Geschichte wird gemacht!
10.10.11 - von Wolfgang Stieler
Das Büro, in dem ich sitze, hat zwei Fensterfronten. Die Zimmerecke, an der diese Fensterfronten aufeinander stoßen, ist ziemlich genau nach Norden ausgerichtet - was dem profanen Dienstzimmer nicht nur Weitblick sondern auch das vage Flair einer Eisbrecher-Brücke verleiht, wenn die Herbsttürme aus der Norddeutschen Tiefebene gegen den Stadtrand Hannover branden.
Liegt es an der Jahreszeit, dass ich solche Assoziationen habe? Wahrscheinlich spielt auch die ständig höher steigende Flutwelle schlechter Nachrichten über den Zustand der Wirtschaft eine Rolle. Fast ist man geneigt, dem kränkelnden Euro im Takt der Newsweeks den Puls zu fühlen. Wie gut, dass die Post mir tröstliche Literatur an den Schreibtisch bringt: Jeremy Rifkin berichtet in seinem neuen Buch von der "Dritten Industriellen Revolution".
Der Soziologe, Ökonom und Zukunftsforscher, den unser Kollege Stefan Heuer im April 2005 liebevoll, spöttisch als "Revolutionär im Maßanzug" portraitiert hatte - als einen Mann mit großen Visionen, der beim weit blicken schon mal die lästigen, kleinen Details aus den Augen verlieren kann - hat es schon wieder getan: Im Jahrestakt bringt der Mann Sachbücher auf den Markt. Pünktlich zur Finanzkrise und Energiewende nun also die Zukunftsvision für alle, die wissen wollen, wie es weitergehen soll.
Denn der drohende finanzielle Kollaps und das Ende der fossilen Brennstoffversorgung sind für Rifkin nur die Geburtswehen einer neuen Epoche: Der Dritten Industriellen Revolution. Die wird - die Piratenpartei dürfte sich über die Einschätzung genauso freuen wie die Grünen - gebildet aus dezentraler Versorgung mit erneuerbaren Energien. Jedes Gebäude erzeugt mehr Strom als es braucht und überschüssige Energie wird in Wasserstoff verwandelt. Kombiniert mit einem globalen Ausbau des Internets wird eine Kultur der freiwilligen Kooperation und des Teilens entstehen. Deutschland spielt übrigens - man mag es kaum glauben - eine ganz zentrale Rolle bei der Umsetzung dieser Vision, erläuterte der Autor im Interview mit dem Deutschlandradio.
Und dann wird alles gut. "Der Umstieg von Produktivität auf Generativität und von Effizienz auf Nachhaltigkeit", schreibt Rifkin, "bringt unserer Spezies zurück in den Gleichschritt mit Ebbe und Flut, mit Rhythmen und Periodizität der weiteren Biosphärengemeinschaft, mit der wir auf eine komplexe Weise und unteilbar verbunden sind. Das ist es, worum es bei der Dritten Industriellen Revolution wirklich geht und weshalb bestehende ökonomische Theorien, wie man sie an unseren wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten lehr, einen inadäquaten Referenzrahmen dafür bieten, eine neue ökonomische Ära zu steuern und ein Biosphärenbewußtsein zu generieren". Noch Fragen? Wer mehr wissen will, muss 24, 95 Euro investieren. Die Ära des Teilens hat noch nicht begonnen. (Wolfgang Stieler)
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