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Schule digital: Schule nach der Digitalisierung – eine Zeitreise ins Jahr 2040

Schule nach der Digitalisierung – eine Zeitreise ins Jahr 2040

Jöran Muuß-Merholz ist Diplom-Pädagoge und beschäftigt sich mit der Zukunft der Bildung. Wie Schulen im Jahr 2040 aussehen könnten, zeigt er hier.

Von Jöran Muuß-Merholz

Die Digitalisierung der Bildung wird seit Jahren angemahnt, durch die Coronavirus-Pandemie hat diese Forderung aber eine ganz neue Dringlichkeit erhalten. Damit Kinder nicht davon abhängig sind, wie fit ihre Eltern, Schulträger und Lehrer:innen sind, müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine möglichst große Teilhabe schaffen.

Wie sollte die Digitalisierung in unseren Bildungseinrichtungen also umgesetzt werden? Wie ist es bisher gelaufen? Welche Tools und Ausstattungen haben sich schon bewährt, welche dürften und sollten kommen? Und wie könnte die Schule – nach einem großen Digitalisierungsschub – in einigen Jahrzehnten aussehen? Unsere Artikelserie "Schule digital" möchte diese Fragen weiter beleuchten.

Das Zusammenkommen von Schule und Digitalisierung wird 2020 breit diskutiert. Dabei spürt man an vielen Stellen die große Sehnsucht nach dem klaren, eindeutigen, widerspruchsfreien Bild, wie denn "die digitale Schule" aussehen werde und wie ein entsprechender Masterplan den Weg dorthin beschreiben könne. Wenn wir uns die heutige, prä-digitale Schule anschauen, dann gibt es ja auch nicht das eine, einheitliche Bild. Es gibt Schulen, in denen viel Wert auf Beziehungen gelegt wird – in anderen Schulen werden Fächer unterrichtet, nicht Menschen. An einigen Schulen legt man Wert auf modernes Wissen – andernorts steht ein klassischer Kanon im Vordergrund. Schulen geben sich selbst unterschiedliche Profile – zum Beispiel besonders naturwissenschaftlich oder fremdsprachlich, dezidiert christlich oder anthroposophisch begründet.

Die folgenden Überlegungen gehen davon aus, dass der Trend zur Profilbildung von Schulen eher zu- als abnimmt. Um sie deutlicher sichtbar zu machen, unternehmen wir eine Zeitreise in die Zukunft und schauen uns Schulen im Jahr 2040 an – 20 Jahre nachdem der Digitalisierungsschub in der Coronakrise seinen Anfang nahm.

Ein Rundgang durch Schulen im Jahr 2040

Wer als zeitreisender Schulforscher im Jahr 2040 ankommt, sieht ganz unterschiedliche Schwerpunkte sowohl bei den Inhalten als auch bei den Formen der Schulen. Beginnen wir mit einem kleinen Rundgang entlang von drei Schulen einer Stadt.

Die global vernetzten Weltverbesserer

Als erstes besuchen wir die Greta-Thunberg-Reformschule am Stadtrand. Bei ihrer Gründung 2021 verschrieb sich die Schule in ihrer Ausrichtung den Sustainable Development Goals (SDGs), also den Zielen für nachhaltige Entwicklung, die die Vereinten Nationen 2015 verabschiedet hatten. Sowohl der globale Blick als auch die Auseinandersetzung mit Menschheitsaufgaben wie dem Klimawandel prägten die Ausrichtung der Schule.

Die Schule ist hochgradig vernetzt, auf sozialer wie auf technischer Ebene. Die Schüler:innen kooperieren regelmäßig in internationalen Projekten, bei denen Gruppen von Partnerschulen auf allen Kontinenten zusammen an sogenannten „echten, großen Aufgaben“ (“real and big challenges”) arbeiten. Dafür definieren sie zu Beginn gemeinsam die Aufgabe und sammeln Fragen, auf die im Projekt Antworten gefunden werden sollen. In der Projektarbeit wird zum einen intensiv vor Ort gearbeitet, wenn beispielsweise Podcasts oder kleine Dokumentarfilme geplant und produziert werden. Gleichzeitig findet die Zusammenarbeit international statt, natürlich digital vernetzt. Auf diese Weise wurde von der Greta-Thunberg-Reformschule zum Beispiel zusammen mit je einer Schule aus Bolivien, Kanada, Nigeria und Indonesien eine gemeinsame Website erstellt, auf der Energieerzeugung und -nutzung in den verschiedenen Ländern dargestellt und verglichen wurden. In solchen Projekten werden nicht nur übergreifende Kompetenzen wie (Online-) Kommunikation und Kollaboration, Medienproduktion und Projektplanung entwickelt, sondern auch verschiedene fachliche Inhalte, in diesem Projekt zum Beispiel in Physik, Mathematik, Wirtschaft und Fremdsprachen.

