Hans-Rudolf Tinneberg (Bild: DGRM)
Karl Illmensee hat sich nicht zum ersten Mal unbeliebt gemacht. Das erste Mal zog der Zellbiologe internationalen Unmut auf sich, als er 1981 behauptete, den ersten Mäuseklon erzeugt zu haben. Das im Fachmagazin "Cell" veröffentlichte Experiment konnte jedoch nie wiederholt werden.
2001 zeigte sich der Forscher dann als wissenschaftlicher Berater des zweifelhaften Klonforschers Severino Antinori. Letzterer behauptete schon einige Male, bald den ersten Menschen zu klonen. Seitdem trat Illmensee auch gemeinsam mit Panos Zavos, Direktor der Firma Reprogen, auf, die sich ebenfalls zum Ziel gesetzt hat, Menschen zu klonen.
Kein Wunder also, dass sich in der Deutschen Ärzteschaft niemand so recht gern mit dem streitbaren Reproduktionswissenschaftler abgibt. In der letzten Ausgabe des Fachorgans der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (DGRM) jedoch veröffentlichte Illmensee einen Beitrag über das Klonen und seine Anwendungsmöglichkeiten in der Medizin. Warum man einem derart umstrittenen Forscher überhaupt Platz dafür einräumte, wollte Technology Review vom DGRM-Vorsitzenden Hans-Rudolf Tinneberg wissen.
Technology Review: Herr Tinneberg, im Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie beschreibt Karl Illmensee einmal mehr, den Versuch einen Menschen zu klonen. Wie konnte es dazu kommen?
Tinneberg: Herr Illmensee hat den aktuellen Stand der Forschung zusammengetragen. Es handelt sich bei dem Beitrag um einen Übersichtsartikel. Es geht darum, welchen medizinischen Nutzen das Klonen heute aber auch künftig haben könnte. Dabei gehen seine Aussagen sicherlich in Richtung Anwendung, etwa beim therapeutischen Klonen, mit dem man hofft, neue Therapien für Patienten zu entwickeln. Aber auch welche Vorteile die Klonierungstechnik für künstliche Befruchtung haben könnte.
TR: ... welche Vorteile könnten das bitte sein?
Tinneberg: Er beschreibt etwa das Embryosplitting. Dabei entnimmt man einem Embryo im sehr frühen Stadium eine Zelle, die sich wiederum zu einem identischen Embryo entwickeln könnte. Einige Autoren sind der Meinung, dass diese Form zu einer höheren Erfolgsrate bei der künstlichen Befruchtung führen könnte.
TR: Das ist in Deutschland aber verboten. Zudem schildert Herr Ilmensee ganz explizit einen weiteren – misslungenen – Versuch, einem unfruchtbaren Paar einen geklonten Embryo einzusetzen – in Deutschland ebenfalls verboten. Wie findet dieses Vorgehen seinen Weg in ein deutschsprachiges Magazin?
Tinneberg: Bei dem Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie handelt sich um ein wissenschaftliches Publikationsorgan. Der von Herrn Illmensee beschriebene Versuch, einen geklonten Embryo zur Erzielung einer Schwangerschaft zu übertragen, ist in den USA erlaubt und darüber hinaus von der zuständigen Ethikkommission abgesegnet worden. Die Darstellung dieses Therapieversuches impliziert noch lange kein Einverständnis!
TR: Mit seinem Vorgehen hat sich Herr Illmensee den Unmut der Deutschen Ärzteschaft zugezogen. Der Berufsverband hat sich von ihm distanziert. Andere Reproduktionsmediziner halten sein Vorgehen für hochgradig unethisch. Wie können Sie Ihre Entscheidung rechtfertigen?
Tinneberg: Ich betrachte Herrn Illmensee als einen Menschen, der sich bereits sehr früh als Befürworter besonderer reproduktionsmedizinischer Techniken exponiert hat. Das bedeutet für mich nicht, dass man diese Techniken einsetzen muss. Der Beitrag ist ja auch ein Übersichtsartikel, der andere Autoren zitiert.
TR: Aber eben auch den eigenen gemeinsam mit dem ebenso umstrittenen griechischen Reproduktionsbiologen Panos Zavos unternommenen Klonversuch eines Menschen.
Tinneberg: Neben dem Klonversuch hat Illmensee in seinem Artikel auch dargestellt, dass diese Methode mit vielen unverstandenen Problemen behaftet ist, auf zum Teil breite Ablehnung stößt und auf gar keinen Fall als etablierte Methode betrachtet werden kann.
TR: Zudem hat sich Herr Illmensee im Dunstkreis von Severino Antinori bewegt, einem Arzt, der vom Klonen besessen scheint.
Tinneberg: Ich denke, dass er in diesen Kreis von anderen hineinprojiziert wurde. Ich halte Herrn Illmensee für sehr viel seriöser als etwa Antinori, der gedroht hat, sich auf ein Schiff außerhalb der 3-Meilen-Zone zu begeben, um dort fernab von Gesetzen machen zu können, was er will. Illmensee hat den Finger erhoben und darauf gedrungen, die Dinge nicht nur durch die ideologische Brille zu betrachten.
TR: Aber er trat als Berater von Antonori auf.
Tinneberg: Nach meinem Wissen hat sich Herr Illmensee immer im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten bewegt. Ich sehe ihn nicht als Berater von Antonori, sondern als einen Wissenschaftler, der sich mit in vielfacher Hinsicht besonders schwierigen Vorgehensweisen in der Reproduktionsbiologie befasst.
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