Falsches Feindbild
08.01.13 - von Robert Thielicke
Das Lied ist alt und wird über die Zeit nicht stimmiger: Die Deutschen sind innovationsfeindlich, heißt es immer wieder. Dabei lieben sie Technik. Sie bekommen nur nicht das, was sie wollen.
Gerade war in der „Welt am Sonntag“ wieder eine Lobeshymne auf den Physiker Michio Kaku von der City University of New York zu lesen. Bejubelt wurde sein Buch „Die Physik der Zukunft“ und die darin enthaltenen wunderbaren Prophezeiungen für die Welt in 100 Jahren. 300 Wissenschaftler und Zukunftsbegeisterte hat er dazu befragt. Dass Forscher selten pessimistisch in die Zukunft blicken, liegt in der Natur der Sache: Sie arbeiten darauf hin und verdienen damit ihr Geld. Aber um den Wahrheitsgehalt ihrer Prophezeiungen soll es hier gar nicht gehen. Sondern um etwas anderes: Um die fast zwanghafte Klage in solchen Aufsätzen, wie wenig doch die Deutschen demgegenüber mit dem Fortschritt anfangen können. Sie seien bestenfalls technologiekritisch, schlimmstenfalls vollkommen innovationsfeindlich. Eine vernünftige Zukunft jedenfalls sei mit ihnen nicht zu machen.
Deshalb sei an dieser Stelle gesagt: Man kann es auch anders sehen. Das Feindbild der selbst ernannten Optimisten existiert nicht. Die Deutschen lassen sich durchaus von Technologie begeistern. Das Problem liegt woanders: Wenn sie als Ingenieure beginnen, sich damit zu beschäftigen, vergessen sie darüber oft den Menschen. Wir sind Weltmeister des Tüftelns und des Feintunings. Hier trifft der Hang zum Perfektionismus den Willen, immer noch einen Schritt weiter zu gehen, die Maschine immer noch ein Stück besser zu machen – dabei aber Schritt um Schritt den normalen Menschen aus den Augen zu verlieren. Die Eigenart hat durchaus Vorteile: Kaum ein Land auf der Welt kann komplexe Maschinen und ganze Fertigungsstraßen so hochwertig bauen. Die Unternehmen sind Weltspitze bei Industrierobotern, Tunnelbohrmaschinen, Windkraftanlagen und Gaskraftwerken, um nur einige Beispiele zu nennen. Wir sind da gut, wo die normalen Menschen und ihre Bedürfnisse weit weg sind. Wer hat schon einen rasenden Roboterarm im Wohnzimmer stehen? Wer ein Windrad im Vorgarten?
Der Nachteil: Nähert sich so mancher Ingenieur dem Alltag, wird es holprig. Intelligente Wohnungen, die Senioren um Alter das Leben erleichtern und vereinfachen sollen, stecken in Pilotphasen fest – weil die beteiligten Unternehmen lieber revolutionäres Hightech liefern als sinnvolle Geräte. Das Mautsystem für LKWs ging erst mit jahrelanger Verzögerung an den Start, weil die Technologieschau anfangs wichtiger war als der Zweck: Straßengebühren einzuziehen. Noch ein Beispiel? Die MP3-Technologie, hierzulande entwickelt, war nun wahrlich nicht das Opfer technologiefeindlicher Proteste – sondern unerkannter Marktchancen. Dateien komprimieren, um Musik zu verschicken oder mit sich herumzutragen, das schien vielen dann doch zu banal zu sein.
Hätten wir mit diesen Überzeugungen das iPhone entwickeln können? Wohl kaum. Lieber hätten wir noch ein Feature und noch eines in das Smartphone hineingepackt. Nicht so sehr, damit sie jemand benutzt. Sondern, damit sie drin sind.
Das ist keine Kritik. Sondern eine Ermutigung an die Ingenieure hierzulande, den Menschen in den Blick zu nehmen. Menschen wollen, dass neue Entwicklungen, die sie direkt betreffen, auch einen Nutzen für sie haben. Dass die TU München seit Mitte vergangenen Jahres einen "Munich Center for Technology in Society" aufbaut, ist immerhin ein guter Schritt. Denn dort, wo deutscher Tüftlergeist und menschliche Bedürfnisse sich treffen, ist das Ergebnis ziemlich überzeugend: Schließlich hat sich noch niemand darüber beklagt, die Deutschen würden ihren Autos feindlich gegenüberstehen. (Robert Thielicke)
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