Die Schule ist Teil eines weltweiten Netzes von Messstationen, an das öffentliche Orte wie Schulen, Bibliotheken oder die neu entstandenen Community-Treffpunkte (ehemals Volkshochschulen) angeschlossen sind. Hier werden Daten wie Niederschlag, Wind, Wasserqualität, Luftqualität und Feinstaubbelastung gemessen und in einem globalen Datenpool gesammelt. Es gibt an der Schule einen starken naturwissenschaftlichen Schwerpunkt, bei dem regelmäßig Experimente durchgeführt und die sowohl vor Ort als auch global gesammelten Daten ausgewertet und besprochen werden. Auch hier spielt der internationale Austausch eine große Rolle, wenn zum Beispiel Lerngruppen aus drei Ländern die Aufgabe bekommen, bestimmte Messdaten zu vergleichen und Erklärungen für die gefundenen Unterschiede zu formulieren. Natürlich gibt es auch ein virtuelles Labor mit Datenbrillen und Sensorhandschuhen, in dem Experimente und Umgebungen erforscht werden, die vor Ort nicht zur Verfügung stehen, die zu aufwändig oder zu gefährlich wären.

Mars-Forschung

Als 2039 im Rahmen der internationalen Marsexpedition Menschen Experimente auf dem Mars durchführten, konnte die Schule viele davon bei sich nachbauen und die Ergebnisse sowohl mit denen vom Mars als auch von anderen Schulen aus aller Welt vergleichen.

Das Wort "Inklusion" ist an der Greta-Thunberg-Reformschule ein Fremdwort. Denn hier ist es selbstverständlich, dass alle Menschen individuell gesehen und nicht in Schubladen sortiert werden können. Auch dank des verstärkten Einsatzes digitaler Technologien gibt es ganz unterschiedliche Zugänge zu Materialien und zur Kommunikation miteinander. Und selbstverständlich kann jede:r in die verschiedenen Projekten eigene Stärken einbringen.

Die Schule ist eng mit dem Stadtteil vernetzt. Es gibt ein lokales Online-Netzwerk, das auf Liquid-Democracy-Verfahren aufsetzt und die Bürgerbeteiligung auf ein neues Niveau gehoben hat. Regelmäßig können Bürger:innen Projekte im Stadtteil vorschlagen, über deren Beteiligung der Schule dann abgestimmt wird – Schüler:innen und Lehrende haben je eine Stimme. Dank einer digitalen Partizipationsplattform ist es viel einfacher, dass alle Interessierten in der Schulgemeinschaft Vorschläge einbringen, diskutieren, abstimmen oder ihre Stimme delegieren können. Auf diese Weise hat sich die Schule und das Selbstverständnis der Menschen stark gewandelt. Sie "besuchen" die Schule nicht nur, sondern sehen sich als verantwortlicher Teil einer Gemeinschaft.

Die digital-freie Zone

Der nächste Stopp unserer Schulbesuche im Jahre 2040 führt zum Manfred-Spitzer-Lyzeum. Die Schule rühmt sich dafür, eine "digital-freie Zone" zu sein, in der Geräte wie Smartphones, Tablets, Chip-Implantate und andere Computer verboten sind.

Die Ausrichtung der Schule entstand Anfang der 20er Jahre in bewusster Abgrenzung zum damaligen Hype um die Digitalisierung in Schulen. Viele Eltern und Pädagog:innen, aber auch einige Jugendliche waren der Meinung, dass digitale Medien in ihrem Alltag ohnehin schon eine zu große Rolle spielten. Die Schule sollte dazu ein bewusstes Gegengewicht bilden und Prinzipien wie Konzentration, Ruhe, Achtsamkeit und Disziplin betonen. Viele sprachen sogar davon, dass es um die Prävention von "Mediensucht" ginge. (Dazu muss man wissen, dass die Hersteller von Diensten und Apps Anfang der 20er Jahre ihre Produkte gezielt so gestalteten, dass sie suchtähnliches Verhalten mit entsprechenden Belohnungs- und Abhängigkeitsmechanismen auslösen sollten.)

