Japan ist das Land des Sparens. Der Autohersteller Toyota könne "trockene Handtücher auswringen", heißt es im japanischen Volksmund. Doch die Normalbürger sind ebenso auf wie die örtlichen Vorzeigeunternehmen auf der Jagd, mit Alltagskniffen der Haushaltskasse ein bisschen mehr Lebensqualität abzuringen oder schlicht die Mühsal des Lebens zu lindern. Urawaza ("geheimer Trick, Hintertür") werden diese Techniken genannt und seit 1997 liebevoll in der Fernsehsendung "Der Esstisch der Familie Ito" der Bevölkerung überliefert. In ihren populärsten Zeiten Ende der 1990er Jahre wies die Show Einschaltquoten von 30 Prozent auf. Doch gerade in Zeiten der Krise können die japanischen Tricks auch das Dasein der Europäer bereichern.
Der Begriff stammt aus der Urzeit der Videospiele, als die Spieler versteckte Kommandos entdeckten, die ihrer Figur ungeahnte Kräfte verlieh oder sie mehrere Spieleebenen in die Höhe katapultierte. Bei den Kommandos handelte es sich gewöhnlich um Shortcuts, die die Programmierer zu Löschen vergessen hatten. Sie zu finden, wurde zum Volkssport. Schließlich sparen die Urawaza im Spiel wie im Alltag des Lebens Zeit und Mühe.
Einige Kniffe sind natürlich auch in Europa bekannt, zum Beispiel die Entfernung von Kerzenwachs mittels Löschblatt und Bügeleisen. Doch wussten Sie, dass das Kochwasser des Spinat auch zur Gesichtslotion taugt? Dies entdeckten zum Beispiel experimentierfreudige japanische Hausfrauen, als sie nach einer Weiterverwertung des Spinatkochwassers suchten, berichtet die in San Francisco lebende Japanerin und Technikjournalistin Lisa Katayama. In ihrem neuen Buch "Urawaza" hat sie nun 106 Kniffe für den Westen zugänglich gemacht und wissenschaftlich erklärt. "Zu einem Drittel bis zur Hälfte sind die Tricks aber original japanisch", erzählt die Technikjournalistin beim Gespräch in Tokio.
Einige aus japanischer Alltagsnot geborene Kniffe schreien geradezu danach, angesichts steigender Strompreise und Klimaprobleme auch in Europa angewendet zu werden: So versiegeln einige Japaner zum Beispiel die Fasern in der Achselpartie weißer T-Shirts, in dem sie von innen Sprühkleber auf die extrem beschwitzte Stelle aufsprühen und von außen festbügeln. Damit wollen sie verhindern, dass sich der Achselschweiß in den Fasern festsetzt und den weißen Stoff gelb-bräunlich färbt.
Auf diese Idee würde in Europa wahrscheinlich niemand kommen, da hiesige Waschmaschinen mit auf 60 oder gar 90 Grad aufgeheiztem (und damit klimaschädlichem) Wasser porentief rein waschen. In Japan wird jedoch in aller Regel mit gänzlich ungewärmtem kalten und damit klimafreundlichen Wasser gewaschen, das allerdings die Fasern nur oberflächlich reinigt.
Allerdings wurden die Japaner nur unfreiwillig zum Vorreiter der klimaschützenden Kaltwaschbewegung. Technisch sind die Waschmaschinen schlicht nicht in der Lage, mit warmen Wasser zu waschen. Denn das Stromnetz hat nur eine Spannung von 110 Volt anstatt 220 Volt in Europa. Dies erlaubt schlicht den Einbau von Durchlauferhitzern zu wirtschaftlichen vertretbaren Preisen nicht.
Noch ein Tipp zum Heizkosten sparen: Heizung aus und heiß baden. Japaner haben nämlich auch einen ebenfalls aus der Not geborenen Trick parat, wie man sich nach einem heißen Bad auch in kalter Luft länger warm fühlen kann. Sie heizen ihre schlecht isolierten Wohnungen im Winter kaum. Um vor dem ins Bett gehen wenigstens einmal Stress und im Winter auch die Kälte aus den Knochen zu kochen, baden sie traditionell jeden Abend heiß einer nach dem anderen im Familienbad. Frisch gesotten gehen sie dann durch die kalte Wohnung ins Bett. Damit der Körper sich dabei länger warm fühlt, rät ein Urawaza dazu, ein paar Minuten vor dem Verlassen der Wanne einen Eiswürfel zu lutschen. Dies soll den Temperaturunterschied zwischen Körper und Außenluft herabsetzen und damit das Kältegefühl beim Kontakt mit der Außenluft mindern.
Oder wie wäre es mit Frühlingszwiebeln gegen verstopfte Nasen? In Krisenzeiten kann man sich teure Medikamente bei Schnupfen sparen: Auf dem Balkon gezogene Frühlingszwiebeln tun es auch. Man schneide die Frühlingszwiebeln oben so ab, dass man sich die Miniknolle noch bequem in die Nase stopfen kann. Und plötzlich fängt die Nase wieder an zu laufen und frei zu werden. Das Rezept stammt ursprünglich aus der chinesischen Naturheilkunde. Zwiebeln beinhalten Schwefel enthaltende Aminosäuren, die Hautirritationen hervorrufen oder beim Zwiebel schneiden die Augen tränen lassen, erklärt Autorin Katayama. Der gleiche Effekt regt Katayama zufolge auch den Sekretfluss in der Nase an und löst so die Verstopfung der Nebenhöhlen auf.
Aber auch in der Freizeit hilft Urawaza. Wer beim Firmenausflug-Karaoke mit perfekt nachgesungenen Celine Dion-Liedern protzen will, sollte beim Singen einfach eine volle Weinflasche mit beiden Händen vor der Brust halten. Durch das Gewicht spannen sich die Muskeln und damit auch die Stimmbänder an. Dieser Kniff soll es dem Kehlkopf erlauben, schneller zu vibrieren und dadurch ungeahnte Höhen ersingen zu können.
Und zum Schluss ein japanischer Tipp zur Kindererziehung: Wer ein schreiendes Baby zum Schweigen bringen will, sollte laut Katayama einfach das Geräusch, das Verkoster beim Weintesten im Mund machen, nachahmen. Der dabei entstehende Ton soll in dem Frequenz-Bereich liegen, den ein Kind im mütterlichen Bauch wahrnehmen kann. Das Neugeborene soll sich damit an seine friedlichste Zeit erinnern und wieder einschlummern. Der erfreuliche Nebeneffekt, so die Eltern die Übung mit richtigem Wein durchziehen: Wenn der oder die Erziehungsberechtigte dies nur oft genug macht, können er oder sie ebensoleicht einschlummern. Prosit. (Martin Koelling)
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Über den Autor
Martin Kölling ist ein Sinologe in Tokio, der in Asien sein Faible für Technik austoben darf. Der einzige Fehler des hektischen Standorts: Wegen des ständigen Trommelfeuers an digitalen Neuheiten kommt er nicht oft dazu, die Tage gemütlich analog mit einem Buch ausklingen zu lassen.
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