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Öffentliches Geplapper oder tolle Kommunikationsplattform - Was steckt hinter "Twitter"

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Twitter in Kürze

Auf der Website Twitter.com (twitter = zwitschern) können sich Internetnutzer mit ihrer Mail-Adresse registrieren, um über die Website, per SMS oder mit einem speziellen Client bis zu 140 Zeichen lange Kurznachrichten zu veröffentlichen. Diese "Tweets" sind per Voreinstellung öffentlich zugänglich, werden aber vor allem von den eigenen "Followern" wahrgenommen, die beim Aufruf der Seite die letzten Nachrichten der von ihnen beobachteten Twitterer zu sehen bekommen. URLs im Text werden automatisch zu Links. Mit einem vorangestellten @-Zeichen können sich Tweets auch an einzelne Benutzer wenden, sind aber dennoch öffentlich – im Gegensatz zu Direktnachrichten mit einem "d" vor dem Benutzernamen, die ähnlich wie Mails privat bleiben. Ein vorangestelltes Doppelkreuz ("Hashtag") kennzeichnet einen Begriff als Thema für Suchmaschinen. Der Text in diesem Kasten entspricht etwa der Länge von sieben Tweets.

Warum Twitter mehr als ein Web-2.0-Modegag ist

"Bin in der U-Bahn", "@xyz gute Besserung", "Koche Abendessen": Für seine Kritiker ist Twitter der Inbegriff von Kommunikationsschrott, der sinnlos in die Welt hinausge blasen wird und das Web mit weißem Rauschen füllt. Solche belanglosen Beiträge sind beim Microblogging kein Unfall, sondern systembedingt. Anders als beim normalen Bloggen wendet sich der Twitter-Autor normalerweise nicht an eine anonyme Leserschaft, sondern an eine überschaubare Zahl von Followern, mit denen er zum Teil persönlich bekannt ist. Die monologischen Statusmeldungen verzwirbeln sich schnell zu Dialogen.

Vergleicht man einen Blog-Eintrag mit einem Zettel auf dem schwarzen Brett, dann ähnelt Twitter eher der Plauderei am Kaffeeautomaten – böse Zungen würden dagegen von einer Klowand-Schmiererei sprechen. Die Frage "Was soll das?", die bei Social-Web-Diensten einfach dazuzugehören scheint, stellt sich beim Microblogging für viele. Allerdings wächst die Zahl derer, die für sich eine Antwort darauf gefunden haben: Die steile Wachstumskurve von Twitter als tonangebendem Microblogging-Dienst ist auch nach knapp drei Jahren noch nicht abgeflacht.

Gute Presse hat Twitter nicht zuletzt durch seine Schnelligkeit als ungefiltertes Medium für Bürgerjournalismus bekommen. Eine SMS genügt, um Direktnachrichten aus dem Gaza-Streifen, Fotos des notgewasserten Verkehrsflugzeugs oder Live-Berichte aus dem vom Terror erschütterten Mumbai weltweit zu veröffentlichen.

Syndizierung 2.0

Wer heute Microblogging auf die sinnlosen "Gehe jetzt aufs Klo"-Tweets (die es in großer Zahl gibt) reduziert, hat noch nicht verstanden, dass Twitter und Co. der Kitt zwischen den diversen Web-2.0-Anwendungen sein können. So gesehen, ähnelt Twitter weniger einem Chat-Dienst als vielmehr einem Syndizierungsprotokoll wie RSS. Auch RSS ist nicht "gut" oder "schlecht", die persönlichen Erfahrungen damit hängen einzig von der Auswahl der darüber gebuchten Feeds ab.

Der Individualismus, mit dem sich jeder aus dem Web Auszüge per RSS oder Atom frei Haus liefern lassen kann, wird von dem durch Microblogging noch übertroffen: Hier liefern nicht mehr nur Website-Betreiber die Inhalte, sondern ganz gewöhnliche Internet-Benutzer. Aus den vielen kleinen Tweets der beobachteten Microblogger formen sich so mosaikartige Weltbilder, die sich nach Belieben voneinander unterscheiden können.

Arbeit, Freunde, Nachrichten, Hobby, Flirten, Spaß – in den abonnierten Twitter-Feeds vermischen sich die verschiedensten Themen. Mit dem zu erwartenden starken Anwuchs der Benutzerzahlen birgt dieser unsortierte Mischmasch eine starke Neigung zum Informations-Overkill in sich, der das empfindliche soziale Gleichgewicht zwischen den Nutzern zum Kippen bringen könnte. Spam dürfte noch massiv anwachsen; soeben ist die erste Anwendung für das Massen-Twittern und das automatische Follower-Aggregieren erschienen.

Wenn Microblogging nicht wieder als kurzfristiger Modegag verschwinden wird, wird es also Werkzeuge brauchen, die diese Datenmenge bändigen und kanalisieren. Es bleibt zu hoffen, dass die von Investoren noch immer gut mit Finanzen gepolsterten Twitter-Macher rechtzeitig Gruppierungs- und Filterfunktionen finden – ansonsten könnte die Karawane doch noch zu einem innovationsfreudigeren Konkurrenten weiterziehen.

Den kompletten Report über Twitter und seine Konkurrenten finden Sie im Artikel "Bonsai-Blogs, Warum Twitter und Co. mehr als ein Web-2.0-Modegag sind" von Herbert Braun in der aktuellen Printausgabe 5/09 des c't magazins ab Seite 98. Den Beitrag erhalten Sie auch als PDF-Datei im c't Kiosk. (Herbert Braun) / (gs)

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