Bild: Tam Tam (cc-by-sa-2.0)
Fast jeder Mensch kennt das: Hört man Musik aus seiner Kindheit, fühlt man sich unvermutet in jene Zeit zurückversetzt und kann sich plötzlich wieder Ereignissen entsinnen, die viele Jahre zurückliegen. Das Gehirn, so scheint es, verknüpft mit Melodien und Rhythmen auch bei eher unmusikalischen Zeitgenossen stets parallel dazu Erinnerungen. Die Kraft des assoziativen Denkens führt den Betroffenen anschließend von Gedankenfetzen zu Gedankenfetzen, bis ein detailliertes Bild der Vergangenheit entsteht, ausgelöst nur durch ein paar kurz gehörte Töne.
Forscher am Institut für Musik und neurologische Funktion in der US-Metropole New York setzen bereits seit längerem Musiktherapie ein, um Demenzpatienten zu helfen – darunter solchen mit der für Betroffene und ihre Angehörigen oft äußerst schmerzhaften Alzheimer-Erkrankung. Auch bei solchen Menschen läuft die Erinnerung an lange zurückliegende Ereignisse kaum anders ab als bei Gesunden, hat Exekutivdirektorin Concetta Tomaino festgestellt. Sie fragt dabei zunächst in der Familie, was der Betroffene früher gerne gehört hat. Dann geht es ganz schnell: Auf einen Musikspieler wird eine entsprechende Songauswahl aufgespielt und der Patient dann damit konfrontiert. Die Resultate sind oft erstaunlich, sagt Tomaino: Menschen, die nicht mehr wissen, was sie vor einer Stunden getan haben, erinnern sich plötzlich an Ereignisse, die vor 20 oder 30 Jahren geschahen.
Nach der Therapie ist oft auch die Gehirnfunktion insgesamt verbessert. In einer von Tomaino durchgeführten Untersuchung für die Gesundheitsbehörde eines US-Bundesstaates ergab sich, dass rund 50 Patienten mit mittlerer bis schwerer Demenz bei Funktionstests später um bis zu 50 Prozent besser abschnitten. Dazu wurden sie nicht ganz ein Jahr drei Mal pro Woche jeweils eine Stunde mit ihrem personalisierten Musikprogramm beschallt. Laut einem Bericht des "Wall Street Journal" erkannte dabei einer der Patienten nach Monaten erstmals seine Frau wieder, die er zuvor aufgrund der Demenz für eine Fremde gehalten hatte.
Die Musiktherapie bietet dabei nicht nur ein individualisiertes iPod-Programm, sondern umfasst auch Gruppensingen und Tanzen bekannter Songs aus der jeweiligen Jugend. Das sei für das Gehirn kaum anders als das physische Training für den Körper, meint ein Musiktherapeut. Einer der Gründe für die erfolgreiche Anwendung scheint die Art, wie der menschliche Denkapparat Töne verarbeitet: Für Melodien existiert kein einzelnes Zentrum, Hören, Verstehen und passende Bewegungen, etwa ein Wippen, beschäftigen große Teile des Gehirns. Emotionen und Musik liegen dabei auch funktional besonders nahe beieinander.
Der Hirnbereich, der besonders mit der Verarbeitung musikalischer Erlebnisse beschäftigt ist, der präfrontale Kortex, gilt als auch jene Region, die von Alzheimer typischerweise zuletzt befallen wird. Da verwundert es nicht, dass Musiktherapie auch Patienten im mittleren bis späten Stadium der Krankheit helfen kann. Hier hilft vor allem eine ausreichend hohe Frequenz des musikalischen "Trainings".
Problematisch ist noch, dass es bislang kaum genügend ausgebildete Musiktherapeuten mit Schwerpunkt Geriatrie gibt – in den USA sind das von rund 5000 weniger als 20 Prozent, so das "Wall Street Journal". Eventuell hat der von Außenstehenden gerne belächelte Behandlungsbereich hier eine interessante Marktlücke gefunden, die es zu besetzen gilt.
Gut an Musik zur Erinnerungsfindung ist auch, dass Menschen keineswegs nur positive Ereignisse mit ihr verbinden – auch schlechte Zeiten werden wach, ohne die das Bild nicht komplett wäre. Da Patienten hierauf schwierig reagieren können, bedarf es aber einer sensiblen Herangehensweise.
Wie die Erfahrungen aus Forschung und Praxis zeigen, kann es also nützlich sein, auch seine alten CDs, Kassetten oder MP3-Spieler, so lange sie denn nicht mit Festplatten- oder Speicherschaden aufgeben, möglichst lange zu behalten. Wer das Material nicht mehr benötigt, kann es auch spenden – das Institut in New York nimmt alte Geräte gerne an, um die Patienten damit zu versorgen.
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