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Chipmangel: Kann sich Europa aus der Abhängigkeit von China lösen?

China hat sich mit Überlegung und Fleiß einen deutlichen Fertigungsvorsprung in der Lieferkette von Chips erarbeitet. Die USA kontern mit Sanktionen. Die EU will hierzulande alternative Fertigungsstrukturen aufbauen

Von Christoph Jehle

Die Versorgung mit Chips, die in immer mehr Geräten und auch im Fahrzeugbau dringend benötigt werden, ist ein stark arbeitsteiliges System, bei dem sich die Arbeitsschritte zumeist dort etabliert haben, wo die spezifischen Kosten für diese möglichst gering sind. Das hat über längere Zeit zur Zufriedenheit aller Beteiligten funktioniert, da die Transportkosten zwischen den Arbeitsschritten aufgrund des niedrigen Gewichts/Volumens im Vergleich zum Wert des Endproduktes praktisch bedeutungslos waren.

Probleme gab es bei dieser internationalen Arbeitsteilung, als die US-Administration begann, chinesische Unternehmen von diesen Lieferverflechtungen abzuschneiden. Ausnahmen von dieser Politik wurden im Grunde nur dann gemacht, wenn US-Unternehmen ihre Produktion von Endgeräten an chinesische Fertiger vergeben hatten, wie dies beispielsweise bei Apple der Fall war, die einen Großteil ihrer Geräte in den festlandchinesischen Werken des taiwanesischen Unternehmens Hon Hai/Foxconn produzieren lassen.

Ein weiteres Problem mit den Lieferketten entstand durch die Corona-Pandemie, die zu Beginn und zwischenzeitlich in China mit kompletten regionalen Lockdowns bekämpft wurde und immer noch wird. Da sich die Entwicklung der Pandemie kaum vorhersagen lässt und jederzeit mit regionalen Kontaktbeschränkungen in den chinesischen Werken zu rechnen ist, kann die Belieferung auf absehbare Zeit nicht mehr als gesichert angesehen werden.

Probleme bei der Lieferlogistik schlagen hier noch zusätzlich auf, weil Container fehlen oder die Containerfrachter, die bisher von Asien nach Europa verkehrten, jetzt aufgrund der hohen Nachfrage zwischen Asien und Nordamerika pendeln.

Die EU will Chip-Fertigung wieder nach Europa verlagern

Die Chip-Knappheit hat die EU bewogen, nach Möglichkeiten zu suchen, wieder mehr Chips in Europa produzieren zu lassen. Damit will man die Versorgung der europäischen Industrie mit den dringend benötigten elektronischen Bausteinen sicherstellen. Hilfreich kann dies für alle Industriebereiche sein, die ihre verkaufsfertigen Endprodukte in Europa produzieren.

Dazu zählt der Fahrzeug- und Maschinenbau. Im Bereich Consumer Electronics, die heute zumeist auf chinesische Fertiger zurückgreift, ist eine teure europäische Chipfertigung wenig hilfreich, solange man die Gerätefertigung nicht auch nach Europa zurückholt, wo es jedoch heute auch jenseits der Chips in Europa praktisch keine spezifische Bauteilezulieferindustrie mehr gibt.

Im Bereich der politischen Entscheider ist bisher nur der Chipmangel angekommen. Für die Komplexität der gesamten Chip-Fertigung vom Design bis zum Packaging und den auf den einzelnen Stufen benötigten Maschinenbauer, Materiallieferanten und Inhaber der jeweiligen Rechte fehlt der Politik bislang der Überblick. Bewusst ist man sich nur der Tatsache, dass man derzeit vom wirtschaftlichen Wettbewerber und Systemrivalen und seinem schnell wachsenden Halbleiter-Ökosystem abhängig ist.

Im Fokus von europäischen Regierungen und der EU-Kommission stehen derzeit die Halbleiterwerke, sogenannte Fabs oder Foundries, die das Chipdesign auf die Silizium-Wafer bringen, wobei Input und Output der Fabs bislang nicht berücksichtigt werden.