Gemeinsamer Kanon

Die "digital-freien" Schulen, die an mehreren Orten entstanden, orientierten sich bei ihren Bildungszielen in der Regel an klassischen Idealen, teilweise bewusst als Gegentrend zu solchen Bewegungen wie "21st Century Skills" oder "zeitgemäße Bildung". Heute gehört an solchen Schulen Latein oder Altgriechisch zum Standard. Die Handschrift wird in ihrer Bedeutung betont und in Kalligraphie-Kursen trainiert. Man legt wert auf Rhetorik und die musischen Fächer.

Auch körperlichen Aktivitäten wird ein besonderer Wert beigemessen, teilweise mit speziellen Sport-Schwerpunkten. Im Curriculum wird besonderer Wert auf die Grundlagen gelegt. Das Credo am Manfred-Spitzer-Lyzeum lautet: "Je unvorhersehbarer die Welt ist, desto wichtiger sind die Fundamente. Je vielfältiger das Wissen wird, desto wichtiger ist ein gemeinsamer Kanon."

Die komplette Abwesenheit von digitalen Technologien hat die Schule übrigens nach einigen Jahren wieder eingeschränkt. Zwar wird im Unterricht standardmäßig auf Kreide und Tafel, Tinte und Papier gesetzt. Es gibt jedoch gesonderte Computerräume, um computerbezogene Qualifikationen zu vermitteln. Außerdem stößt der Ansatz, ausschließlich auf analoge Medien als Quellen zuzugreifen, zunehmend an Grenzen, weil viele Materialien – sowohl aktuelle wie auch ältere Quellen – nur noch digital verfügbar sind. Auch wird diesen Schulen nachgesagt, sie haben verdeckte Probleme mit Bullying und problematischen Medieninhalten. Fachleute sprechen davon, dass die sogenannte "Freiheit" von digitalen Medien eine Verdrängungsfunktion habe: Die Nutzung unterbleibe nicht komplett, sondern werde in dunkle Ecken verdrängt.

Die digitalen Lerneffizienten

Die dritte Station unseres Rundgangs durch die Bildungslandschaft im Jahr 2040 ist die LIDA-Schule N-22 in der Neustadt. Sie steht stellvertretend für das vorherrschende Schulkonzept, das an den allermeisten staatlichen Schulen etabliert wurde. Der offizielle Name des Konzeptes: "Lernen individuell, digital und adaptiv (LIDA)".

Das Konzept orientiert sich im Grundsatz an dem Modell, das in der Forschung häufig als das effizienteste Lehr-Lern-Setting angesehen wird: die eins-zu-eins-Betreuung durch eine Lehrperson für einen Lernenden, so wie es beim Hauslehrer und in der Nachhilfe bekannt ist. Dafür schaut man auf die Schritte, die eine gute Lehrperson vollzieht:

  1. Diagnose: Die Lehrperson gleicht die Lernziele mit dem derzeitigen Lernstand des Schülers ab. Aus der Differenz leitet sie die notwendigen Lernschritte für den Schüler ab.

  2. Input: Die Lehrperson bietet einen Input, beispielsweise als Vortrag, Text oder Video.

  3. Übung: Die Lehrperson lässt den Schüler das neu Gelernte anwenden und üben.

  4. Evaluation und Feedback: Die Lehrperson aktualisiert ihr Bild vom Lernstand des Schülers und gibt entsprechende Rückmeldungen.

  5. zurück zu 1.: Diese Schritte wiederholen sich als Spirale. Die Lehrperson prüft nach einer neuen Diagnose (1), ob es weiteren Input (2) oder zusätzliche Übungen (3) braucht, gibt anschließend erneut Feedback (4) usw.

