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Vorsicht Kunde! - Fälschung statt Schnäppchen - Wie der Traum vom iPhone zum Albtraum wurde

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Ach ja, schick und "trendy" ist es ja schon, so ein iPhone. So verwundert es kaum, dass sich Nicole B. seit langem für Apples Mobiltelefon interessiert. Seit nun auch noch die UMTS-taugliche 3G-Version mit integriertem GPS-Empfänger auf dem Markt ist, ertappt sich die Jungunternehmerin immer häufiger dabei, wie sie hin und her rechnet, ob es denn nun nicht doch langsam Zeit wäre, sich so ein schickes Telefon zuzulegen. Doch der Kauf eines iPhones ist in Deutschland nun mal nicht ohne eine Bindung an T-Mobile möglich. Mit ihrem aktuellen Mobilfunkanbieter ist die junge Frau aus Krefeld aber rundum zufrieden. Also doch kein iPhone?

Auch im Freundes- und Bekanntenkreis von Nicole B. ist das iPhone 3G immer wieder Gesprächsthema. Einige haben sich das gute Stück bereits gekauft, andere zögern noch. Schick, aber unterm Strich zu teuer, so lautet immer wieder das Fazit vieler Diskussionen im Chat und bei abendlichen Ausflügen in die City. Doch dann, eines Tages, kommt Bewegung in die Sache: Im Chat hört Nicole B. erstmals von einem "Geheimtipp". Da soll es im Internet einen Händler geben, der das neue iPhone 3G mit 16 GByte Speicher für knapp 220 Euro anbietet – ganz ohne SIM-Lock und Vertragsbindung, einfach so als Kauf-Handy.

Ihre Partner im Chat bestätigen Nicole B. denn auch, dass es bei ihnen schon "geklappt" hätte: Sie hätten bereits ein neues iPhone erworben und seien rundum zufrieden. "Soll ich es auch wagen?" – Nicole B. beschließt, sich den genannten Händler einmal näher anzusehen. Auf der Webseite www.wlx166.com gibt sich die "Willison (HK) Corporation Limited" mit Sitz in der außerhalb von Hongkong gelegenen chinesischen Sonderwirtschaftszone Shenzhen ganz seriös: Stolz präsentiert man sich als Hightech-Unternehmen mit modernen Fertigungsanlagen für Mobiltelefone aller Art. Ein Auszug aus dem chinesischen Handelsregister und die zugehörige Firmenanmeldung finden sich ebenfalls auf der Webseite. Daneben gibt es ein geradezu überwältigendes Angebot verschiedenster Mobiltelefone: Egal, ob es nun um Geräte von Nokia, Siemens, Samsung, Motorola, Sony Ericsson, Panasonic, Sagem oder LG geht, alles kann die vermeintliche Hightech-Schmiede liefern.

Aber wo ist das tolle iPhone-Angebot? Nicole B. gibt "iPhone" im Suchfeld an und wird sofort fündig: "Apple iPhone 3G Black (16GB)" lautet die Bestellbezeichnung. Doch kann es wirklich sein, dass hier ein SIM-Lock-freies iPhone für einen Bruchteil des üblichen Preises angeboten wird? Nicole B. ist zunächst skeptisch, schließlich hört man doch immer wieder von Fälschungen aus China. Andererseits, so überlegt die Krefelderin, lässt Apple seine iPhones ja auch in China fertigen. Wäre es nicht doch möglich, dass die Geräte dort deutlich günstiger angeboten werden als in Europa?

