Es gibt nicht viele Werbeplakate, auf denen das Wort "Anti-Angiogenese" steht. Aber es gibt sie. Die sperrige Vokabel prangte Mitte Mai von den Bushaltestellen Chicagos, platziert vom Biotechnologie-Unternehmen Genentech. Das Plakat war der Auftakt einer cleveren Kampagne: Am 19. Mai kündigte Genentech positive Studienergebnisse zu seinem Krebsmedikament Avastin an - und traf genau den Geschmack der Geldgeber: Genentechs Aktie schoss an jenem Montag um 38 Prozent nach oben. Mit einer schlichten Pressemitteilung hatte der kalifornische Konzern innerhalb von Stunden 7,9 Milliarden Dollar an Wert gewonnen.
Ja, wirklich, diese Geschichte spielt im Jahr 2003. Vor drei Jahren wäre sie im Getöse der Börsenmeldungen untergegangen. Damals genügten Firmen die Silben "Bio" oder "Gen" im Namen, um Kapital anzulocken, und junge Gründer schmiedeten ihre Geschäftspläne beim Mensa-Essen. Doch der Börsenknall von 2000 sprengte die Party; seitdem herrschte Kehraus-Stimmung unter den "roten" (pharmazeutischen) Biotechs. Wer verdienen wollte, musste plötzlich liefern, statt nur zu erzählen. Willkommen in der Wirklichkeit.
Und nun verzaubert die Geschichte von der Wunderarznei Avastin wieder das zahlungskräftige Publikum - bevor das Mittel überhaupt zugelassen ist. Sie klingt schön, aber allzu bekannt.
Ausgerechnet Avastin. Noch vor einem Jahr galt die Arznei als gescheitert, weil sie in Tests keinerlei Wirkung gegen Brustkrebs gezeigt hatte. Das Comeback des Krebsmittels inszenierte Genentech auf der Jahrestagung der amerikanischen Gesellschaft für klinische Onkologie (Asco) Anfang Juni in Chicago: Avastin verlängert die Lebenszeit von Darmkrebspatienten um mehrere Monate, berichtete Studienleiter Herbert Hurvitz vom Duke Comprehensive Cancer Center in Durham (North Carolina). Seine Kollegen applaudierten zum ersten handfesten Nachweis für die Wirksamkeit von Avastin.
Die Asco-Konferenz geriet zum Auferstehungsfest der Zombies unter den Krebsmitteln. So wähnte man auch Erbitux vom US-Unternehmen Imclone und Iressa aus dem britischen Hause Astra Zeneca bereits beerdigt auf dem Friedhof der Pharmazie. Im Frühsommer von Chicago erwachten sie dank positiver klinischer Studien zu neuem Leben.
Unzähligen Todkranken gibt dies Grund zu gemessener Hoffnung. Avastin, Erbitux und Iressa können ihnen Monate ihres Lebens schenken. Neue Hoffnung auch bei den Forschern: Mit Avastin hat erstmals ein so genannter Angiogenese- Hemmer seine Wirkung gezeigt. Eine schon aufgegebene Waffengattung gegen Krebs scheint reaktiviert.
Dieser Text ist der Zeitschriften-Ausgabe 09/2003 von Technology Review entnommen. Der Artikel steht auch als kostenpflichtiges pdf im Heise Kiosk zum Download bereit.
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