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Energiekosten für Elektroautos: Wie teuer wird der Fahrstrom noch?

Der Winter brachte eine ganze Reihe neuer Fahrstromtarife. Während die Lockangebote der Hersteller häufig noch günstig sind, geht der Trend zum teuren Strom.

Von Clemens Gleich

In den Ladesäulen-Ausbauplänen für 2020 machte die Bundesregierung ihr Ziel klar: Das Verhältnis von Ladepunkten zu zugelassenen E-Autos soll in etwa bei 1:10 bleiben. Das entspricht etwa dem Stand von Anfang 2019. Zwar sollen auch weiterhin die allermeisten Ladevorgänge zuhause stattfinden (die Behörde rechnet mit 75 bis 85 Prozent), doch das Signal für Ladesäulenbetreiber war mehr als eindeutig: Auf dem heutigen Auslastungsniveau müssen sie Geld verdienen. Deshalb passierte 2020 so viel im Tarifdschungel, deshalb ändert sich weiterhin beinahe wöchtentlich etwas. Wir geben hier Empfehlungen für Tarife, die wir eine Zeit lang aktuell halten wollen. Alle Preise gelten für Deutschland.

Unsere Dauerempfehlung

Wir haben auf dem Autokanal meistens den Tarif der EnBW empfohlen, weil er günstig und transparent war. Das Problem jedoch: Er war günstig, weil der Betreiber draufzahlte. Zum Sommer wird sich das ändern. Der EnBW-Viellader-Tarif erhöht sich zum 6. Juli 2021 auf 39 Cent (AC) / 49 Cent (DC), mit Nachlässen im eigenen Netz und einem gesonderten "Vorteilstarif" für Stromkunden, der künftig auch für den Tarif ADAC e-Charge sowie Hyundais "Sondertarif" gilt. Die Tarifdetails finden Sie hier.

Einen ähnlichen Preis (39/49 Cent/kWh AC/DC, keine Grundgebühr) bietet auch EWE Go, allerdings inklusive Ionity für 49 Cent.

Seit Herbst 2020 gelten bei der EnBW Blockiergebühren für Standzeiten von mehr als 4 Stunden (10 Cent/Minute bis maximal 12 Euro). Die Anpassung ist verständlich, doch ein Anstecken an die AC-Säule über Nacht für Laternenparker ist damit nicht mehr ökonomisch.

Ionity

Das Ionity-Konsortium machte Schlagzeilen mit ihrer damaligen Nachricht, Ladekunden ohne Vertrag 79 Cent/kWh zu berechnen – für die damaligen Verhältnisse ein unerhört hoher Betrag (Anfang 2021 schaut es nur noch halb so schlimm aus, gell?). Ionity begründete das Vorgehen mit den Kosten der Schnelllader. Ladedienstleistern wie etwa der EnBW bot Ionity im Roaming allerdings ebenfalls so hohe Preise an, dass die Ionity-Ladestationen bald darauf aus dem Ladeverbund-Roaming von Mobility+ fielen. Kunden können seitdem mit diesen Apps/Ladekarten nicht mehr an Ionity-Säulen bezahlen.

Zum Jahreswechsel warf obendrein Plugsurfing ihren "Plus"-Tarif für Deutschland aus dem Programm, der bei 20 Euro monatlicher Grundgebühr Ionity für 34 Cent bot – für Vielfahrer mit hohen Ladeleistungen interessant. Es gibt Plugsurfing Plus nur noch in Belgien und den Niederlanden. Gleichzeitig erhöhte Plugsurfing die verbliebenen Normaltarife zum 15. Januar 2021 auf 49 Cent/kWh AC, 69 Cent DC und 109 Cent an Ionity-Säulen. Ja, Sie haben das richtig gelesen: Plugsurfing berechnet Ihnen 1,09 Euro pro kWh an Ionity-Säulen. Das ist ein weiteres Beispiel von "worse than useless", denn dann können Sie einfach Ionitys 79 Cent für Nichtvertragler blank nehmen.

Günstige Kurse für eigene Kunden

Worüber also Ionity abrechnen, wenn man dort gerne Kunde wäre? Die derzeit beste Möglichkeit ist es, beim Autohersteller nachzusehen, ob dort eine günstige Ionity-Variante im Angebot ist. Vor allem Mitglieder des Konsortiums bieten günstige Tarife an. Mitglieder sind BMW, Ford, Hyundai/Kia, Mercedes, Volkswagen, Audi und Porsche. Alle diese Hersteller haben günstige Ionity-Tarife im Programm – mit Ausnahme von Ford, bei denen so ein Tarif wahrscheinlich zum deutschen Marktstart des Mustang Mach-e erscheinen wird. Die Fahrzeughersteller bauen das ja nicht selber, sondern kaufen ihre Ladelösungen bei den üblichen Verdächtigen ein (meistens Digital Charging Solutions).

