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Missing Link: Kaufen Sie kein Elektroauto! Von falschen Konsum-Versprechungen

Sie wollen etwas tun, um das Leben, Ihr Leben, nachhaltiger zu gestalten? Tun Sie: nichts! Vor allem: Kaufen Sie nichts! Ein paar Anmerkungen zum Überkonsum.

Von Clemens Gleich

Wie sehr uns unsere Konsumkultur prägt, zeigen Antworten auf Fragen zur jeweils persönlichen Beteiligung am Schutz des zukünftigen Lebensraums der Säugetierart Homo Sapiens. Diese Antworten reihen nämlich bevorzugt auf, was die Befragten alles gekauft haben. Neue Elektroautos. Neue Hausdämmung. Neue Bioschuhe. Neue E-Fahrräder. Neue Bambustrinkhalme. Neue Zinkblechgießkannen. Die Kehrseite fehlt, der Müll dahinter: Die voll funktionale Plastikgießkanne, die im Rappel "Omas Zink muss her!" entsorgt wurde. Die leicht ausgetretenen Plastikturnschuhe. Das gebrauchte, defektfreie Benzinmotorauto. Es besteht hier eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Ihnen bis hierhin nichts seltsam vorkam, so normal liest sich der Vorgang selbst mit der Lampe des Fokus darauf. Wenn wir umweltfreundlicher sein wollen, müssen wir umweltfreundlicher konsumieren, oder? So sagen es uns täglich mehrere Bildschirme.

Zur Schlussfolgerung der Absurdität dieser Forderung fehlt es hauptsächlich an täglichem Feedback. Wir sprechen täglich über die Verkehrswende oder über Volkswagens Currywürste in der Kantine oder Luisa Neubauers Linienflüge. Doch der größte Batzen unseres unhaltbaren Lebensstils sind weder Schnitzel noch Ferienflüge, sondern unser krasser Überkonsum. Selbst diesen Begriff müssen Forscherinnen wie Dr. Maja Göpel immer wieder neu erklären, so selten kommt das Kernproblem unserer Gesellschaft zur Sprache. "Überkonsum" bedeutet, was das Wort beschreibt: einen Konsum, der über das hinausgeht, was unser Lebensraum regenerieren kann.

Sonstiger Konsum, oder: Überkonsum

In Zahlen des UBA zur Einordnung: Ernährung (inklusive allen Fleisches) macht 16 Prozent unseres CO2ä-Ausstoßes aus, alle Mobilität (inklusive aller Flüge) 20 Prozent, doch "sonstiger Konsum" liegt bei 42 Prozent. Der gern Jugendlichen vorgehaltene Stromverbrauch von Streaming, Licht, Elektronik: läppische 7 Prozent. Die verbliebenen 15 Prozent gehen an die Heizung. Das ist die Größenordnung des Problems in einem Land, dessen Bewohner große Vielfache an CO2ä von etwa einem Menschen in Eritrea produzieren, ohne sich vorstellen zu können, wie man da noch etwas sparen könnte. Ich KAUFE doch schon so bewusst!

Die Lösung liegt schon in der Problembeschreibung auf der Hand: Wenn Sie "etwas tun" wollen, dann tun Sie am besten: nichts. Nichts kaufen. Der vielzitierte "Fußabdruck" des Eritreers liegt doch nicht darin, dass er sich so viel geilen Ökoscheiß kauft, sondern darin, dass er sich eben kaum etwas leisten kann. Mangels Wohlstand konsumiert er nur das Nötigste. Unser Wohlstand dagegen finanziert hauptsächlich Konsum, und manchmal scheint es, als sei der Konsum unser einzig mögliches Glück.

Arm im Schlaraffenland

Das gestörte Verhältnis zum Konsum ist umso bemerkenswerter, als er sich in unseren finanziellen Eckdaten widerspiegelt: Deutschland landet beim Einkommen auf den vorderen Plätzen im europäischen Vergleich. Beim Vermögen dagegen liegt unser Durchschnitt kaum über dem europäischen Durchschnitt, und beim relevanteren Median liegt Deutschland deutlich unter dem europäischen Median. Wohin geht diese Differenz zwischen Einkommen und Vermögen? In die sogenannten "Lebenshaltungskosten".

