Geringes Vertrauen in andere Menschen erhöht die Mortalität

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In den USA hat nach einer Studie das Vertrauen der Menschen in den letzten Jahrzehnten deutlich abgenommen, was ein Grund für die soziale Erosion sein kann

Was hält Gesellschaften zusammen? Sprache, Kultur, Traditionen, ethnische Zusammengehörigkeit? Aber solche Gemeinsamkeiten, die Nationalisten oder Völkische gerne hervorheben, haben nie verhindert, dass auch in Familien, Gruppen oder Nationen Kämpfe um Macht und Einfluss stattfinden. Die christlich-abendländische Kultur hat nicht verhindert, sondern eher gefördert, dass Kriege zwischen ähnlichen christlichen Kulturen und Religionen stattfanden, dazu waren weder Migranten noch "Invasoren" notwendig. Es spielen soziale Unterschiede, Schichten- und Klassenzugehörigkeit, politische Ideologien und vieles mehr eine Rolle. Man kann aber vermutlich davon ausgehen, dass Vertrauen in die Anderen oder Nächsten, gleich welcher Ethnie, Kultur, Schicht oder Religion sie angehören, ein wichtiger sozialer Kitt ist, während Ängste und Vorurteile eine Gemeinsamkeit verhindern.

Schwedische Wissenschaftler sind der Frage nachgegangen, wie sich in den USA, einer Gesellschaft, die langsam zu explodieren scheint, das Vertrauen, der wichtige Bestandteil des "sozialen Kapitals", verändert hat und ob sich das auf die Lebenserwartung auswirkt. Ihnen ging es damit nicht primär um den Zusammenhalt einer Gesellschaft, sondern darum, ob fehlendes allgemeines Vertrauen in die meisten Mitmenschen, auch den Fremden, über die soziale Erosion hinaus gesundheitliche Folgen hat. Man kann ja schließlich annehmen, dass fehlendes Vertrauen psychosozialen Stress steigert, von dem man weiß, dass er Menschen krank machen kann.

Für ihre Analyse, die im Journal of Epidemiology and Community Health erschienen ist, werteten sie Daten des General Social Survey (GSS), einer repräsentativen Langzeitstudie amerikanischer Erwachsener über 18 Jahren, von 1978 bis 2010 aus und kombinierten diese mit dem National Death Index (NDI) bis 2014. Für GSS wurden über 25.000 Amerikaner u.a. gefragt, ob sie allgemein sagen, dass man den meisten Menschen trauen oder ob man nicht zu vorsichtig sein kann, wenn man mit anderen Menschen zu tun hat. Es wird also nicht weiter differenziert, wer die anderen Menschen sind.

Interessant ist, dass allgemein die Misstrauischen mit 62 Prozent deutlich mehr als die Vertrauensvollen mit 38 Prozent sind. Männer sind etwas mehr vertrauensvoll als Frauen, Landbewohner mehr als Großstadtbewohner. Gut Gebildete sehr viel mehr als Menschen ohne Highschool-Abschluss. Verheiratete mehr als Singles, Reiche mehr als Arme. Weiße mit 42 Prozent deutlich mehr als Schwarze mit gerade einmal 15 Prozent, was viel über den Zustand der amerikanischen Gesellschaft verrät. Im Süden der USA sind die Menschen misstrauischer - und eher für Trump (Trump gewann in den Counties, in denen die Lebenserwartung unterdurchschnittlich stieg).

Weiße, Gebildete, Verheiratete und Wohlhabende haben ein größeres allgemeines Vertrauen

Und das Vertrauen ist zudem drastisch gesunken. Gehörten in den 1980er Jahren noch mehr als 43 Prozent den Menschen an, die allgemein ihren Mitmenschen Vertrauen entgegenbrachten, so begegneten in den 2000er Jahren, als nach dem Ende des Kalten Kriegs der Krieg gegen den Terror begann und Konflikte zwischen USA, Russland und China (wieder) aufbrachen, nur noch 34 Prozent ihren Mitmenschen mit Vertrauen.

Warum das allgemeine Vertrauen abgenommen hat, war nicht Thema der Befragungen. Aber wenn man berücksichtigt, dass Weiße, Gebildete, Verheiratete und Wohlhabende ein größeres allgemeines Vertrauen haben, dann spielt offenbar die dominante Schicht und eine finanziell und beziehungsmäßig abgesicherte Existenz eine wichtige Rolle. Wer abgesichert lebt, kann auch mehr Vertrauen haben, wer Angst hat, wie es mit seinem Leben weiter geht, misstraut den Mitmenschen, die immer Konkurrenten sein können, mehr. Wenn man einer Minderheit angehört, die von der Majorität der Gesellschaft mit negativen Vorurteilen belegt ist, wird es schwierig sein, allgemeines Vertrauen zu entwickeln.

Das ist alles einleuchtend, aber warum sterben die Misstrauischen eher? Nach der Untersuchung haben die Menschen mit einem allgemeinen Vertrauen in ihre Mitmenschen eine 17 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit, während der Beobachtungszeit der Langzeitstudie zu sterben. Das Geschlecht spiele keine Rolle, überdies gelte der Zusammenhang auch, wenn sozioökonomische Bedingungen wie Einkommen oder Bildung berücksichtigt werden.

"Ob man anderen Menschen, auch Fremden, traut oder nicht, macht einen Unterschied in der Lebenserwartung von 10 Monaten", erklärt Alexander Miething, einer der Autoren. Und an den Orten, wo mehr Misstrauen herrscht, ist auch die Lebenserwartung geringer. Als Konsequenz sagen die Autoren in einer Mitteilung, dass angesichts der vor Mortalität schützenden Wirkung von Vertrauen "ein Niedergang des Vertrauens, den man in den USA während der letzten Jahrzehnte beobachtet, ein unterschätztes Gesundheitsproblem ist".

Das müsste man auch einmal etwa in Sachsen nachprüfen. Ist der Widerstand gegen eine multikulturelle Gesellschaft mit einer verkürzten Lebenserwartung verbunden? Ist das grundsätzliche, nicht prinzipielle Vertrauen auch in Fremde der Gesundheit eher förderlich? Wer Wut und Aggression gegen andere Menschen pflegt, könnte überlegen, ob ihm das selbst, ganz egoistisch, gut tut. Andererseits sind Menschen, die Angst vor dem Absturz haben oder unterprivilegiert sind, keine Psychopathen.

Schließlich leben auch die relativ Armen in den westlichen Gesellschaften ganz ohne Bezug auf Vertrauen zu anderen Menschen deutlich kürzer als die Reichen. Das kann fast 20 Jahre ausmachen (USA: Landkreise mit einer Lebenserwartung wie im Sudan). Die verkürzte Lebenserwartung hat mit dem Einkommen, aber nicht mit Migranten zu tun. Doch die auch im Hinblick auf Lebenszeit Benachteiligten lehnen sich nicht gegen die verantwortlichen gesellschaftlichen Strukturen und die sich weiter öffnende Schere zwischen arm und reich auf, sondern machen gerne die noch Ärmeren und Machtlosen verantwortlich.

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