Fortlaufende Analyse

Das Konzept "Lernen individuell, digital und adaptiv (LIDA)" geht davon aus, dass jeder dieser Schritte durch einen Computer effizienter geschehen kann als bei einem Menschen. Ein entsprechender Algorithmus kann für Inputs und Übungen nicht nur auf einen riesigen Fundus zugreifen, sondern diese Materialien auch individuell an die Bedürfnisse des konkreten Lernenden anpassen. Die Schritte Diagnose, Input, Übung, Evaluation und Feedback kann ein menschlicher Lehrender pro Schüler:in nur alle paar Minuten oder Stunden (vielleicht auch nur Wochen oder Monate) wiederholen und anpassen. Die Maschine kann sie laufend wiederholen und aktualisieren, in jeder Sekunde. Dafür beobachtet sie den Lernenden ständig, zeichnet Reaktionszeiten bei der Eingabe, körperliche Kennzeichen wie die Blickrichtung und natürlich die mündlichen und schriftlichen Eingaben des Lernenden auf.

Der Algorithmus kann Erfahrungen in Millionen von vergleichbaren Fällen berücksichtigen und entsprechend die erfolgversprechendsten Schritte auswählen. Da alle Daten wieder in das System eingespeist werden, lernt es ständig dazu und verbessert seine Möglichkeiten. Auf diese Weise bietet LIDA ein für jeden Lernenden maßgeschneidertes Lehrangebot, das ein Lernen nach individuellen Bedürfnissen und Schwerpunkten sowie im individuellen Tempo ermöglicht.

Lernassistenten

Das LIDA-System ist nicht nur fachlich kompetent, weil es ständig weiterentwickelt und verbessert wird, sondern auch immer geduldig und freundlich. Es steht 24 Stunden an jedem Tag voll konzentriert zur Verfügung und kann problemlos Millionen von Lernenden gleichzeitig bedienen, ohne dass sich die Kosten entsprechend vervielfältigen würden.

Für die praktische Umsetzung wurden verschiedene Modelle des persönlichen Lernassistenten erprobt. Zunächst versuchte man es mit einem kleinen Symbol am Bildschirmrand, das über Sprechblasen kommunizierte, beispielsweise eine Büroklammer mit Gesicht, ein weiser Uhu oder ein gezeichneter Roboter. Für einige Zeit erhoffte man sich eine stärkere Wirkung dadurch, dass man diesen Assistenten auch eigene Körper gab und den Lernenden einen kleinen Roboter zur Seite stellte, der mit großen Augen und niedlicher Stimme ausgestattet war. Schließlich stellte sich heraus, dass für die Lernenden die Sprachebene die wichtigste Eigenschaft für den Lernassistenten war. Die meisten Kinder waren nach 2020 über Alexa, Siri und Co. mit cloudbasierten und körperlosen Assistenzsystemen groß geworden. Für sie war es vor allen Dingen wichtig, die Stimme und den Namen ihres Assistenten selbst auswählen zu können.

Das Schulsystem 2040 – Bildung für alle

Im Jahre 2040 sind adaptive Lehr-Lern-Systeme, mit denen Lernende individuell durch cloudbasierte Computer unterrichtet werden, weltweit zum Standard geworden. Durch sie haben 2040 fast alle Kinder auf der inzwischen 9,2 Milliarden Menschen fassenden Erde Zugang zu einem grundlegenden Bildungsangebot. (Der Zugang für alle ist durch sinkende Kosten für Geräte und Internetzugänge durch globale Unternehmen möglich.)

In vielen Ländern werden solche Angebote durch globale Unternehmen betrieben, entweder in privatisierten Schulsystemen oder im Auftrag des Staates. An vielen Orten gibt es die Schule als Ort, an dem die Lernenden jeden Morgen zusammenkommen, nicht oder nicht mehr. Für die Arbeit mit einem cloudbasierten System reicht ein Gerät, genug Bandbreite und ein einfacher Arbeitsplatz.

Anwesenheitspflicht und Rationalisierung

Deutschland hat auch 2040 noch die Anwesenheitspflicht in Schulen beibehalten. Das kommt unter anderem daher, dass die Bildungspolitik bei der schrittweisen Einführung solcher Systeme versprochen hatte, dass es nicht darum gehe, menschliche Lehrerinnen und Lehrer zu ersetzen. Vielmehr sollten deren Arbeitskraft für "genuin menschliche Aufgaben" eingesetzt werden, wobei "nicht Mensch-gegen-Maschine, sondern Mensch-mit-Maschine" als Leitbild gelten sollte. Diese guten Vorsätze hielten allerdings nur solange, wie es den öffentlichen Haushalten gut ging, also besonders in den sogenannten strukturschwachen Regionen nur wenige Jahre.