Vertrauensbildung

Hin- und hergerissen nimmt Nicole B. zunächst Kontakt mit ihrem Chat-Freund auf. Der vermittelt ihr eine Skype-Adresse, unter der sie direkt einen englischsprachigen Mitarbeiter der Willison Corporation erreichen kann. Die ersten Nachrichten werden am 18. August ausgetauscht. Es meldet sich "Sophie". Nicole B. erkundigt sich nach dem Preis eines iPhone 3G – sie möchte zunächst ein Gerät erwerben und später gegebenenfalls ein zweites für ihren Bruder. Bevor es "ums Geld" geht, bemüht sich "Sophie" zunächst, eine lockere Atmosphäre aufzubauen. Sie erkundigt sich nach dem Job von Nicole, erzählt freizügig von ihrer eigenen Arbeit "für einen Amerikaner". Über die nächsten Wochen entwickelt sich ein lockerer Chat über Gott und die Welt. Man spricht über die olympischen Spiele, tratscht übers Wetter und amüsiert sich über die prüden Amerikaner und deren Doppelmoral – Waffen, Mord und Todschlag im Fernsehen? Kein Problem, doch wehe, es ist auch nur ein Stück nackte Haut zu sehen – Schnell entwickelt sich so etwas wie eine Chat-Freundschaft. Die nach eigenen Angaben 23-jährige "Sophie" gibt sich locker und unverkrampft, erzählt von ihrem Leben in Shenzhen und interessiert sich brennend für den Alltag in Europa und Deutschland.

Natürlich behält "Sophie" auch das Geschäft im Auge. Das iPhone 3G mit 16 GByte Speicher, so erfährt Nicole B., soll 215 US-Dollar kosten, zuzüglich 30 Dollar "shipping" und 20 Dollar "custom". Der Versand von zwei iPhones wäre dann etwas teurer, nämlich 50 Dollar, erklärt "Sophie" am 29. August. Alles in allem müsste Nicole B. also 265 Dollar überweisen, um an das begehrte iPhone 3G ohne SIM-Lock zu kommen.

Abgeschreckt

Die Bezahlung, so erfährt Nicole B., soll per Western Union erfolgen – und schon schrillen bei der Designerin alle Alarmglocken. Geldtransfers via Western Union sind kaum nachvollziehbar und werden deshalb gern von Betrügern benutzt. So möchte sie auf keinen Fall bezahlen. Doch "Sophie" wirkt beruhigend auf die potenzielle Käuferin ein. Man sei ein seriöses Unternehmen und würde in jedem Fall ein iPhone 3G liefern, da bräuchte sie sich keine Gedanken zu machen.

Doch Nicole B. bleibt hartnäckig – die Firma müsse doch auch ein richtiges Konto haben. Auf das würde sie den Kaufpreis dann per Banküberweisung transferieren. Das könnte man nur bei größeren Zahlungen akzeptieren, bedauert "Sophie". Schließlich würden bei solchen Geldtransfers auch Gebühren für die Firma anfallen. Das lohne sich nicht bei kleineren Orders. Ihr Boss würde deshalb schrecklichen Ärger machen, wenn sie einer Bezahlung per Überweisung bei einer Einzelorder zustimmen würde.

Nach einigem Hin und Her lenkt "Sophie" am 8. September schließlich ein und übermittelt IBAN und den Swift-Code für die Banküberweisung. Zwei Tage später überweist Nicole B. 256 Dollar auf das Firmenkonto der Willison Corporation. Insgesamt kostet sie das iPhone 3G 218,50 Euro, denn den Geldtransfer ins Ausland lässt sich ihre Bank mit 13,50 Euro Abwicklungsgebühr und 20,50 Euro "Spesen" vergüten.

Zahltag

Nicole B. informiert "Sophie" über die erfolgte Zahlung und man chattet fröhlich weiter über Haustiere, Überstunden und lange Geldtransferzeiten. "Sophie" bestätigt am 18. September den Erhalt des Geldes. Es gibt noch einige Diskussionen, weil "Sophie" ursprünglich mit insgesamt 265 Dollar gerechnet hat, Nicole B. aber irgendwie 256 Dollar verstanden hatte. Es wird noch eine Weile über die fehlenden neun Dollar diskutiert, aber "nach Rücksprache mit ihrem Boss" verzichtet "Sophie" auf das Geld.