Will man eine europäische Chip-Industrie aufbauen, muss man sowohl das Chipdesign forcieren, ein Bereich, der in Europa bislang nur marginal vertreten ist, aber auch viele Zulieferer fehlen in Europa, wobei es durchaus hinderlich sein könnte, dass der letzte in Europa verbliebene bedeutende, weltweit drittgrößte Waferproduzent Siltronic an den taiwanesischen Konkurrenten Globalwafers verkauft werden soll, was vom Bundeskartellamt Anfang 2021 genehmigt wurde.

Weitere Genehmigungen nach dem deutschen Außenwirtschaftsgesetz und durch die chinesische Wettbewerbsbehörde (SAMR) liegen jedoch aktuell noch nicht vor und die Frist für die behördlichen Freigaben läuft Ende Januar 2022 ab. Ein Übergehen der chinesischen Wettbewerbsbehörde könnte zu größeren diplomatischen Verwerfungen führen, wie man im Kleinen am Streit zwischen China und Litauen sieht, der aktuell dazu geführt hat, dass Produkte deutscher Firmen aus litauischer Produktion in China nicht mehr marktfähig sind.

Wo in Europa könnte eine Chip Foundry errichtet werden?

Betrachtet man die Ansiedlung einer Foundry innerhalb der EU wird man abseits der wie auch immer gearteten Förderung wohl kaum um einen Standort im sogenannten Silicon Saxony herumkommen.

Die Bedeutung des Dresdner Raumes für die Chip-Fertigung geht auf eine Entscheidung der DDR-Regierung und das zum VEB Carl Zeiss zählende "Zentrum Mikroelektronik Dresden" zurück, dessen versprochene Chips zwar schon beim Erscheinen veraltet waren, in dessen Folge jedoch nach der Wende bis heute ein Cluster von 2300 Unternehmen mit rund 60.000 Mitarbeitern in ganz Sachsen entstanden ist. Ein regionaler Vorsprung, der von anderen Regionen kaum mehr aufzuholen ist.

Eine Foundry alleine wird die Liefersituation in Europa jedoch noch nicht verbessern. Zudem braucht es Jahre, bis die Fertigung soweit ausgelastet werden kann, dass sie wirtschaftlich erfolgreich betrieben werden kann.

Im Wettbewerb mit bestehenden Foundries wäre ein europäischer Standort noch auf Jahre nicht nur auf Investitionskosten-Zuschüsse, sondern auch auf Unterstützung bei den Betriebskosten angewiesen, die der Steuerzahler übernehmen müsste. Auf den Steuerzahler dürften hier noch beachtliche Kosten zulaufen. Der staatlich geförderte Vorsprung Chinas wächst zusehends und profitiert nicht zuletzt von günstigeren Kostenstrukturen.

Eine Foundry ist nur ein Baustein

Die Stiftung Neue Verantwortung hat im Dezember 2021 eine Arbeit unter dem Namen "China’s rise in semiconductors and Europe" vorgestellt, in der sie darauf hinweist, dass die EU das gesamte Chip-Ökosystem im Auge haben und die volle Wertschöpfungskette berücksichtigen sollte.

Und dabei könne es nicht nur um Fördermittel gehen, sondern man müsse auch strategische Partnerschaften mit Ländern Ostasiens aufbauen, die heute schon eine Bedeutung in der Chip-Wertschöpfungskette besitzen. Namentlich erwähnt werden Taiwan, Südkorea, Japan, Singapur und Malaysia. Diese Länder nutzen bislang chinesische Fertiger, die aufgrund hoher Stückzahlen günstige Produktionskosten bieten.

Man schlägt vor, dass die EU auch die bisher in der einschlägigen Diskussion vernachlässigten Bereiche vom Chipdesign über Assembly, Test und Packaging (ATP) bis zu den fertigen Geräten berücksichtigen soll, weil sonst die Gefahr besteht, dass Europa gegenüber China, das die gesamte Wertschöpfungskette im eigenen Land kontinuierlich ausbaut, ins Hintertreffen gerät.

Den chinesischen Vorsprung bei den Stückkosten einzuholen, dürfte sich als eine größere Kraftanstrengung erweisen. Wenn man sich aber wegen günstigerer Beschaffungskosten auf chinesische Lieferanten verlässt, besteht das Risiko, von diesen auf kurz oder lang abhängig zu sein.