Diese Kosten bestehen bei uns hauptsächlich aus hohen, stetig steigenden Mieten beziehungsweise Wohnkosten generell. Schon der nächste Punkt des Verkehrs enthält jedoch Überkonsum: 305 Euro im Monat kostet laut statistischem Bundesamt die persönliche Mobilität pro Haushalt. Konkreter: So viel kostet das Auto und die Ferienflüge, denn zu Fuß gehen kostet nichts, das alte Fahrrad fast nichts.

Genauso viel kosten Lebensmittel inklusive Genussmittel wie Tabak im Monat, wozu gehört: Deutschlands Lebensmittelkosten liegen im europäischen Vergleich niedrig aufgrund unserer hochautomatisierten Landwirtschaft. Es sind die feinen Dinge, die Genussmittel, die den Wert nach oben treiben. Und der Rest des Monatsgelds, den verfeuern wir in lupenreinem Konsum. 100 Euro pro Monat im Schnitt für Kleidung und Schuhe! Wenn ich das hier täte, hinge bald der ganze Dachboden voll meiner ungetragenen Ballkleider, und die Realität der Modefreaks sieht nur vernachlässigbar weniger absurd aus. Dass die Bundesregierung in so einem Kontext Geld von unten nach oben verteilt, damit Leute mehr Autos konsumieren, ist eine Farce, eine Frechheit, ein systematischer Fehler.

Äpfel, Birnen, Elektroautos

Wir wissen aus Untersuchungen und Vergleichen, dass das batterieelektrische Auto (battery electric vehicle, BEV) auf Lebenszeitsicht in Sachen CO2Ä besser abschneidet als Benziner oder Diesel. Volvo kommt im direkten Vergleich auf etwa die Hälfte des Impacts BEV/Verbrenner, das ICCT in seinen neuesten Hochrechnungen auf bis zu zwei Drittel Vorteil BEV. Diese ganze Zahlenspielerei verdeckt jedoch den Knackpunkt: Sie vergleicht das neue Elektroauto mit dem neuen Benziner. Das neue Elektroauto ersetzt jedoch den gebrauchten Benziner, und das meistens vorzeitig, vor allem mit Förderung. Emotionen prägen unsere Beziehung zu Autos und deren Kosten. Deshalb kaufen wir schon ökonomisch betrachtet zu früh neue Autos, und das geförderte E-Auto verschärft das Problem. Ökologisch betrachtet schaut es viel schlechter aus. Für die kurzfristige Klimabilanz ist das E-Auto sogar schlechter, weil es mit einem Herstellungsrucksack vorfährt, den der Verbrenner erst nach einigen Jahren des Gebrauchs einholt. Diese E-Förderung geht also rein an unsere Autoindustrie, und sie begründet sich von vorne bis hinten auf eine verquere Gefühlswelt.

Die dafür verantwortlichen Emotionen können Sie sehr einfach nachvollziehen. Stellen Sie sich vor, Sie besuchen mit Ihrem Neuwagen die Werkstatt für die planmäßige Wartung. Wie fühlen sich diese 500 Euro an? Eher als Investition. Schließlich will ich doch mit tadellosem Service-Heft weiterverkaufen! Wie fühlen sich die zahlreichen Defekte an, die der Hersteller auf Garantie bezahlt? Eher wie ein Entgegenkommen, obwohl Sie ohne eigene Schuld auf eigene Kosten durch die Gegend fahren und herumkommunizieren.

Nun stellen Sie sich vor, Ihr zehn Jahre altes Auto braucht einen neuen Katalysator. Wie fühlt sich das an? Eher schmerzhaft, als verlorene Kosten, ein Geldkoffer auf ein sinkendes Schiff geworfen. Schon bald stellt sich das Gefühl ein, der Wagen sei wirtschaftlich unrentabel. Es ist fast immer nur ein Gefühl, denn ein altes Auto am Laufen halten bleibt sehr lange wirtschaftlicher, als öfter mal ein neues zu führen. Beim für neuere Fahrzeuge großen Posten "Wertverlust" bestreiten viele Autofahrer kategorisch schon seine Existenz. Dieses Geld sei irgendwie "nicht real", wünschen sie sich, obwohl man ihnen vorrechnen kann, was der Wertverlust sie bisher gekostet hat im Verkauf alt zu Kauf neu(er).

