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Klimawandel: Forscher sehen sehr besorgniserregende Entwicklung auf Grönland

Bereits bei begrenzter Erwärmung könnte die Eisschmelze auf Grönland eskalieren. Mit sehr fatalen Folgen, meinen Forscher aus Deutschland und Norwegen.

Von Andreas Wilkens

Die Destabilisierung des zentral-westlichen Eisschildes auf Grönland hat begonnen. Forscher aus Deutschland und Norwegen meinen, der Prozess des Abschmelzens habe bereits eingesetzt, er könne auch nur bei begrenzter Erwärmung eskalieren, also den Kipppunkt überschreiten. Das würde den langfristigen globalen Anstieg des Meeresspiegels erheblich verstärken.

Die Destabilisierung führen die Forscher vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und der Freien Universität Berlin sowie der Arctic University of Norway auf die weltweit steigenden Temperaturen zurück. Dies erläutern sie in ihrer Studie "Critical slowing down suggests that the western Greenland Ice Sheet is close to a tipping point". "Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass es in der Zukunft zu einem deutlich verstärkten Abschmelzen kommen wird – was sehr besorgniserregend ist", erklärt Dr. Niklas Boers vom PIK.

melt-elevation feedback

Ein Teufelskreis namens melt-elevation feedback könne einsetzen: Wenn die Oberfläche des Eisschildes schmilzt, sinkt es in die tiefere, wärmere Umgebungsluft – was wiederum zu beschleunigtem Schmelzen und zusätzlichem Höhenverlust führt. Der Schlüsselmechanismus bestimme die Gesamtstabilität des grönländischen Eisschildes.

"Dieser Mechanismus ist seit Langem bekannt, und er ist einer der Hauptverdächtigen für die festgestellte Destabilisierung der zentral-westlichen Teile des grönländischen Eisschildes. Aber wir können nicht ausschließen, dass auch andere Rückkopplungen eine wichtige Rolle spielen, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Albedo des Eisschildes", erklärt Boers.

Für ihre Analyse zogen Boers und sein Co-Autor Martin Rypdal aus Norwegen Meeresspiegeltemperaturen von Wetterstationen, Schmelzintensitäten aus Eisbohrkernen in Zentralwestgrönland sowie Computermodell-Simulationen heran. Nach bisherigen Modellergebnissen ist das Abschmelzen des Grönlandeisschildes ab einer kritischen Schwelle der globalen Mitteltemperatur von 0,8 bis 3,2 °C über dem vorindustriellen Niveau unvermeidlich.

Meeresspiegelanstieg um 7 Meter

Sobald diese Schwelle überschritten wird, könnte der gesamte Eisschild über hunderte oder tausende von Jahren vollständig abschmelzen. Der globale Meeresspiegel könne um 7 Meter ansteigen, die atlantische meridionale Umwälzzirkulation (AMOC) zusammenbrechen. Das auch Nordatlantikstrom genannte System, die den Golfstrom bis nach Europa verlängert ist für die relative Wärme beiderseits des nördlichen Atlantiks verantwortlich.

Soweit das pessimistischste Szenario. Es gebe aber auch Rückkopplungen, die den grönländischen Eisschild auf mittleren Höhen stabilisieren könnten, vor allem durch zunehmende Akkumulation, meinen die Forscher. "Wir müssen dringend das Zusammenspiel der verschiedenen positiven und negativen Rückkopplungsmechanismen besser verstehen, die die aktuelle Stabilität und die zukünftige Entwicklung des Eisschildes bestimmen", sagt Boers.

Irreversibler Eisverlust

Zumindest nähere sich der zentral-westliche Teil des grönländischen Eisschildes einer kritischen Temperaturschwelle. Wie sich dies auf den Eisschild als Ganzes auswirkt, sei aber unklar. Die Forscher wollen dahr mehr Beobachtungen sammeln und ihr Verständnis der Mechanismen verbessern, damit verlässlichere Schätzungen über die zukünftige Entwicklung des Grönland-Eisschildes möglich werden.

"Unabhängig vom genauen Zusammenspiel der verschiedenen Rückkopplungen müssten wir die Temperaturen deutlich unter das vorindustrielle Niveau absenken, um wieder die Eisschildhöhe der letzten Jahrhunderte zu erreichen", fordert Boers. Der gegenwärtige und in naher Zukunft zu erwartende Massenverlust des Eises werde weitgehend irreversibel sein. "Deshalb ist es höchste Zeit, dass wir die Treibhausgasemissionen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe schnell und deutlich reduzieren und das Eisschild und unser Klima wieder stabilisieren."

(Quelle: NASA)
(Quelle: NASA)

(anw)