Era of blindness

Bild: Arno Mikkor (EU2017EE)/CC BY-2.0

Angela Merkels unzerstörbares Behagen wirkt immer kurioser, aber möglicherweise erkennt sie nicht die Zeichen der Zeit - laut New York Times ein Problem der "Sleepwalkers"

Wir erleben ja gerade, wie Protagonisten auch nach Misserfolgen chronisch seliggesprochen sind. Bei Angela Merkel hatte man nach dem Krach mit Kollege Seehofer trotz aller offenkundigen Probleme den Eindruck, sie habe ihren Heiligenschein nicht eingebüßt, sondern sogar aufpoliert - so selbstgläubig und in unzerstörbarem Behagen (frei nach W. Krauss) schwebt sie aus den Besprechungen.

Ende der Power

Dem britischen Guardian zufolge führte die deutsche Kanzlerin noch im November die Forbes-Liste der 100 stärksten Frauen an, und das zum zwölften Mal und zum siebten Mal in Folge. Jedoch, neun Monate später glaubt zumindest die New York Times nicht mehr an Merkels Stern.

Und titelt Ende vergangener Woche respektlos: "Why Merkel Must Go". Ist der Ruf dahin, die Powerfrau ausgepowert, dämmert der Himmel über Berlin?

Der Fragen nicht genug, jetzt steht auch noch Merkels Image als Vorreiterin Europas in Frage: "Now Europe’s crisis has finally reached Germany", findet NYT-Kolumnist Bret Stephens. Aber auch die andern kriegen was ab: Das US-Blatt vergleicht Europas Hauptdarsteller mit "Sleepwalkers", gemeint sind die "Mandarins in Brüssel" und die politische Klasse in Berlin, Paris, London und im europäischen Anderswo. Im historischen Rückblick eines fernen Tages seien alle nur noch Protagonisten einer "era of blindness".

Merkel, go!

Nun also findet die NYT, Merkel sollte zurücktreten. Im wesentlichem aus folgenden Gründen: Grenzen zu erkennen sei eine essentielle Aufgabe konservativen Regierens. Die Kanzlerin habe aufgehört, konservativ zu sein, das sei ihr größter Fehler von allen.

Zu wissen, wie man großzügige, aber klare Grenzen setzt, ist eine der Grundlagen konservativer Regierungsführung, so die NYT: "A very liberal immigration policy is wise, but helter-skelter migration ('unlimited generosity') isn’t." Humanitarismus findet die Times lobenswert, aber - an Merkel gewandt - "nicht, wenn sie fordern, dass andere die Lasten und Kosten teilen".

Merkel habe den Brexit-Anführern auch die passenden Argumente geliefert und mit ihrer Politik die europäische Rechte gestärkt - und Fremdenfeindlichkeit (Xenophobie) damit befeuert: "The xenophobes of Austria's Freedom Party, Italy's Northern League and Sweden's Democrats have all profited politically from Merkel's decision." Die Kanzlerin verschaffte, so das Urteil, den Brexiteers mit ziemlicher Sicherheit die politischen Bilder, die sie brauchten, um ein Jahr später die Abstimmung durchzuführen.

Europas Ideale - und die "busybodies" aus Brüssel

Und dann das Urteil, das an die Substanz der Ära Merkel geht:

Merkel created the conditions that gave the enemies of the European ideal their opening.

The New York Times

Hier geht es ans Eingemachte. Die Idee Europa, Europas Ideale sind angesprochen. Etwas, wofür Angela Merkel in persona steht, Europa ist ihr persönliches Credo, darüber redet sie, dafür ist sie unterwegs, das europäische Ideal nutzt sie als Argument und - so zuletzt im Streit mit der CSU - als Waffe. Es ist ihre ultima ratio, und jetzt gerät sie in Verdacht, Europas Feinden Tür und Tor geöffnet zu haben?

Damit scheint aus transatlantischer Sicht das Ende von MERKEL UNLTD gekommen. "Merkel of the Christian Democratic Union", die Kanzlerin steht da mit dem Rücken zur Wand. Und was ist mit dem "European ideal"? Es folgen gehörige Seitenhiebe, die über den Merkelismus hinausgehen. In Brüssel, so das Blatt weiter, herrschten regulierende Wichtigtuer und Lobbyisten (regulatory busybodies). Europa habe sich zu lange ausgeruht und zeige sich strategisch verwundbar; es mangele an einer echten Sicherheitspolitik, die durch glaubwürdige militärische Macht und weniger Abhängigkeit von russischer Energie unterstützt sein sollte.

Die Unzerstörbare als Zerstörerin

So macht Merkel, die scheinbar immer Krisenfeste, Bruchlandung beim Opinion Columnist der NYT, dort sieht man die Unzerstörbare als unwissentliche Zerstörerin ("the E.U.'s unwitting destroyer"), das passt so gar nicht zu ihrer Selbsteinschätzung. "And isn't 13 years in office more than enough?"

Die NYT endet mit einer Replik aus Norman Davies' Bestseller über Europas Geschichte - und bindet damit die Gegenwart an die unstete Geschichte politischer Macht: "Die Diktatoren kamen in allen Formen und Größen - Kommunisten, Faschisten, Radikale und Reaktionäre, linke Autoritäre (…), rechte Militaristen (wie Franco), Monarchen, Anti-Monarchisten, sogar ein Kleriker wie Pater Tiso in der Slowakei. Das einzige, was sie teilten, war die Überzeugung, dass die westliche Demokratie nichts für sie war."

Und dann der merkliche Schlusssatz: "The stakes are too high for a muddler like Merkel to stick around." Frei übersetzt: Es steht zu viel auf dem Spiel für ein Dussel wie Merkel.

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