Hersteller Tarifname AC-Ladung* DC-Ladung* Ionity* Grundgebühr pro Monat** Mindestvertragslaufzeit in Monaten Blockierkosten Blockiergebühr * in ct / kWh ** entfällt bei Herstellertarifen meist die ersten 1 bis 3 Jahre ab Fahrzeugkauf
Audi City 39 49 79 4,95 € monatlich kündbar nach 3h 10 ct / Minute
Audi Transit 39 49 31 17,95 € 12 nach 3h 10 ct / Minute
BMW Active 33 39 79 4,99 € monatlich kündbar nach 3h (AC tagsüber) oder 1,5 h (DC) 6 ct / Minute (AC) bzw. 20 ct / Minute (DC)
BMW Ionity Plus (Option) wie Grundvertrag wie Grundvertrag 35 13,00 € 12 -- --
Hyundai Sondertarif (EnBW-Tarif) 42 52 79 0,00 € monatlich kündbar nach 4h 10 ct / Minute
Kia KiaCharge Advanced 29 47 79 4,99 € monatlich kündbar nach 2h 8 ct / Minute
Mercedes me Charge je nach Säule je nach Säule 29 8,25 € monatlich kündbar je nach Säule je nach Säule
Porsche Charging Service max. 39 max. 39 33 14,92 € 12 -- --
Tesla -- 35 -- 0,00 € -- nach vollem Akku ab 5 Minuten 40 ct / Minute bzw. 80 ct / Minute bei voller Auslastung des Parks
Volkswagen We Charge Go je nach Säule je nach Säule 55 7,49 € 12 je nach Säule je nach Säule
Volkswagen We Charge Plus je nach Säule je nach Säule 30 17,49 € 12 je nach Säule je nach Säule

Neukäufer sollten sich die Tarife der Fahrzeughersteller gut ansehen, denn sie sind meistens für die ersten ein bis drei Jahre Grundgebühr-frei. Wir haben nur empfehlenswerte Tarife gelistet, entweder aufgrund ihres Ionity-Preises oder ihrer sonstigen Preise. Hersteller wie Mercedes, Porsche und Volkswagen bieten fixe Ionity-Tarife und reichen die Kosten anderer Ladesäulenbetreiber einfach durch ("je nach Säule"). Hier sollten Sie zusätzlich einen planbaren allgemeinen Tarif für alles außer Ionity buchen, weil der Kostenwildwuchs sonst zu bösen Überraschungen führen kann.

Kundentarife und Heimlader

Porsches Tarif schützt den Kunden mit einem Kostendeckel bei 39 Cent und keinerleit Zeitkosten, auch keine Blockiergebühren. Dazu kommen garantiert kostenlose Porsche Destination Charger (bei Tesla entscheidet der Betreiber, ob das etwas kostet), günstige Ionity-Preise und Porsche-eigene Schnelllader. Taycan-Fahrer können also getrost ohne weitere Tarife vom Händlerhof fahren.

Zudem befreien praktisch alle Hersteller Neuwagenkunden 1 bis 3 Jahre von den Grundgebühren. Die Herstellerangebote gelten jedoch nur für die eigenen Neufahrzeug-Kunden, bei denen die Hersteller gewillt sind, den Verlust beim Stromverkauf anderweitig zu kompensieren, denn, wir erinnern uns: Meistens laden die Leute ohnehin daheim.

Angebote der Energieversorger

Doch die wenigsten privaten Autokäufer kaufen neu, und das wird sich auch bei E-Autos wieder so normalisieren, wenn die Kaufprämien dereinst verebben. Wer einen gebrauchten Wagen kauft, ist bei EnBW/ADAC gut aufgehoben, hat aber meistens noch mindestens eine andere Option: den Energieversorger. Viele Energieversorger kümmern sich besonders um Elektroauto-Kunden. Da es so viele engagierte kleine Firmen gibt, lohnt es sich, zuerst lokale Energieanbieter auf Fahrstromtarife abzuklopfen. Die Schlagwörter lauten eher "Mobilität" oder "Elektromobilität" als "Fahrstrom". Bei den lokalen kleinen Anbietern geht es meistens schneller, einen Experten vom Fach zu fragen, als im Internet durchzuklicken. Es gibt einfach zu viele kleine, gute Betriebe mit kleinen, nicht so guten Websites. Ein nicht so kleines Beispiel mit nicht so schlechter Website: Hamburg Energie bietet im Einzugsgebiet Ladesäulenstrom für 29,5 ct / kWh an – keine Grundgebühr.

