Nur kleiner Teil der zerrissenen Stasi-Akten wieder lesbar

Fieberhaft hatten Stasi-Offiziere im Herbst 1989 versucht, Akten verschwinden zu lassen. Es wurde geschreddert, zerrissen und vernichtet. Was ist aus der Hinterlassenschaft geworden?

Mehr als 28 Jahre nach dem Mauerfall liegen noch immer Millionen Schnipsel zerrissener Stasi-Akten ungenutzt in Säcken. Das werde vorerst so bleiben, die massenhafte Rekonstruktion per Computer komme nicht weiter voran, sagte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, der dpa. Das Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik habe eine leistungsfähige Software entwickelt, doch es gebe keine entsprechenden Scanner. Das Projekt sei vorerst gestoppt. "Die technischen Voraussetzungen reichen nicht", erläuterte Jahn.

Vor zehn Jahren begann ein Vorhaben, mit dem die Papiere in großem Stil virtuell zusammengesetzt werden sollten. Etwa 7 Millionen Euro flossen in das Projekt. Erschlossen wurde der Inhalt von 23 Säcken, was 91.000 Seiten entspricht, wie Jahn erläuterte. Das Computerprogramm konnte bereits Risskanten, Schrift- und Papierarten zuordnen. Doch die Schnipsel mussten per Hand in herkömmliche Scanner eingelegt werden.

15.500 Säcke

Auch das Zusammenfügen von Stasi-Papieren per Hand im bayerischen Zirndorf wurde Ende 2015 beendet. Abgeordnete Mitarbeiter wurden wieder im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gebraucht. Seit 1995 war der Inhalt von etwa 500 Säcken per Hand gepuzzelt worden. Das seien etwa 1,6 Millionen Blätter.

Vorder- und Rückseite einer Vollrekonstruktion mit rot hervorgehobenem Rissbild. Bild: Fraunhofer IPK

Die Schnipsel aus rund 15.500 Säcken seien bislang nicht erschlossen, sagte Jahn. Im Herbst 1989 wollten Stasi-Offiziere massenhaft Akten vernichten. Nachdem die Reißwölfe heiß liefen, wurde auch per Hand zerfetzt. Bürgerrechtler stoppten die Aktion. Die zerrissene Hinterlassenschaft wurde in mehr als 16.000 Säcken gelagert. Daneben blieben 111 Regal-Kilometer unversehrte Papiere erhalten.

Stasi soll nicht bestimmen

Die Behörde werde sich nun darauf konzentrieren, zum Beispiel Säcke aus der Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung, die für die Auslandsspionage zuständig war, sowie Schnipsel aus der Abteilung zur Verfolgung von DDR-Oppositionellen mit eigenen Mitarbeitern per Hand zusammenzusetzen. "Die Stasi darf nicht im Nachhinein bestimmen, was wir lesen können und was nicht", unterstrich der frühere DDR-Oppositionelle Jahn.

Die bereits am Computer zusammengesetzten Papiere sollen bis zum Frühjahr ins Archiv einsortiert werden. "Erst dann können sie auch genutzt werden", erklärte der Bundesbeauftragte. Lücken in Schicksalen und Lücken für Forscher könnten geschlossen werden.

Die Schnipsel seien Teil des Archivs, ihr Zerfall drohe nicht, sagte Jahn. Die Papiere seien angemessen gelagert. Ganz aufgeben will der Bundesbeauftragte das virtuelle Vorhaben aber nicht. Ein neuer Vertrag mit dem Fraunhofer Institut solle ausgehandelt werden. (anw)

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