Der Fall stärkt nicht gerade das Vertrauen in die biometrische Einreisekontrolle, die weltweit immer stärker umgesetzt wird: In Japan wurde zum Jahreswechsel erstmals bekannt, dass das hochmoderne Erkennungssystem der örtlichen Zollbehörden, das von jedem einreisenden Ausländer ein Bild schießt und Fingerabdrücke von zwei Fingern nimmt, mit einem einfachen Trick ausgehebelt wurde – der Verwendung eines speziellen Klebebandes, auf das sich Fingerabdrücke eingravieren lassen. Da half es wenig, dass das Motiv für die kriminelle Energie der Täterin, einer Südkoreanerin, nicht Terror oder Verbrechen, sondern die Liebe gewesen zu sein scheint.
Ihre ungewöhnliche Geschichte erzählte die 51-jährige, die im September 2008 aufgegriffen und deportiert wurde, kürzlich der Tageszeitung "Yomiuri": 1999 reiste die Dame als Touristin nach Japan ein und blieb ganz einfach da. Sie schlug sich als Tellerwäscherin und Barhostess durch, bis die Behörden sie im Juli 2007 schnappten, auswiesen und mit einem fünfjährigen Einreiseverbot belegten. "Aber ich wollte wirklich gerne zurückkommen – wegen eines Mannes, den ich in Japan kennengelernt hatte", erzählte die Frau.
Ein freundliches südkoreanisches Mitglied der Unterwelt stattete sie dann im April 2008 gegen Bezahlung von 13 Millionen Won (umgerechnet derzeit 7500 Euro) mit einem gefälschten Pass und gummiartigen, fleischfarbenen Fingerabdrucküberzieher aus. Ihre neue Haut klebte sie unter Anleitung auf die Finger, flog ins nordjapanische Provinznest Aomori und hinderte damit gut kaschiert das Erkennungssystem, sie abzuweisen. Besonders unangenehm wird die Angelegenheit für Japans Sicherheitsbehörden dadurch, dass diese Methode nach Aussage der Südkoreanerin recht häufig erfolgreich angewendet wird.
Die Methode verwundert eigentlich nicht. Ich selbst habe hier in Tokio schon eine Fingerprothesenherstellerin besucht, deren Spitzenmodell ebenfalls Fingerabdrücke aufwies. Und was liegt näher, als die Technik nicht auch auf die dünne Silikonschicht der Kunstgliedmaßen zu beschränken und eine neue Identität im Fingerhutformat herzustellen. Und der Preis zeigt, dass der Erkennungsschutz für jedweden Missetäter erschwinglich ist. Dean Procter, Chef von Transinteract, einem ID-Solutions-Anbieters für Mobiltelefone, bloggte auf dem Finanz-IT-Portal "Fineextra" kürzlich, dass dank Passfälschungen, Sicherheitlücken bei der Web-Verschlüsselung SSL und nun sogar ausgetricksten Fingerabdrucklesern "alle bestehenden Identitätssysteme praktisch wertlos" geworden seien.
Auch die Einführung des elektronischen Passes, der in Deutschland zum Beispiel ein Digitalfoto und zwei Fingerabdrücke speichert, dürfte es wirklich Entschlossenen lediglich erschweren, illegal einzureisen, nicht aber unmöglich machen. Denn das System ist nur so gut wie das schwächste Glied in der Kette, sprich die teilnehmenden Staaten. So haben 62 Staaten den ePass bereits eingeführt. Unter den Erstanwendern ist ausgerechnet Pakistan, dessen Regierung in vielen Gegenden nicht Herr ihrer Lage ist. Bei meiner letzten Reise dorthin wurde von dem Besuch diverser Landesteile abgeraten, weil dort die staatlichen Organe nichts, aber die lokalen Clans alles zu sagen hatten. Dörfer haben sich dort der Manufaktur von Waffen verschrieben, das Militär dem Bau von Atombomben, und viele mehr oder weniger religiöse Organisation der Ausbildung von Terroristen. Ich vermute mal, dass auch einige Beamte in den Passstellen unternehmerisch tätig sind und neue biometrische Identitäten verkaufen.
Im Ausland unbescholtene Ganoven würden dann ganz legal um die Welt reisen. Wessen Fingerabdrücke in Datenbanken gespeichert sind, hat es, wie sich gezeigt hat, nur unwesentlich schwerer. Da helfe nur handfeste Nachkontrolle der digitalen Identitätskontrolle, glaubt die japanische Regierung. Nun wird erwogen, die Zollbeamten aufzufordern, sich die Fingerspitzen der einreisenden Ausländer stets etwas genauer anzusehen. (Martin Koelling, Tokio)
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Über den Autor
Martin Kölling ist ein Sinologe in Tokio, der in Asien sein Faible für Technik austoben darf. Der einzige Fehler des hektischen Standorts: Wegen des ständigen Trommelfeuers an digitalen Neuheiten kommt er nicht oft dazu, die Tage gemütlich analog mit einem Buch ausklingen zu lassen.
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