Bei der Bundestagswahl lieferte ein Wettspiel bessere Prognosen über das Wahlergebnis als die Meinungsforscher. Mit der gleichen Methode lassen sich auch wirtschaftliche Kennzahlen zuverlässig und mit geringem Aufwand abschätzen.
Mitte September, eine Woche vor der Bundestagswahl: Wenn es nach den Vorhersagen der großen Meinungsforschungsinstitute geht, können sich die Christdemokraten auf eine bequeme Mehrheit freuen. Alle Prognosen liegen bei 35 bis 37 Prozent. Nur ein paar Soziologen der Uni München halten dagegen: Gerade einmal 33,75 Prozent der Stimmen werden CDU und CSU bekommen, so ihre Prognose.
Eine Punktlandung, wie sich am Wahlsonntag zeigte – tatsächlich erreichte die Union 33,8 Prozent. Bei den anderen Parteien war die Prognose der Münchner zwar nicht ganz so treffsicher, aber unter dem Strich immer noch zuverlässiger als die aufwendigen Umfragen von Allensbach, Emnid und Co. „Mit nur 0,8 Prozentpunkten mittlerer Abweichung haben wir alle Sonntagsfragen unterboten. Diese weisen eine mittlere Abweichung von 2,0 Prozentpunkten auf“, schreiben die Initiatoren vom Institut für Soziologie der Uni München.
Das Geheimnis dahinter: Die Ergebnisse kommen nicht über eine Umfrage, sondern über eine sogenannte Prognosebörse zustande. Statt Teilnehmer einfach nach ihrer Meinung zu fragen, sollen sie – wie an einer Aktienbörse – über die Entwicklung bestimmter Kennzahlen spekulieren.
Das Prinzip solcher Börsen, die im Grunde nichts anderes sind als Wetten auf einen bestimmten Kursverlauf, ist einfach am Beispiel der Wahlprognose zu erklären: Auf der Webseite „Wahlstreet.de“ können Teilnehmer mit virtuellem Geld Aktien der Parteien kaufen und verkaufen. Angebot und Nachfrage regeln den Kurs. Der Unterschied zum realen Börsenparkett: An einem bestimmten Stichtag – in diesem Fall am Wahlsonntag – ist alles vorbei. Dann wird für jede Aktie genau so viel ausgezahlt, wie die Partei an Stimmen erreicht hat.
Ziel eines jeden Anlegers ist es, sein Kapital durch geschickte Transaktionen zu mehren. Wer also überzeugt ist, dass etwa die Union 33 Prozent erreichen wird, und der aktuelle Kurs steht bei 31, wird das Papier kaufen. Behält er Recht, kann er am Wahltag zwei Euro Kursgewinn einstreichen. Gleichzeitig treibt dieser Kauf auch den Kurs der Partei nach oben. Auf diese Weise entspricht die aktuelle Notierung immer der kollektiven Erwartung, wie die entsprechende Partei abschneiden wird – und taugt damit hervorragend als Vorhersage-Instrument.
Mit solchen Prognosemärkten wird seit Ende der achtziger Jahre experimentiert – nicht nur bei Wahlergebnissen, sondern auch, um zuverlässige Schätzungen über die Entwicklungen von harten wirtschaftlichen Kennzahlen zu erhalten. Bei Siemens etwa wurde schon Mitte der Neunziger darauf gewettet, wie lange sich der Abschluss von IT-Projekten hinziehen würde. Bei Google, wo der bislang größte unternehmensinterne Vorhersagemarkt stattfindet, setzen die Angestellten auf die Anzahl künftiger „Gmail“-Nutzer oder darauf, wann ein neuer Google-Service Marktreife erlangen wird. Bei Hewlett-Packard spekulierten Mitarbeiter auf die Anzahl von verkauften PCs.
Trotz solcher Vorzeigeprojekte wurde es still um die Vorhersagebörsen. „In vielen Unternehmen sind Prognosemärkte über die Pilotphase nicht hinausgekommen“, bestätigt Emile Servan-Schreiber, der vor zehn Jahren mit „NewsFutures“ das erste Unternehmen für die kommerzielle Nutzung von Prognosebörsen gegründet hat. Doch nun kommt neuer Schwung in die Branche. Neben NewsFutures sind eine ganze Reihe anderer auf Prognosebörsen spezialisierter Beratungsfirmen entstanden, darunter Consensuspoint, Inkling und Crowdcast, das vor Kurzem mehrere Millionen Dollar an Investorengeldern erhalten hat.
Dass die genaue Vorhersage der Bundestagswahl kein Zufallstreffer war, belegt eine kürzlich veröffentlichte Studie,...
Neugierig geworden? Der vollständige Artikel erschien in der Print-Ausgabe 11/2009 von Technology Review und steht als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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