Zum Glück werden Japans Firmenkrieger nicht wie Sportler bei Olympia auf unerlaubte Stimulanzien untersucht. Denn bei dem gesellschaftlich in allen Schichten und bei allen Geschlechtern weit verbreiteten Konsum an Stärkungsdrinks würde es mich nicht wundern, wenn viele Japaner durch die Dopingkontrollen rasseln würden. Es ist mir schleierhaft, warum noch kein anderer Staat bei der Welthandelsorganisation Klage wegen Wettbewerbsverzerrung durch das Massendoping von Japans Arbeitskräften eingelegt hat.
Zahllose Fläschchen voll mit Koffein, Nikotinsäure, Vitaminen bis hin zu Extrakten aus Tierpenissen versprechen, verbrauchte Energie sofort zurück zu bringen und müde Augen für die Doppelschicht zu öffnen – zu Preisen zwischen 60 Cent und mehr als zehn Euro. Der Glaube an die Kraft der Drinks ist sogar soweit verbreitet, dass ihre Vergabe ,zum Beispiel an Handwerker, zum guten Ton eines Gastgebers gehört.
Eine der billigsten Varianten ist der Hallo-Wach-Drink Min-min-da-ha ("Der Schläfrigkeitszerstörer"), der wie ein Turboespresso schmeckt. Ein Fläschchen führt dem Organismus 50 Milliliter an Traubenzucker, eine nicht näher definierte Menge Koffein, die Vitamine C, B1, B2 und B6 und Niacin zu. "Für die Arbeit und zum Pauken" wirbt die Banderole in groß und warnt im Kleingedruckten: Bitte nicht an Schwangere und Kinder abgeben.
Ein anderer Dauerbrenner, Lipovitan D, kommt für etwas unter einem Euro auf 100 Millilitern mit 1000 Milligramm Taurin daher (eine zweieinhalb so hohe Konzentration wie in Red Bull). Dazu gibt es 50 Milligramm des beliebten Kokainstreckers Inosit, 20 Milligramm an Nikotinsäure, je fünf Milligramm an Derivaten der Vitamin B1, 2 und 6 sowie 50 Milligramm Koffein. Die Einnahme wird empfohlen nach harter Arbeit und während der Rekonvaleszenz. Die Luxusvariante für drei Euro trumpft mit der doppelten Menge an Taurin und zusätzlichen Auszügen aus diversen ostasiatischen Kräutern wie Shikoga (das auch gegen Strahlenschäden schützen soll), Schisandra (Schisandra chinensis), Kukoshi (Lycium chinense M.) oder Cistanche salsa auf. Selbst die Haarwurzeln werden mit Legionen verschiedener medizinischer Shampoos gestärkt.
Der neueste Clou ist seit April das erst vor einem Jahr als Nahrungsmittelzusatz zugelassene Citrullin, eine nach der Wassermelone benannte, nicht-proteinogene Aminosäure. In der Wassermelone ist die Konzentration besonders hoch. Citrullin-Drinks versprechen Sportlern, ihnen Beine zu machen. Für den Zwischenspurt gibt es sogar Citrullin-Kaugummis.
Es darf allerdings bezweifelt werden, ob die neuen Stoffe dem Dauerbrenner unter Japans biologischen Dopingpräparate gefährlich werden können: Hornissensaft, seit 1995 als "Vaam" (kurz für "Vespa Amino Acid Mixture") auf dem Markt. Bekannt wurde der Wunderdrink im Jahr 2000, als die damalige Marathonolympiasiegerin Naoko Takahashi gestand, das Verdauungsextrakt der Larve der asiatischen Riesenhornisse, aus dem die Hornisseneltern die Kraft für ihre täglichen 80 Kilometer-Flüge ziehen, über Jahre hinweg literweise konsumiert zu haben.
Der Entdecker des Extrakts, Dr. Takashi Abe verspricht, dass Vaam nicht nur die Ausdauer erhöht, sondern auch die Fettverbrennung, wie dieses Werbevideo mit der zierlichen Olympiasiegerin Takahashi unterstreichen soll. Man mag Abes Behauptung gerne glauben, wenn man einmal weiß, dass die Riesenhornissen (Länge über alles ca. 5,5 Zentimeter, Spannweite ca. 7,6 Zentimeter) in wenigen Stunden 30.000 europäische Bienen massakrieren können, um deren Honig zu schlürfen und ihre Larven mit deren Fleisch zu füttern.
Die Besessenheit der Japaner für diese Drinks rührt meines Erachtens von zwei kulturellen Konzepten her, die eng zusammenhängen. Da wäre zum einem, was ich gerne die "Ganbaru"-Kultur nennen möchte. Ganbaru heißt "bis zum Ende durchhalten, weitermachen, nicht aufgeben, sich anstrengen". Mit diesem Ruf feuern Japaner ihre Sportler, ihre Freunde und sich selbst immer wieder dazu an, zur Not auch auf dem Zahnfleisch ins Ziel zu kriechen.
Eng damit verbunden ist das "Tsukareru"-Konzept, von tsukareru, "ermüden". Nach getaner Arbeit oder auch Ausflügen versichern sich viele Japaner gegenseitig, "tsukaretta", sprich nun aber so richtig kaputt zu sein. Aber da man ja am nächsten Tag schon wieder auf der Matte stehen muss und keine abendländisch-kurzen Arbeitszeiten und -langen Ferien zum Aufladen der Batterien hat, ist der Griff zum Stärkungsmittel nur folgerichtig nahe liegend.
Wer weiß, vielleicht haben bei Olympia ja auch die Chinesen bei ihrer Medaillenjagd ihr traditionelles Mittel, Schildkrötenblut, durch japanischen Hornissensaft ersetzt. Ich persönlich stärke mich im globalen Wettbewerb weiterhin lieber konservativ – mit gutem Essen, etwas Bewegung und einer Mütze voll Schlaf. (Martin Koelling, Tokio)
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Über den Autor
Martin Kölling ist ein Sinologe in Tokio, der in Asien sein Faible für Technik austoben darf. Der einzige Fehler des hektischen Standorts: Wegen des ständigen Trommelfeuers an digitalen Neuheiten kommt er nicht oft dazu, die Tage gemütlich analog mit einem Buch ausklingen zu lassen.
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