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18.04.06
Infotech

Robocop 2.0

Von Niels Boeing

Während allerorten die fröhliche Remix-Anarchie des Web 2.0 gefeiert wird, bereiten sich an anderer Stelle weniger freundliche Dinge vor. Leider sind sie zu gut versteckt hinter juristischen Begriffen, als dass Normaluser überhaupt Notiz davon nehmen würden. Solch ein Terminus ist die berüchtigte „Vorratsdatenspeicherung“: Die Provider sollen künftig die Kennung einer Datenverbindung sowie ihre Dauer für mindestens sechs, möglicherweise gar 24 Monate speichern und eindeutig jedem Nutzer zuordnen.

Offiziell geht es um den Kampf gegen den globalisierten Terror. Was noch daraus folgen könnte, offenbarte sich vorvergangene Woche auf einer Tagung in München: Die Content-Industrie möchte ebenfalls Zugriff auf die Daten haben – und zwar ohne richterlichen Beschluss. Dann könnten deren Wachhunde ohne juristischen Aufwand feststellen, welcher User hinter der IP-Adresse steckt, unter der urheberrechtsgeschützte MP3 oder Film-Dateien im Netz angeboten werden.

Es bedarf nicht viel Phantasie, um sich die logische Konsequenz auszumalen. Das Verfahren wird automatisiert: Ein „Anti-Piraterie-Spider“ durchkämmt das Netz nach illegal zugänglichen Dateien, zeichnet die IP-Adresse von deren Besitzer auf, durchsucht daraufhin die Verbindungsspeicher der Provider nach derselben und stellt bei einem Treffer automatisch einen Bußgeldbescheid aus. Dann müssen keine aufwändigen Exempel an ein paar Raubkopierern mehr statuiert werden. Mit dieser einfachen Prozedur würde es sich sogar lohnen, eine Urheberrechtsverletzung in Form einer einzigen Datei zu verfolgen. „Sie sind im Besitz der neuen Eminem-Single, die noch nicht verkauft wird. Wir haben deshalb ihre Kreditkarte mit 50 Euro Bußgeld belastet.“ Welch geniale Entlastung der Strafverfolgungsbehörden, wird es dann wahrscheinlich heißen. Endlich können die sich mit ganzer Kraft auf die Terroristenjagd machen, während sich solche Bagatelldelikte „von selbst“ lösen.

Vielleicht halten Sie das für eine weitere blöde Verschwörungstheorie. Nun, ein derartiges Verfahren ist in den USA bereits getestet worden: bei Geschwindigkeitsüberschreitungen. Der Autovermieter Acme Car Rental hatte für seine mit GPS-Empfänger und Telematiksystem ausgestatteten Wagen aufgezeichnet, wie schnell sie gefahren wurden. Drückte ein Mieter länger als zwei Minuten zu kräftig aufs Gaspedal und überschritt so das Tempolimit, buchte Acme Car Rental automatisch 150 Dollar von dessen Kreditkarte ab. Kein Sachbearbeiter in einer Polizeibehörde hatte dafür auch nur einen Finger auf seine Tastatur gehauen.

Ich behaupte, dass diese irrsinnige Allianz aus Effizienzwahn, Technikgläubigkeit und Umdeutung des Rechtsstaates schneller kommen kann, als uns lieb ist. Die Jünger des Web 2.0 sind nicht die einzigen IT-Enthusiasten. Weil wir so viele Sciencefiction-Filme gesehen haben, glauben wir, dass wir wüssten, wie die Herrschaft der Maschinen aussehen würde. Kraken im Matrix-Stil, Terminatoren, Robocop-Cyborgs – alles Quatsch. Die Herrschaft der Maschinen könnte einfach in unsere digitale Infrastruktur eingebaut werden. Unsichtbar und geräuschlos. Widerstand ist dann wirklich zwecklos – es sei denn, es gelänge uns, als virtuelle Revolverhelden ins Netz zu steigen und der Bußgeld-Software mit einer digitalen Patrone das Licht auszublasen. Aber das, so leid es mir tut, halte ich nun wirklich für Sciencefiction.

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