2040 ist die Schullandschaft fragmentiert. Schulen mit menschlichen Lehrkräften und besonderen Profilen wie die Greta-Thunberg-Reformschule oder das Manfred-Spitzer-Lyzeum sind die Ausnahme. Sie werden von wohlhabenden Kommunen oder Eltern, von Unternehmen, Stiftungen oder Glaubensgemeinschaften finanziert. Die große Mehrheit der jungen Generation besucht die effizienten LIDA-Schulen.

Schulkritik 2040

Das Schulsystem in 2040 bietet ein effizientes Angebot für alle, aber es ist gespalten und umstritten. Kritiker nennen die LIDA-Schulen "Lernfabriken ohne Herz und Seele". Die Schulen würden mit ihren bunten Sitzsäcken und begrünten Sitzecken zwar an der Oberfläche einladend und individuell wirken. Aber die versprochene Individualisierung sei ein Fake. Zwar können alle im eigenen Tempo und mit maßgeschneiderter Betreuung lernen. Aber das entscheidende – nämlich die Inhalte des Lernens – seien keinesweg beeinflussbar. Alle müssten dem Pfad folgen, den die Maschine vorgibt. Dieser Weg sehe zwar unterschiedlich aus, aber er führe alle zu den gleichen, vorgegebenen Zielen.

In 2040 wird rückblickend eine unerwartete Nebenwirkung der automatisierten Systeme sichtbar: Schüler:innen verstehen ihr eigenes Lernen immer weniger. Die Kompetenz zum Meta-Lernen, also das Lernen über das Lernen, war zwar als zentrales Bildungsziel schon lange bekannt. Allerdings haben die digitalen Systeme genau das (vermeintlich) überflüssig gemacht. Sie beobachten, analysieren und verstehen das Lernen. Die lernende Person braucht und kann das nicht nachvollziehen – für sie reicht es aus, dem nächsten Schritt des digitalen Pfads zu folgen.

Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen sind in 2040 weiterhin wichtig, auch wenn sie sich verändert haben, genau wie fachliches und interdisziplinäres Wissen. Übergreifende Kompetenzen wie Kreativität, Empathie, kritisches Denken oder Zusammenarbeit gelten jedoch als genauso bedeutsam – und diese könne man den Kritikern zufolge in den automatisierten Lernfabriken nicht fördern – im Gegenteil. Der Algorithmus kann besonders gut eindeutiges Faktenwissen vermitteln und abprüfen – und genau diese Art von Wissen verliert für Menschen immer mehr an Bedeutung, weil entsprechende Aufgaben von Maschinen übernommen werden.

Janusköpfige Daten

Es ist kaum vorstellbar, wie umfangreich und umfassend die Daten sind, die in den vernetzten Lehr-Lern-Systemen in 2040 anfallen und verarbeitet werden können. Dabei werden nicht nur alle Lernschritte und -ergebnisse aufgezeichnet, sondern auch umfassende Vermessungen der Lernenden.

Während zunächst die direkten Eingaben über Tastatur, Klicks und Touchscreen im Vordergrund standen, wurden zunehmend indirekte Interaktionen wichtig. Man begann damit, über Webcams die Blickrichtung zu analysieren. Wohin schauten die Lernenden, wie lange, was ignorierten sie, was fokussierten sie? Die Auswertung dieser Daten brachte einen großen Entwicklungsschub. Die Entwickler:innen und ihre Algorithmen erkannten, dass es für die Analyse viel wichtiger war zu erkennen, was im Inneren des Lernenden passierte, wenn gerade keine Eingabe stattfand.

Hochgradig komplex

Im nächsten Schritt lernten die Systeme, mit Hilfe von zusätzlichen Daten wie Blutdruck, Herzfrequenz, Hautwiderstand, Gesichtsausdruck oder Pupillengröße auf den psycho-emotionalen Zustand der Lernenden zu schließen. Was erzeugt Stress? Was sorgt für gut Lernatmosphäre und Motivation? Die gewonnenen Daten verband man untereinander sowie mit Metadaten, beispielsweise mit Tageszeiten, Wetter und natürlich mit den jeweiligen Lerninhalten. Auf diese Weise und mit Zugriff auf die Datensätze von Millionen von Schüler:innen konnten die lernenden Algorithmen hochgradig komplexe Analysen vollziehen und das Lernangebot immer weiter perfektionieren, so dass ein Lernen ohne Angst und Stress, mit Belohnungen und Entspannungsphasen möglich wurde – und zwar nicht nur für einen angenommenen Durchschnittsschüler, sondern für jeden Einzelnen individuell.