Die ökologische Seite ist noch eindeutiger: Die umweltbewusste Halterin fährt den alten Wagen vollständig auf und sieht sich dann nach dem lebenszyklusmäßig besten Ersatz um. Die Förderung grätscht genau hier schädlich hinein. Der einzige, rein virtuelle Vorteil, der immer wieder genannt wird: Förderung sorgt für schnellere Verfügbarkeit attraktiver Produkte. Kurz: Der Vorteil besteht nur im Kontext Konsum. Es gäbe reihenweise Möglichkeiten, diese gigantischen Geldmengen sozialverträglicher und ökologisch wirksamer im Sektor Verkehr zu investieren. Aber wir müssen ja Autos verkaufen.

Gefühlte Wahrheiten

Schmerzhafte Erlebnisse beeinflussen uns immer stärker als positive. Erinnern Sie sich an die Pubertät in der Schule. Ououou, da kommen Erinnerungen! Ganz viel Scham. So funktioniert der menschliche Geist eben. Tausende von Euro pro Jahr sparen durch ein älteres Auto fällt uns überhaupt nicht auf. Im Gegenteil ärgern wir uns darüber, dass wir 1000 Euro Reparaturkosten über die Wartung hinaus aufwenden mussten. Um diese (schmerzhaften) 1000 Euro zu vermeiden, geben wir gern (wohlig investierte) 2000 Euro für Mehrkosten eines neueren Fahrzeugs aus. Die neu gekaufte Bambuszahnbürste! Ach, wie bin ich heut' wieder ökologisch! Der dafür weggeschmissene Zehnerpack Plastikbürsten: War was?

Bamboozled

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Wie jedes schwierige Problem entsteht der Überkonsum natürlich aus vielen Ursachen. Mein Nachbar hat sich das Haus gedämmt! Jetzt kaufe ich einen Hyundai Ioniq, das wird ihm zeigen, wer hier mehr tut für die Zukunft! Mit dem Ioniq kann ich zudem viel mehr mit meiner Tugendhaftigkeit hausieren gehen als mit meinem zwanzig Jahre alten Golf, den er ersetzt. Bei egal welchem Problem muss immer jemand etwas TUN, das fordert das Fernsehen schon im Moment der Berichterstattung. Bürger fordern, dass irgendjemand irgendetwas tun soll, und geben sich zufrieden, wenn das in dieser Wahllosigkeit geschieht. Sehr oft gibt es jedoch nichts (Sinnvolles) zu tun. Sehr oft wäre es im Gegenteil besser, nichts zu tun, oder weniger zu tun.

Das Tao des modernen Konsums

Der Taoismus beschreibt als eine seiner primären Standsäulen das "Tun durch Nichtstun" (Wu Wei). Die Formulierung ist absichtlich in sich widersprüchlich, das Konzept ist das jedoch nicht. Am einfachsten erklärt es sich anhand Deutschlands beliebtestem Hobby: Gärtnern. Ein "Garten" enthält per definitionem menschliche Gestaltung und natürliches Wachstum in jeweils individuellen Anteilen. Sie können sich im Garten totarbeiten, wenn Sie versuchen, alles zu kontrollieren – ein bewährtes Rezept zum Unglücklichsein. Der Mensch im Garten muss wissen, was zum Gestaltungsziel zu TUN ist, wichtiger aber noch, was er LASSEN kann, ja: muss. Sie können keine Begonie bauen. Die Pflanze muss das selber tun. Das gilt auf allen Ebenen des Biotops. Und der Mensch neigt immer zum zu viel tun; der moderne Mensch am liebsten in Verbindung mit zu viel kaufen. Machen Sie sich den Spaß und recherchieren Sie einmal, wie viel Pflanzenmasse Hausgärtner (gegen Geld, mit dem Auto) entsorgen, wie viel Komposterde (am liebsten in Plastiksäcken) sie kaufen und wie viele Komposthaufen es in Hausgärten gibt.

Das Autofahren funktioniert (taoistisch betrachtet) nicht grundlegend anders. Ein altes Auto gegen ein neues Elektroauto zu tauschen, ist trotz Förderung selten wirtschaftlich und noch seltener umweltfreundlich. Tun Sie doch erst einmal: nichts. Wenn sich das alte Auto wirklich nicht mehr reparieren lässt (das ist etwas Anderes als das vage Gefühl, das lohne sich nicht mehr), können Sie es immer noch gegen die über die Lebenszeit umweltfreundlichste Option ersetzen. Der Trick zu einem zuverlässigen Gebrauchtwagen: Wartung machen, als sei da noch Garantie drauf. Dann kommen auch Defekte nicht mehr so "aus heiterem Himmel". Autohersteller hassen diesen Trick. Er stärkt jedoch die lokale Wirtschaft, denn die Werkstatt liegt um die Ecke, während das neue Auto in Tschechien oder gleich in Asien vom Band läuft.

