Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die es nie gab

Heimatmuseum, Obertiefenbach. Foto: Nassauer27 / CC BY-SA 4.0

Zurück zum Zurück: Retrotopia als Lebensgefühl der Stunde

In dem Tempo ... werden wir bald beim Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation angekommen sein.

Jean Baudrillard, Dezember 1989

Hat die Menschheit ihre Fähigkeit zur Utopie eingebüßt? Oder liegen die neuen Utopien in der Vergangenheit? Oder sind solche Fragen allemal nur ein Problem der Europäer?

In Europa jedenfalls sind die meisten Menschen davon überzeugt, ihren Kindern werde es schlechter gehen als ihnen selbst, und tatsächlich spricht einiges für diesen Eindruck in Ländern wie Spanien, Italien, Frankreich: Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch, die Unternehmen wandern aus in Billiglohnländern und Steuerparadiese.

Der Sozialstaat wird sukzessive abgebaut - nicht zuletzt durch die Digitalisierung aller Lebensbereiche, und damit einhergehende Mechanismen totaler Kontrolle -, ein Downsizing ohnegleichen scheint stattgefunden zu haben. Im chronisch zukunftsängstlichen Deutschland ist es nicht viel besser, das Land ist nur reicher, deshalb dauert alles noch ein Weilchen länger.

Die vorwärtsgewandten Utopien gehen aus

Und keine Aussicht tröstet, keine Weltrevolution, kein technologischer Fortschritt, das jugendfrische Sturm-und Drang-"Prinzip Hoffnung" (Ernst Bloch) wurde durch ein altväterliches "Prinzip Verantwortung" (Hans Jonas) abgelöst, und wo man an ihm noch festhält, wirkt solches Beharren latent bitter.

Das Nachdenken über die lebenswichtigen Fragen "Wer sind wir?" und "Wo wollen wir hin?" findet immer weniger statt, stattdessen scheint Bewahrung des Bestehenden angesagt. Die Utopien gehen aus. Die Politik hat jede Zukunftsvision aufgegeben, richtet ihr Handeln wie eine Windfahne nach den Umfragen und besteht auf "Machbarkeit", drögem Pragmatismus oder gar "Krisenmanagement".

Mit solcher Gedanken- und Visionslosigkeit einher geht die Sehnsucht nach dem Früher. Sie ist diffus, denn jene Vergangenheit, die hier beschworen wird, hat es nie gegeben. Es handelt sich um rückwärtsgewandte Utopien, um Idylle und Luftschlösser, doch sie speisen das Feuer der Rechtsradikalen und Identitären, der Vergangenheitsumdefinierer, aber auch mancher konservativen Verklärer von Gemeinschaft unter Arbeitern und Bauern.

Gefährliche Nostalgie

Offensichtlich - und daher zum erheblichen Schaden unseres Selbstvertrauens, Selbstbewusstseins und Stolzes - sind wir nicht diejenigen, die die Gegenwart bestimmen, aus der die Zukunft hervorgehen wird - und haben deshalb erst recht wenig bis gar keine Hoffnung, diese Zukunft in irgendeiner Weise kontrollieren zu können. ... Welche Erleichterung ist es da, aus dieser undurchschaubaren, unergründlichen, unfreundlichen, entfremdeten und entfremdenden Welt voller Falltüren und Hinterhalte in die vertraute, gemütliche und heimatliche ... Welt von Gestern zurückzukehren.

Zygmunt Bauman, Retrotopia

Eine Welle "gefährlicher Nostalgie" schwappe über Europa, erklärte bereits im April 2016 der spanische Sozialdemokrat und Ex-NATO-Generalsekretär Javier Solana in einer bemerkenswerten Rede. Es sei nicht allein die Sehnsucht nach den "guten alten Tagen", so Solana, es sei die Rückkehr von Protektionismus und Nationalismus. Nostalgie werde restaurativ.

Vor ziemlich genau einem Jahr, am 9. Januar 2017, starb in Leeds im Alter von 91 Jahren der polnische Philosoph Zygmunt Bauman. Berühmt geworden für seine Studien zu "Moderne und Ambivalenz" sowie zur "Liquid Modernity", die im Deutschen ungenau, aber alternativlos als "Flüchtige Moderne" übersetzt wird, entwickelte Baumann in seinen letzten Lebensmonaten die These, wir seien ins Zeitalter der "Retrotopien" eingetreten.

Vor gut 500 Jahren schrieb Thomas Morus seine "Utopia" und gab damit einem ganzen Denkstil seinen Begriff. Der Aussicht auf ein Paradies im Diesseits, eine zukünftige Realisierung des allgemeinen Glücks. Zunächst wurden die Utopien durch den Reformismus abgelöst, gewissermaßen sozialdemokratisiert: Statt einem U-Topos viele Topoi, zum Beispiel Mindestlohn, Frauenquote, Atomausstieg, als Würz-Beilage vielleicht noch garniert mit ein bisschen Gerechtigkeitsrhetorik.

