Verhaltensbasierte Überwachung

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(Bild: laolaopui/Shutterstock.com)

In Mannheim nutzt die Polizei Software zur Videoüberwachung, die erkennen soll, wer ein Verbrechen begehen wird. Weitere Städte werden folgen.

Von
  • Boris Hänßler

In Mannheim testet die Polizei ein KI-System, das gefährliche Situationen in Videobildern automatisch erkennen und einen Beamten alarmieren soll. Anders als bisherige Systeme wird die Software hier mit realen Aufnahmen von Verbrechen trainiert, berichtet Technology Review in seiner Oktober-Ausgabe (am Kiosk oder online bestellbar).

TR 10/2019

Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 10/2019 der Technology Review. Das Heft ist ab 12.09.2019 im Handel sowie direkt im heise shop erhältlich. Highlights aus dem Heft:

Entwickelt hat das System das Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB in Karlsruhe. Dort gibt es das Projekt Nest (Network Enabled Surveillance and Tracking), eine Integrationsplattform für diverse Zwecke, etwa den Krankenpflegebereich oder um Besucherströme in Museen und Gebäuden zu lenken. Bei all diesen Anwendungen "geht es um die Erfassung von einem ganz bestimmten Verhalten einer Person, nicht um jegliches sonstige Verhalten oder ihre Eigenschaften", sagt Markus Müller, Abteilungsleiter Videoauswertesysteme.

Strichmännchen erleichtern Erfassung

Über jeden Menschen, der im Kamerabild zu sehen ist, legt die Software eine Art Strichmännchen. Die Reduzierung hat den Vorteil, dass die grobe Bewegung eines Menschen aus allen erdenklichen Blickwinkeln leicht zu erfassen ist. Die KI kann aus diesen Bewegungen ablesen, ob die Menschen sich normal bewegen oder in eine Prügelei verwickelt sind.

Andere Forscher, die an intelligenten Videoauswertesystemen arbeiten, lassen Schauspieler Gewaltsituationen nachspielen oder Spielfilme und TV-Serien auswerten. Die Fraunhofer-Forscher hingegen trainieren ihr System mit Polizeivideos von realen Verbrechen. "In gestellten oder gespielten Szenen ist die sich anbahnende Gewalt ein Teil der szenischen Logik und somit zwangsläufig", sagt Müller. "Reale Gewalt zeigt sich hingegen oft irrational oder unvorhersehbar." Weil es zu wenig geeignete Videomitschnitte gibt, um der KI die Vielzahl möglicher Situationen beizubringen, erstellten die Forscher aber auch zusätzliche Modelle für typische Bewegungsmuster.

Mehr Nachfrage, mehr Anwendungsmöglichkeiten

Noch ist der Aufwand sehr hoch – die Kosten für solche Systeme sind beträchtlich. Im Februar 2019 etwa wollte die Deutsche Bahn ein KI-System einsetzen, um besitzloses Gepäck, Menschen auf Gleisen oder auf dem Boden liegend zu erkennen. Der Berliner Datenschutzbeauftragte hatte grünes Licht gegeben, aber die Bahn brach ab – vermutlich aus Kostengründen.

Architektur des NEST-Demonstrators mit den integrierten Diensten zum Szenario "Personenüberwachung". (Bild: Fraunhofer IOSB)

Aber mit dem Engagement von Polizeibehörden wie jetzt in Mannheim könnte eine Nachfrage entstehen, die die Systeme billiger macht – und die Anwendungsmöglichkeiten breiter. In Mannheim jedenfalls wollen sie es nicht bei Analysen einzelner Kamerabilder belassen. Der nächste Schritt ist das kamera-übergreifende Tracking. So lässt sich ein Täter markieren und über mehrere Kameras hinweg verfolgen.

Die Algorithmen erstellen dafür eine Signatur der Farben der Kleidung. Interessant wären für die Forscher zudem der Einsatz von thermischem Infrarot. Bisher ist das zu teuer, aber gerade bei Nebel und Schnee haben die derzeitigen Kameras ihre Schwierigkeiten. Ob andere Städte aufspringen? Der Mannheimer Polizeidirektor Klaus Pietsch, der für den Test verantwortlich ist, sagt, viele Vertreter größerer Städte, darunter Dortmund, hätten bei ihm bereits angerufen. (bsc)

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