Gleichzeitig weckten die Datensätze und ihre Analysen Begehren von allen Seiten. Am Anfang standen die Eltern, die sehr empfänglich für das Versprechen waren, jederzeit über Lernstand und Aktivitäten ihrer Kinder auf dem Laufenden gehalten zu werden. Eine mächtige Nebenwirkung waren Empfehlungssysteme für außerschulische Aktivitäten der Kinder wie Sport, Musik und andere Hobbys. Sie wurden aus Big-Data-Analysen abgeleitet, bei denen die Algorithmen unter anderem die Daten früherer Schüler mit ihren späteren Erfolgen und den außerschulischen Tätigkeiten trianguliert hatten.

Datenhungrige Firmen und Behörden

Auch Unternehmen interessieren sich für diese Datensätze, um Informationen für Bewerbungen und Recruiting, aber auch für das Marketing zu gewinnen. Nachdem Mitte der 20er Jahre drakonische Strafen für entsprechenden Missbrauch von Daten eingeführt wurden, konnte diese Problem im Bereich der Unternehmen zurückgedrängt werden.

Schwieriger gestaltet sich der Umgang mit Überwachungs- und Kontrollbestrebungen von staatlicher Seite. Auch 2040 dauert der Kampf zwischen Freiheitsrechten und Maßnahmen im (vermeintlichen oder tatsächlichen) Dienste der Sicherheit an. Die umfassenden Datensätze sind Objekt größter Begierde gerade für die 2040 dominanten Vertreter von Pre-Crime und Predictive Policing. Sie wollen die Daten zur Erstellung von Persönlichkeitsprofilen nutzen, um die Wahrscheinlichkeiten für potenzielle Straftaten zu prognostizieren.

Dieser Widerspruch bleibt ungelöst. Die umfassenden Datensammlungen sind eine janusköpfige Angelegenheit. Die Daten, die das Lernen erleichtern und verbessern, sind dieselben Daten, die Missbrauch, Manipulation und Kontrolle ermöglichen. Ansätze wie die Löschung oder Anonymisierung von Daten haben sich auch deswegen nicht durchgesetzt, weil viele Menschen direkte Vorteile in ihren Datensammlungen erkennen – je umfangreicher, desto besser.

Immerhin: Mit der Anerkennung des "Rechts auf Export" hat der Europäische Gerichtshof 2032 einen Standard gesetzt, nach dem Unternehmen ihren Nutzer:innen einen kompletten Export der sie betreffenden Daten in einem standardisierten Format ermöglichen müssen.

Zurück in der Gegenwart

Schaut man nach dieser Zeitreise vom heutigen Standpunkt aus auf das Zusammenwirken von Schule und Digitalisierung, so liegt die Zukunft – wie immer – im Dunkeln. Es ist ungewiss, in welche Richtungen die Entwicklungen gehen, wie schnell und wie stark sie sich vollziehen werden. Es ist aber plausibel, dass die Rolle digitaler Medien von zentraler Bedeutung sein wird – nicht nur im Sinne einer Optimierung von bestimmten Eigenschaften, sondern in einem grundlegenden Sinne, in dem sich das Selbstverständnis von Schule und Gesellschaft widerspiegeln. Digitale Medien können extrem mächtige Verstärker sein – von Selbstbestimmung, Kreativität und Zusammenarbeit beim Lernen, aber auch von Kontrolle, Überwachung und Entmündigung.

Es ist für uns als Gesellschaft nicht mehr möglich, Digitalisierung für Schulen nicht zu denken. Watzlawik sagte: "Man kann nicht nicht kommunizieren". Und so müssen wir uns für Schule darüber klar sein: "Man kann nicht keine Entscheidung in Bezug auf Digitalisierung treffen." Die Digitalisierungsfrage ist für die Schule eine Grundsatzfrage. Schulen und wir als Gesellschaft müssen uns als gestaltende Akteure begreifen. Wir müssen nicht nur fragen: "Was macht die Digitalisierung mit der Schule?", sondern auch und erst recht: "Was macht die Schule mit der Digitalisierung?"

Zu unserer Serie "Schule digital" finden Sie auch diese Beiträge:

(kbe)