Untote Vergangenheit

Der Fortschritt sei ins Beliebige privatisiert und individualisiert worden - "der Einzelne in seinem Schneckenhaus", bemerkt Zygmunt Baumann süffisant in seinem aus dem Nachlass erschienenen Buch "Retrotopia",

Der Engel der Geschichte blicke heute entsetzt in Richtung Zukunft statt in die Vergangenheit. Diese werde dafür verklärt und mythologisiert - als Kern alles Guten. Diese Vergangenheit werde zugleich als verloren beschrieben oder geraubt.

Es seien "Visionen, die sich anders als ihre Vorläufer nicht mehr aus einer noch ausstehenden und deshalb inexistenten Zukunft speisen, sondern aus der verlorenen/geraubten/verwaisten, jedenfalls untoten Vergangenheit". Auf den Punkt gebracht hat diese globale Epidemie der Nostalgie zum Beispiel Donald Trump: "Make America great again!" Der Wahlspruch markiere die Schubumkehr in der Bewegung der Geschichte.

Vierfache Rückwärtsbewegung

Bauman sieht eine vierfache Rückwärtsbewegung: "Zurück zu Hobbes", "Zurück zum Stammesfeuer", "Zurück zu sozialer Ungleichheit" und "Zurück zum Mutterleib." Allen vier Bewegungen zugrunde liegt die Tendenz zum Narzissmus: Vielen Menschen geht es gar nicht um die Verbesserung der Gesellschaft, sondern nur um die eigene Position.

Das ist mit "Zurück zu Hobbes" gemeint: Wir befinden uns wieder im "Krieg aller gegen alle", die Hobbes im 17. Jahrhundert zur Zeit des Englischen Bürgerkriegs beschrieb, in der nackter Egoismus regiert und "der Mensch dem anderen ein Wolf" ist - nur dass das Schlachtfeld heute zum Markt zivilisiert wurde und die heißen Kriege in die Dritte Welt ausgelagert wurden.

Der daraus folgenden Unsicherheit hat der Staat nichts entgegenzusetzen, er bietet nicht genug Sicherheit. Vielmehr wird die Unsicherheit der Menschen noch durch Medien gefördert, die noch "peripherste Kleinstadt-Krawalle" zu "globalen, markerschütternden Schockereignissen" aufblasen. So züchten Medien Angst, Wut und Nachahmer, die wiederum den Kreislauf befeuern.

Gier und andere Instinkte sind im modernen Kapitalismus wieder freigesetzt, kein Sozialstaat bremst Triebe und Emotionen. Wenn sich der Stärkere durchsetzt, stehen soziale Ungleichheiten wieder auf ("Zurück zu sozialer Ungleichheit"), und wo Ungleichheit konstant wird, wird Demokratie zur Farce.

"Zurück zum Stammesfeuer"

Was tun? Zwei (einander ergänzende) Rettungsmodelle bietet retrotopes Denken: "Zurück zum Stammesfeuer", also zu einer identitären, homogenen Gemeinschaft, die durch Verschwörungstheorien und Bedrohungsszenarien stabilisiert wird, und in der die Welt klar in ein "Wir" und ein "Die Anderen" getrennt ist.

Und "Zurück zum Mutterleib", also ein Rückzug in die Blasen des Selbst, in Infantilisierung durch Unterhaltungsmedien und in die virtuellen Spiegelsäle der sozialen Netzwerke. Bei Facebook, Instagram und Co werde nicht Ungleichheit moderiert, sondern das Trugbild homogener Identität abgeschottet:

Jüngere haben die Fähigkeit verloren, über so etwas wie eine gute Gesellschaft nachzudenken. Sie denken lieber darüber nach, wie sie eine komfortable Nische in dieser unordentlichen, unvorhersagbaren und ungemütlichen Welt schaffen können.

Zygmunt Bauman, Retrotopia

Es ist nie ganz klar gewesen, ob man sich Bauman als exzentrischen Postmodernen oder doch als Verteidiger einer Moderne im Sinne von Max Weber, Georg Simmel und der Kritischen Theorie vorzustellen hat.

Einerseits erscheint er als Vertreter einer solchen Moderne, und beschreibt die Aufgabe des Denkens und der Kritik zugunsten emotionaler Bindungen. Andererseits mündet sein Pessimismus dann plötzlich in eine sehr polnische Hoffnung auf den argentinischen Papst: "Wenn es ein Wort gibt, das wir bis zur Erschöpfung wiederholen müssen, dann lautet es Dialog."

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