Bundesweite Empfehlungen

Einige Empfehlungen sind bundesweit verfügbar. Wer von der EnBW Strom bezieht, erhält Mobility+ ohne Grundgebühr. Lichtblick-Kunden erhalten einen Ladestromtarif mit kWh-Preisen wie Mobility+, allerdings ohne Blockiergebühr und inklusive Ionity für 39 Cent/kWh – mehr als fair. Achtung jedoch: Im europäischen Ausland kostet die kWh dann 89 Cent. Maingau Energie berechnet Stromkunden 28 Cent (AC) und 38 Cent (DC) plus Blockiergebühren von 10 Cent/Minute ab 4 Stunden (AC) beziehungsweise einer Stunde (DC). Ionity kostet 75 Cent/kWh, kann aber zumindest über diesen Tarif abgerechnet werden. Es gibt den Maingau-Tarif ("EinfachStromLaden") auch für Fremdkunden, dann kostet die kWh jeweils 10 Cent mehr.

Anbieter Tarifname AC-Ladung* DC-Ladung* Ionity* Blockierkosten Blockiergebühr * in ct / kWh ** im eigenen Netz 4 Cent günstiger
EnBW Vorteilstarif 42** 52** 79 nach 4h 10 ct / Minute bis maximal 12 Euro
Maingau Energie EinfachStromLaden 28 38 75 AC nach 4h, DC nach 1h 10 ct / Minute  
Lichtblick FahrStrom 29 39 39 AC nach 4h, DC nach 1h 10 ct / Minute  

Maingaus Kostenkontrollmaßnahmen sorgten kürzlich für schlechte Presse: Kunden können individuelle Tarife zugeteilt bekommen, die sich nach dem Ladeverhalten berechnen und bis auf 99 Cent/kWh (AC) hochgehen. Die Einordnungs-Mechanismen sind für den Kunden nicht nachvollziehbar. Wer einen solchen persönlichen, teuren Tarif zugeteilt erhält, kündigt danach also am besten den Vertrag, denn verwertbare Erklärungen zu einer etwaigen Änderung des Ladeverhaltens gibt es von Maingau nicht. Auch hier geht es letztendlich um einen Kostendeckel im Roaming.

Dahoam

Der Energieversorger ist wegen des dominanten Heimladens ohnehin der wichtigste Partner für die Anschaffung des Elektroautos. Manchmal rabattiert er den Gesamt-Strompreis, wenn ein E-Auto als großer Verbraucher hinzukommt (etwa Yello Autostrom Klima Home) Manchmal bietet er einen Niedertarif für das Elektroauto an. Voraussetzung sind meist eine von Ferne abschaltbare Wallbox fürs netzdienliche Laden und manchmal ein Zweitarifzähler. Ob sich das lohnt, hängt von den individuellen Verbrauchswerten ab. Die Fixkosten steigen, die Stromkosten sinken.

Beim Versorger Polarstern gibt es einen Web-Rechner und eine umfangreiche Text-Beratung, wann sich das typischerweise lohnt. Den aktuellen eigenen Energieversorger danach fragen kostet auch nichts und kann sogar dazu führen, dass bei genügend Fragern ein Anstoß zu so einem Angebot entsteht. Üblicherweise lohnen sich solche Angebote aufgrund der höheren Grundgebühren erst bei höheren Fahrstromverbräuchen. Auch hier lohnt es sich, auf den Dorf-Flurfunk zu hören, denn es gibt lokale Anbieter, die Fahrstrom an einer netzdienlich abschaltbaren Wallbox für um die 20 Cent/kWh anbieten:

Anbieter Ort kWh-Preis in ct Grundgebühr in Euro
Stadtwerke Stuttgart Raum Stuttgart 23,64 6,72
Erenja NRW 20,19 9,95
eq Strom Brandenburg 20,67 3,30