Das iPhone geht am 22. September auf die Reise nach Deutschland. Nicole B. erhält noch eine Tracking-Nummer und kann so den Weg des Handys verfolgen. In den folgenden Tagen "plaudern" Nicole B. und "Sophie" noch locker miteinander, bis am 8. Oktober endlich das "neue iPhone" in Krefeld eintrifft.

Schon beim Auspacken ahnt Nicole B. nichts Gutes: Zwar steckt das Telefon in einem Karton im typischen iPhone-Design, doch an den Seiten findet sie nur den Schriftzug "Phone". Beim echten Gerät von Apple steht hier natürlich "iPhone 3G". Das Gesicht der Designerin wird noch länger, als sie das Gerät selbst in Augenschein nimmt: Ein iPhone 3G ist das garantiert nicht, bestenfalls ein "altes" iPhone ohne UMTS. Die Geräterückseite ist nämlich nicht halbrund und schwarz, sondern flach und silbern.

Trotzdem testet Nicole B. das Telefon: Es akzeptiert tatsächlich die SIM-Karte ihres Mobilfunkanbieters, doch iTunes will mit dem Gerät partout keine Verbindung aufnehmen. Zudem sieht der Anschluss an der Geräteunterseite ganz anders aus als beim echten iPhone. Weitere Abweichungen vom Original entdeckt sie in der Software: Sobald man das Hauptmenü verlässt, ist nichts mehr vom typischen Apple-Look-and-Feel zu sehen. Schnöde Menüs wie in jedem 08/15-Handy und keine Spur von "Multitouch".

Erbost wendet sie sich an "Sophie" und bittet um Aufklärung. Ihr Kontakt in China reagiert tatsächlich und räumt letztlich ein, dass es sich bei dem gelieferten Gerät dann wohl doch nicht – wie vorher stets beteuert – um ein Originalgerät von Apple handelt. Am 13. Oktober folgt dann der letzte Kontakt mit "Sophie". Sie zeigt sich tief bestürzt über das Verhalten ihrer Firma. Sie redet sogar davon, den Job zu kündigen. Das alles täte ihr furchtbar leid – "sorry". Ende der Kommunikation. Fortan ist "Sophie" verschwunden und Nicole B. blickt bedröppelt auf ihr "iPhone look alike" aus China.

Hilfe!

Was tun? Nicole B. ist ratlos und wendet sich an Apple. Dort, so meint sie, müsste man doch Interesse daran haben, etwas über Händler zu erfahren, die gefälschte iPhones in Umlauf bringen. Doch die Apple-Hotline zeigt nur geringes Interesse an dem Fall. Der übertrieben freundliche Hotliner belehrt die betrogene Käuferin nur darüber, dass sie das gefälschte Gerät nicht benutzen dürfe, weil sie sich sonst strafbar mache. Ansonsten solle sich Nicole B. doch einfach an die Polizei wenden und Anzeige erstatten.

Anzeige gegen eine Firma in China? Na, da kann ich mein Handy ja gleich aus dem Fenster werfen, denkt sich Nicole B. und wendet sich an die c’t-Redaktion.

Der Falschspieler

Im c’t-Labor nehmen wir das vermeintliche "iPhone 3G" erst einmal näher in Augenschein. Schon beim Auspacken wird klar, dass es sich hier weder um ein neues noch um ein älteres iPhone von Apple handelt. Die Verpackung ist deutlich größer als beim Original und zudem in einigen Details falsch beschriftet. Das Gerät selbst hat nur auf den ersten Blick Ähnlichkeiten mit dem "alten" iPhone. So stimmt zwar die Gehäusegröße, doch schon das im Plagiat verbaute Display ist mit 3,2 Zoll kleiner als beim Original (3,5"). Der Touchscreen funktioniert zwar, doch handelt es sich hier nicht um ein kapazitives Modell, sondern um einen klassischen, auf Stiftbedienung ausgelegten Touchscreen. Es verwundert also überhaupt nicht, dass es bei der Fälschung kein "Multitouch" gibt. Immerhin hat das Gerät einen Lagesensor und kann das Display in einigen Anwendungen drehen. Der typische iPhone-Sound fehlt dem kleinen Chinesen allerdings.

