwanowitsch Mendelejew.
TR: Dmitri Iwanowitsch, Sie haben die 63 Ihnen bekannten Elemente in Spalten und Reihen gruppiert. Nach welchen Gesichtspunkten?
Mendelejew: Zunächst einmal aufsteigend nach dem Atomgewicht. Dann nach ihren chemischen Eigenschaften – denn in periodischen Abständen tauchen bestimmte Merkmale immer wieder auf. Ähnliche Elemente landen dabei in einer gemeinsamen Gruppe. So offenbart sich eine verborgene Systematik – hat man sie erst einmal durchschaut, kann man damit irgend-wann auch den Ursprung des Universums erklären.
Viele Chemiker haben sich vor Ihnen an einem solchen System versucht. Wie kam Ihnen der entscheidende Einfall?
Ich hatte mir tagelang das Hirn zermartert, alle Elemente auf Pappkarten geschrieben und immer wieder neu angeordnet. Irgendwann muss ich wohl eingeschlafen sein. Im Traum sah ich dann, wie sich alle Elemente zusammenfügten wie bei einem Patience-Spiel. Es passte alles so perfekt zusammen, das konnte kein Zufall sein.
Ja, aber nur, weil Sie dort, wo es nicht passt, eine Lücke lassen und behaupten, dies wäre der Platz für ein bisher noch nicht entdecktes Element. Ist das nicht etwas hemdsärmelig?
Also gut, passen Sie auf: Zwischen Zink und Arsen muss es noch genau zwei weitere Elemente geben. Ich nenne sie Eka-Aluminium und Eka-Silizium. Letzteres wird sich als ein dunkelgrauer, metallischer Stoff herausstellen. Sein Atomgewicht muss nahe bei 72 liegen, sein Atomvolumen bei 13. Sein Chlorid wird flüssig sein und einen Siedepunkt von ungefähr 90 Grad haben. Ist Ihnen das immer noch zu hemdsärmelig?
Aber seit drei Jahren schon suchen Chemiker überall auf der Welt nach den von Ihnen geforderten Elementen – neben Eka-Silizium und Eka-Aluminium auch Eka-Bor. Bisher hat niemand etwas gefunden. Macht Sie das nicht nervös?
Nervös? Es macht mich wahnsinnig. Seit sechs Jahren wurde überhaupt kein neues Element mehr entdeckt. Ich könnte mir Tag und Nacht den Bart zerraufen.
Was würden Sie tun, wenn nun ein neues Element entdeckt wird, es aber andere Werte hat, als Sie vorhergesagt haben?
Ich würde den Entdecker bitten, seine Probe besser zu reinigen und noch einmal genau nachzumessen.
Chemie ist in der Bevölkerung mittlerweile fast populärer als die Physik. Studenten und gebildete Bürger strömen in Ihre Vorlesungen. Freut Sie das?
Ich fürchte, dass viele nur kommen, weil ich immer so nette Anekdoten erzähle. Aber die wenigsten halten Chemie für eine ernsthafte Wissenschaft. Und unter uns: Sie haben nicht ganz Unrecht. Die Biologie hat Darwin, die Physik hat Newton, und die Chemie hat einen Haufen Elemente, mit denen niemand etwas anfangen kann. Noch vor gut 15 Jahren gab es in der organischen und in der anorganischen Chemie unterschiedliche Namen und Atomgewichte für dieselben Elemente. Immerhin konnte man sich mittlerweile auf ein einheitliches Atomgewicht einigen – eine wichtige Voraussetzung für meine Arbeit...
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