Bild: Brocco (cc-by-sa-2.0)
Großen Streit gibt es seit einigen Monaten um den Begriff des Open Access (OA): Der besagt, dass staatlich finanzierte Forschung auch gefälligst der Allgemeinheit, etwa über freie Studiendatenbanken, zugänglich gemacht werden muss. Die Traditionalisten fürchten ein Ende bestehender Geschäftsmodelle und das ihrer Meinung nach große Chaos im Netz, wenn Verlage nicht mehr die Gatekeeper spielen und würden lieber bei Non Open Access (NOA) bleiben. Ihre Gegner können wissenschaftliche Informationen dagegen nicht schnell genug in der Hand von jedermann (und aller Forschungskollegen) sehen.
Bis letzterer Traum wirklich in die Tat umgesetzt ist, bildet sich jedoch im Netz, wo sowohl OA- als auch NOA-Texte inzwischen ihren Hauptvertrieb haben, zwischenzeitlich eine Grauzone. Und die ist durchaus erstaunlich, weil bislang kaum bekannt: Auch Forscher nutzen nämlich längst Tauschbörsen im Netz, um an Material zu gelangen, das sonst nur hinter Bezahl- und Abomauern liegt.
Was sich im regulären Netz bei Filmen, Musik und zunehmend auch elektronischen Büchern zeigt, schwappt damit auch auf die Wissenschaftswelt über: Forscher, die sich teure Subskriptionen für wissenschaftliche Zeitschriften nicht leisten können (oder wollen), "swappen" ihr Material untereinander.
Ken Masters, auf Medizintechnologie spezialisierter IT-Experte, veröffentlichte nun die Ergebnisse einer über ein halbes Jahr lang laufenden Untersuchung zur Anatomie solcher Graumärkte. Sie wurde im (übrigens offenen) "Internet Journal of Medical Informatics" veröffentlicht und erforschte eine besonders beliebte Website für Medizininformationen.
Das vielgenutzte Forum richtet sich explizit an Fachleute – Medizinstudierende sowie Berufsmediziner. Der Tausch läuft ungezwungen ab: Man registriert sich und ist drin. Dann werden in einem Unterforum Möglichkeiten angeboten, Dokumentenwünsche zu äußern. Die werden laut Masters schnell erfüllt. Er ertappte bei seiner Untersuchung neben Studenten und Fachärzten auch Forscher, die an dem Angebot teilnahmen. Besonders beliebt waren dabei Artikel aus den Standardblättern "Science" und "Nature" sowie Beiträge medizinischer Fachjournale. Immerhin 4,5 Mal wurde jeder Text im Schnitt getauscht.
Die Teilnehmer der Börse, deren Größe mit fast 130.000 Mitgliedern durchaus signifikant ist, gaben sich zudem äußerst hilfsbereit. Von 6587 angefragten Dokumenten wurden immerhin 5464 flott bereitgestellt – das ist eine Erfolgsquote von 82,9 Prozent. Masters rechnete auch aus, wie viel Geld den Fachverlagen theoretisch verloren ging: Aufgerechnet auf das Jahr 2008 waren es allein durch dieses eine Forum mit seinen insgesamt 300.000 Postings 1,4 Millionen Dollar, verteilt allerdings auf 2867 unterschiedliche Publikationen und Konferenz-Notizen. "Diese Methode des Datenzugriffs ist höchst effektiv", urteilt Masters denn auch, "nur das es dabei ethische und finanzielle Auswirkungen gibt". Der IT-Experte rät den NOA-Verlagen deshalb, das Problem zu erkennen und sich ihm anzunehmen. "Auch müssen Größe und Auswirkungen untersucht werden."
Es wäre gut möglich, dass die Wissenschaftsverlage künftig damit beginnen, ihr bezahltes Material besser abzusichern als früher. Im Sinne einer einfachen Zitierbarkeit stehen Texte gerne nach Log-in auf NOA-Angeboten im einfachen Text-Format bereit und können problemlos per Copy & Paste "entführt" werden. Im schlimmsten Fall droht Forschern hartes digitales Rechtemanagement, wie es normale Nutzer im E-Book-Bereich kennen: Hier können digitale Druckwerke nur auf einer bestimmten Anzahl von Geräten gelesen werden oder enthalten eine Beschränkung, wie viele Zeichen jeweils aus dem Dokument entnommen werden dürfen. Für die Forschung dürfte das äußerst negative Auswirkungen haben.
Rechercheur Masters, der selbst Unterzeichner der "Budapest Open Access Initiative" war, sieht für das Problem keine einfache Lösung. Er glaubt aber, dass nicht nur Verlage diese wissenschaftliche Piraterie im Auge behalten sollten, sondern auch die Open Access-Gemeinschaft. Denn die will ja schließlich, dass mehr und mehr Informationen frei verfügbar sind.
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