Weitere äußerliche Unterschiede finden sich an der Geräterückseite, bei den Bedienelementen und den Anschlüssen. So fehlt die Klinkenbuchse, um einen eigenen Kopfhörer anschließen zu können. Auch beim "Docking-Anschluss" geht das Gerät aus China eigene Wege. Zudem fehlt der Lautstärkeregler an der linken Seite und auch einen mechanischen "Stumm"-Schalter sucht man vergeblich.

Bei den "inneren Werten" gibt es naturgemäß die größten Abweichungen vom Original. Das Plagiat kommt ohne UMTS als schlichtes, langsames GPRS-Telefon daher, das nicht mal den Transferbeschleuniger EDGE bietet. Dafür lässt es sich – anders als das iPhone – via Bluetooth als Funkmodem verwenden. Spaß macht das aber kaum, denn das Gerät erreicht halt nur eine maximale Datenrate von 56 kBit/s.

Der versprochene "16 GByte"-Speicher entpuppt sich als gerade einmal 1 GByte große microSD-Karte. Hinzu kommt noch ein knapp 1 MByte "kleiner" interner Hauptspeicher. Via Speicherkarte lässt sich das Gerät auf maximal 2 GByte erweitern, da es moderne micro-SDHC-Karten nicht unterstützt. Auch die verbaute Kamera kann dem Original nicht das Wasser reichen: Sie arbeitet gerade einmal mit VGA-Auflösung und liefert zudem noch unscharfe, rotstichige Bilder. Immerhin zeichnet das chinesische iPhone anders als das Original auch Videos auf. Doch die sind ruckelig und werden noch dazu in einem kaum brauchbaren Format (MJPEG-Code im AVI-Container, 176*144 Pixel) aufgezeichnet.

Der MP3-Player und das integrierte UKW-Radio liefern lausigen Sound. Immerhin kann man einen Bluetooth-Stereo-Kopfhörer verwenden – was beim Original übrigens nicht funktioniert.

Die Software auf dem Falschspieler hat nur auf den ersten Blick etwas mit dem Original zu tun. Sobald man das Hauptmenü verlässt, ist es futsch, das Apple-Feeling. Besonders deutlich wird das beim Surfen im Internet – oder besser, bei Surfversuchen: Der integrierte Browser ist quasi unbrauchbar und beklagt sich bei fast jeder Webseite über zu wenig Hauptspeicher. Nur im nicht mehr zeitgemäßen WAP-Modus eignet sich das Gerät für Ausflüge ins Internet.

Es gibt allerdings auch Punkte, bei denen das Plagiat "besser" abschneidet als das Original: So hat es einen wechselbaren Akku und der Hersteller liefert sogar einen Zweitakku mit. Zudem handelt es sich bei dem Telefon um ein "Dual-SIM-Modell", man kann es also parallel mit zwei Rufnummern unterschiedlicher Provider verwenden. Die Sprachqualität beim Telefonieren ist allerdings nur mäßig.

Rechtslage

Nicole B. hat also ein eher schlecht geratenes Plagiat für knapp 220 Euro erworben. Hoffnungen darauf, vom Betrüger in China ein Originalgerät zu erhalten oder auch nur ihr Geld zurückzubekommen, gibt es faktisch keine. Zwar könnte sie Anzeige bei der Polizei erstatten, viel bringen wird das aber wohl nicht. Was also tun, mit dem Falschspieler? Theoretisch könnte sie das Gerät als normales Mobiltelefon verwenden – das ist entgegen der Aussage der Apple-Hotline nicht illegal. Weiterverkaufen darf sie die Fälschung allerdings unter keinen Umständen.

Weitere Informationen über das gefälschte iPhone lesen Sie auf heise resale im Beitrag Betrug mit chinesischem iPhone-Plagiat. Dort finden Sie auch eine Bilderstrecke mit ausführlicher Dokumentatione. (gs)

Mehr zu:

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