Because I'm Happy

Na? Regt sich Widerstand in der Hirnrinde? Was will der Schreiberling? Soll ich etwa leben wie meine Urgroßeltern? Graupensuppe und Gewalt jeden Tag? Das ist die große Lüge, die uns die Bildschirme jeden Tag erzählen: Dass Konsum (und nur Konsum) uns glücklich macht, dass jedes Weniger in der logischen Folgerung unser Glück mindert. Henderson-DeSylva-Brown wussten es schon in den 1920ern: The best things in life are free.

Fast hundert Jahre Forschung später wissen wir, dass der etwas dümmlich-naiv klingende Spruch stimmt. Spazierengehen und andere Menschen machen uns zufrieden. An Möglichkeiten zu beidem herrscht kein Mangel, beides kostet weniger Lebenszeit als die Alternativen. Viel arbeiten, um viel zu kaufen dagegen kann sehr schnell sehr unglücklich machen. Deshalb braucht dieses unser Lebenskonzept ihre tägliche Werbung. Und deshalb stehe ich hier immer und predige Spazierengehen und mit Kumpels abhängen, bis Ihnen das Thema zu allen Löchern herausläuft. Es muss einen stetig wiederholten Gegenentwurf geben zum stetig wiederholten Überkonsum, aus dem schlichten Grund, dass Überkonsum nicht nachhaltig funktioniert. Das Konsumproblem durch Konsum lösen wollen ist genauso dämlich wie "War on Terror" oder das ebendies veräppelnde "Fucking for Virginity".

Und damit niemand in die Absolutismus-Falle der radikalen Veganer läuft: Es muss nicht die totale Abkehr von jedem Konsum sein, bei dem Sie sich auf den Kopf stellen müssen, wenn Sie aus der Eisenwarenabteilung drei neue Schrauben kaufen wollen. Etwas weniger hilft schon. Viele Leute etwas weniger ergibt fast immer mehr Effekt als wenige Leute, die 100 Prozent schaffen.

Was reicht?

Wie viel vom Zuviel wäre mir genug? Es hilft eigentlich nur Erfahrung. Daher ein kleines Spiel, für den Sanktnimmerleinstag, an dem Sie "mal Zeit haben": Kaufen Sie 30 Tage lang nichts außer Lebensmittel. Stellen Sie sich die Challenge, das Auto so wenig wie möglich zu benutzen (ähnlich dem, was Fahrer von Plug-in-Hybriden mit elektrisch fahren tun, nur besser). Gehen Sie stattdessen möglichst viel zu Fuß. Sprechen Sie jeden Tag persönlich mit einem relevanten Menschen, den Sie vernachlässigt haben, weil dieser Mensch einen Account bei Facebook hat und Ihr Essensbild sehen kann (ja, ich impliziere hier, dass ein Like und ein Schnitzelfoto unzulänglich sind für eine menschliche Beziehung). Benutzen Sie keine asozialen Medien. Ich kann Ihnen garantieren, dass Sie am Ende dieser 30 Tage a) glücklicher sind und b) finanziell wie sozial reicher. Vielleicht haben Sie gar angefangen, Taoismuskonzepte in Ihrem Garten anzuwenden.

Das Schwierige ist nach diesem Zeitraum nur, dass Ihnen die Bildschirme weiterhin ständig erzählen, was Sie alles an Glückskonsum verpassen, was NORMAL ist, was Ihnen FEHLT. Das erodiert die erlebte positive Erfahrung erstaunlich schnell. Konsum ist systematisch bei uns im Westen. Wir träumen noch immer von der Kapitalistenutopie des ewigen Wachstums. Die nötige Reißleine wäre jedoch: gesundschrumpfen. Das große Geheimnis am Ende: Wer weniger überkonsumiert, muss nicht unbedingt das Mehrgeld sparen. Sie könnten auch (Schnappatmung!) bei gleichem Sparvolumen weniger arbeiten. Mehr Zeit für die Kinder, für die Lebenspartner, für die Hängematten, fürs Menschsein. Doch wie wir zuletzt in der Krise unmissverständlich sahen: Genau das will kein deutscher Entscheider.

(jk)