Im August 2006 haben wir alle noch herzhaft über die Idee gelacht: Ein deutscher und ein spanischer Wissenschaftler hatten gemeinsam das erste wissenschaftliche Paper in Comicform veröffentlicht. „Die Motivation der Forscher ist edel“, kommentierte der Kollege Gordon Bolduan damals. Um dann den Verriss folgen zu lassen: „Sie wollen Barrieren für den interdisziplinären Austausch abbauen und die komplexe Wissenschaft der Öffentlichkeit zugänglich machen. Doch dieses Ansinnen ist nicht neu ... Bilder mit und ohne Sprechblasen lassen sich weder leichter noch schneller lesen als reiner Text. Und ein Comic braucht Dramturgie und Protagonisten, damit das Kino im Kopf entsteht. In der Wissenschaft finden sich aber selten Duelle mit Schurken...“
Doch seit ich den Physik-Manga Mechanik auf dem Rezensionstisch liegen hatte, muss ich widersprechen. Das schmale Bändchen aus dem Hause Vieweg+Teubner, die ich aus meiner Studienzeit noch mit extrem trockener Materie assoziiere, erklärt die wesentliche Grundzüge der Mechanik und Dynamik. Und für mich - aber ich denke nun mal primär in Bildern - erklärt eine gute Grafik sehr wohl manchmal einen Zusammenhang, bevor ich diesen Zusammenhang dann auch wirklich in Worte (und damit in einen sequentiellen Ablauf) packen kann.
Besonders entzückend fand ich bei der Lektüre allerdings nicht nur die grafische Aufbereitung, sondern den erzählerischen Aufbau: Weil Hideo Nitta und Keta Takatsu hier die Geschichte von zwei Jugendlichen erzählen, gibt es natürlich ganz viele Dialoge. Und die lassen reichlich Raum zum Nachfragen und Diskutieren nach dem Motto: Hmm, wenn das so ist, wie Du sagst, dann müsste doch aber ...
Und es ist genau dieses „dann müsste doch aber“, für das in gewöhnlichen Lehrbüchern kein Platz gelassen wird. Die Diskussion, das hin- und herwenden von Ideen, das Herumkauen auf Konzepten wird den Studierenden selbst überlassen, in der optimistischen Annahme, dass sie sowohl Zeit, als auch Raum und geeignete Dozenten dafür haben. Eine Annahme, die leider nur allzu oft falsifiziert wird. Ich denke jedenfalls mittlerweile, Comic-Lehrbücher sind eine coole Idee. Und ich wünsche mir wesentlich mehr Autoren, Dozenten und Zeichner, die den Mut haben, etwas in dieser Art zu versuchen. (Wolfgang Stieler)
/
(wst)
Permalink: http://heise.de/-1015923
Über den Autor
Wolfgang Stieler hat schon als Kind gern mit Maschinen gespielt und gute Geschichten geliebt. Nach einem kurzen Ausflug in die Welt der Naturwissenschaften setzt er beide Vorlieben seit 1998 im Job um - seit 2006 ist er für den Online-Auftritt von TR verantwortlich.
Immer mehr Menschen kriegen Ärger, weil sie über Twitter oder Facebook Dampf ablassen. Dabei könnte Technologie hier durchaus Abhilfe schaffen. Mehr…
Das FBI will Facebook und Twitter überwachen. Schlamperei! Warum tun die das nicht schon längst? Mehr…
Worum streiten die Präsidentschaftskadidaten der Republikaner in den USA? Um Strategien zur Bekämpfung des gigantische Staatsdefizits der Vereinigten Staaten? Die Modernisierung der US-Energieversorgung? Den Militäreinsatz im Nahen Osten? Falsch, alles falsch. Mehr…