Anders arbeiten Anbieter wie Awattar und Tibber. Die Angebote versprechen eine stundengenau vom Strommarkt bepreiste, monatliche Abrechnung des tatsächlich verbrauchten Stroms: Keine Überraschungen mehr am Ende der Abrechnungsperiode. Da der Haushaltsstrom jedoch hauptsächlich aus Abgaben besteht, sind die üblichen Schwankungen geringer, als der Laie zunächst vermuten würde. Meistens lohnt sich der Aufriss mit Internet-verbundenem Smart Meter und stündlichem Tarif erst bei Usern, die a) sehr interessiert sind und ihr Verhalten der Strombörse anpassen wollen und b) die sich von der monatlichen Abrechnung zu optimierten Verbräuchen motivieren lassen. Wer sich schon in diesem Artikel fühlt wie Indiana Jones im Intro von "Die Jäger des Verlorenen Schatzes", dem rate ich eher davon ab. Wer dagegen ein Raspi und drei Arduino-Boards im Blickfeld liegen sieht: Viel Spaß bei dieser Optimierungsaufgabe.

Eigene Solaranlage

Zuletzt noch ein Punkt, den jeder schon gelesen hat: Eigene Solaranlage. Angesichts steigender Strompreise und sinkender Preise für Photovoltaik-Hardware lohnt es sich, eine neue Wirtschaftlichkeitsrechnung für eigene Gebäude aufzustellen. Engagierte Mieter lassen sich dabei gerne ins Boot holen. Das Fraunhofer-Institut hat für Kleinanlagen in Einfamilienhaus-Größe einen Preis von 10 bis 12 Cent/ kWh über 25 Jahre geschätzt.

Bei größeren Anlagen lag der ermittelte Gestehungspreis 2018 bei 5 bis 8 Cent/kWh, sodass man bei der Einspeisung zumindest nicht draufzahlt. Die Hardware-Kosten sanken ja seitdem auch. Da die Einspeisevergütung niedrig liegt und weiter sinkt, lohnt sich die Optimierung der Anlage auf maximalen Eigenverbrauch. Die EEG-Novelle hat das Limit von 10 kWp auf 30 kWp erhöht, ab der eine anteilige EEG-Umlage auf den eigenen Strom gezahlt werden muss. Alles gute Gründe, PV auf dem Dach einmal individuell neu zu rechnen – vor allem mit dem Elektroauto als Großverbraucher.

Ausblick

Das Grundproblem des deutschen Strompreises ist seine enorme Abgabenlast, vor allem aus Umlagen. Verbrennerfahrer schimpfen gern über die Steuerlast von Treibstoff. Stromverbraucher haben deutlich mehr Grund zum Schimpfen, weil deutlich mehr Last. Wenn Fahrstrom signifikant billiger werden soll, muss der Staat ihn von einigen Umlagen befreien. EEG- und Offshore-Umlage plus Konzessionsabgabe weg: Zack, über ein Viertel billiger! Dass so etwas passiert, ist jedoch sehr unwahrscheinlich.

Im Gegenteil hat ein Leser errechnet, was der Strom mehr kosten müsste, wenn Fahrstrom nicht weniger, sondern mehr belastet würde als Haushaltsstrom, um nämlich die Einnahmen aus der Mineralölsteuer zu ersetzen, wenn wir alle aktuell am KBA ermittelten PKW-Jahreskilometer elektrisch führen. Die Schätzung bewegt sich im Bereich +17 Cent/kWh bei voll elektrischer PKW-Flotte. Es ist nur eine Schätzung, aber ich hoffe, Sie rechnen die Fahrstromkosten schon heute realistisch und ohne unbegründete Hoffnung auf sinkende Strompreise. Der Staat hat einen anderen Weg gewählt: Nicht Strom soll günstiger werden, sondern fossiler Brennstoff schrittweise teurer über die CO2-Abgabe. Warten wir ab, wie das ausgeht.

Falle für Neulinge

Es gibt geschätzt über 250 Fahrstromtarife in Deutschland. Die überwältigende Mehrzahl davon ist uninteressant, weil es Besseres gibt. Manche Tarife sind sogar eine Falle für Neulinge, siehe Plugsurfings Ionity-Preise. Vor diesem Hintergrund freue ich mich über jeden Fahrstrom-Tipp. Unser Ziel ist es, diesen Artikel für die nächste Welle von Elektroautofahrern über mindestens die ersten beiden Quartale von 2021 aktuell zu halten, damit diese Menschen nicht in ein Messer laufen, das aus Vernachlässigung offen steht.

(cgl)