Sucht man im Internet nach den Begriffen "Amok" und "Killer", erscheint neben Berichten zu dem finnischen Amokläufer Matti Saari auch die Empfehlungs-Website Mister Wong mit der Frage "Sie interessieren sich für amok oder killer, smileys, smilies, emoticons, blog, green, shooter, lauf, game, strike oder ego?" Auch wenn die Suchbegriffe es suggerieren – Martialisches ist unter den Treffern nicht zu finden.
Für Gewalt gibt es im Netz keinen Markt, wie etwa für Pornographie. Deshalb sind entsprechende Websites auch verhältnismäßig dünn gesät. In den alten Medien war das Kino der Ort, an dem Gewaltphantasien gezeigt wurden; in der digitalen Welt sind es Videospiele. Über fatale Ankündigungen wie sie auch Pekka-Eric Auvinen machte, der letzten November in einer Schule im südfinnischen Tuusula acht Menschen und dann sich selbst erschoss, stolpert man im Internet höchstens zufällig.
Der Kampf um die Aufmerksamkeit hat im Netz allerdings schon einige Grenzen verschoben. Websites wie Liveleak.com zeigen Aufnahmen von Unfällen mitleidlos ungeschnitten. Andere Sites liefern Anguck-Mutproben für Pubertierende in der Tradition von Horrorfilmen und Splattermovies. Auf Videoplattformen wie YouTube finden sich in den Clip-Massen natürlich auch Dokumente dämlicher Jugendgewalt, etwa des "Happy Slapping". Dabei werden vor laufendem Videohandy Unbekannte geschlagen und die Bilder im Netz verbreitet.
Aber das Netzphänomen, das uns überrollt, ist nicht Gewalt. Warum haben die Folterer in Abu-Ghuraib sich selbst und ihre Opfer fotografiert? Warum stellt ein Engländer ein Video auf YouTube, auf dem zu sehen ist, wie er - das Nummernschild gut zu erkennen - mit seinem Motorrad mit 150 Sachen durch ein Wohngebiet rast? Wohin führen uns die immer ungehemmteren Darbietungen von Übermut, Aberwitz und wildgewordener Guinessbuch-Mentalität im Netz?
Wer bei YouTube Videos hochlädt, verpflichtet sich, keine Kriminalität, keine Gewalt und keine Pornografie zu zeigen. Man setzt auf Selbstreinigung. Jeder Nutzer kann jedes eingestellte Video beanstanden. Es ist die schiere Menge, die Kontrolle fast unmöglich macht: Pro Minute werden mehrere Stunden Filmmaterial bei YouTube hochgeladen.
Das Netz ist ein fantastisches Podium der Selbstdarstellung. Jeder kann sich nun ohne große Umstände der Welt zeigen und fast jeder scheint es zu wollen - auch die schwarzen Seelen. Die Bereitschaft, sich darzustellen, hat die Dimensionen eines gewaltigen sozialen Experiments angenommen. Nie war der Wunsch, zu sehen und gesehen zu werden, so ausgeprägt wie heute. Durch das Internet haben wacklige Handybilder nun dieselbe Wirklichkeitsmacht wie ein Fernsehbild. Manche versuchen diese Macht zu missbrauchen für eine pathetische, mörderische Geste. Das Problem: Ihr können wir uns nicht entziehen. (Peter Glaser)
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Über den Autor
Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin. Computerinteressiert. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs.
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