Westmacht

50 Jahre BMW-Motorradwerk Spandau

Anlässlich des dreimillionsten BMW-Motorrades, das am 16. April 2019 vom Band lief, schaut man in Spandau auf eine 50-jährige Erfolgsgeschichte zurück. Als die Motorradproduktion 1969 nach Berlin sah die Welt noch ganz anders aus

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Es waren bewegte Zeiten, als BMW 1969 den Entschluss fasste, die gesamte Motorrad-Produktion von Bayern nach Berlin zu verlegen. Der boomende Automarkt und der schwächelnde Motorradabsatz ließen die Maßnahme notwendig erscheinen, um Kapazitäten für die Autoproduktion in den bayerischen Standorten frei zu machen. BMW hatte bereits 1939 in Berlin das Werk der Brandenburger Motorenwerke übernommen, um dort Flugzeugmotoren zu bauen. In den folgenden drei Jahrzehnten wurden dort auch immer mehr Motorradteile gefertigt. Eine gut ausgebildete Belegschaft war vorhanden, sodass die Entscheidung, die Produktion schließlich ganz nach Berlin zu verlagern, logisch erschien. Doch sie war nicht ohne Risiko.

Bewegte Zeit

1969 befand sich Berlin im Zentrum des Kalten Krieges, sodass die Verlagerung der Motorradfertigung ein mutiger Schritt war. Als die Entscheidung von BMW fiel, war eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten in denkbar weiter Ferne. Sicher, offiziell wurde von den damals politisch Verantwortlichen stets betont, an diesem Ziel festzuhalten. Auf absehbare Zeit rechnete aber niemand damit.

Es war ein Jahr des Umbruchs. Der langjährige Bürgermeister von West-Berlin, Willy Brandt, wurde im dritten Anlauf zum ersten SPD-Bundeskanzler gewählt und bemühte sich um eine Entspannung in der Ostpolitik. In Ost-Berlin wurde der Fernsehturm am Alexanderplatz eröffnet und die DDR feierte ihr zwanzigjähriges Bestehen. Die Mauer stand zu diesem Zeitpunkt erst acht Jahre. Die USA schickten Apollo 11 ins All und Neil Armstrong betrat als erster Mensch den Mond. Der Vietnamkrieg tobte immer brutaler und löste weitere Proteste der Friedensbewegung aus. An der University of California in Los Angeles wurde das Internet geboren. In Woodstock fand ein legendäre Musikfestival statt. 400.000 Hippies feierten dort Rockgrößen wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, The Who und Joe Cocker. Keiner ahnte, dass dieses Festival der Höhepunkt der Hippiebewegung werden würde, deren Ende sich bald abzeichnen sollte.

In Japan präsentierte Honda mit der CB 750 Four das erste Serienmotorrad mit einem Reihenvierzylinder und läutete eine neue Ära im Motorradbau ein. BMW setzte zunächst weiterhin auf Zweizylinder-Boxermotoren.

Die Baureihe /5 wurde in Spandau eingeführt

Aufgrund seines Sonderstatus erhielt West-Berlin von der Bundesregierung in Bonn großzügige wirtschaftliche Subventionen. So brachte der Umzug der Motorradproduktion von Bayern nach Berlin finanzielle Vorteile für BMW mit sich. Andererseits war die Sache nicht ganz ohne Risiko, denn die Bedrohung durch die Atommacht Sowjetunion war omnipräsent. Der Transitvertrag, der den Verkehr aus West-Berlin durch die DDR regelte, war 1969 – politisch gesehen – noch in weiter Ferne und wurde erst im Dezember 1971 unterzeichnet. Bis dahin musste man immer wieder mit Blockaden der Transitstrecken durch die DDR rechnen.

BMW begann an der Adresse Berlin-Spandau, Am Juliusturm mit der Fertigung der neu entwickelten Baureihe /5. Sie bestand aus folgenden Boxer-Modellen. Die R 50/5 war in erster Linie als Behördenmodell gedacht und leistete 32 PS. Die R 60/5 brachte es auf 42 PS und sollte vor allem die Tourenfraktion ansprechen. Die Top-Version R 75/5 leistete 50 PS und war bis zu 175 km/h schnell. Beim Start 1969 fertigten rund 400 Mitarbeiter jeden Tag 30 Maschinen in Handarbeit.

Doch als zu Beginn der 1970er-Jahre der Motorradmarkt wieder Fahrt aufnahm, verkaufte sich vor allem die R 75/5 verhältnismäßig gut. Verließen 1970 noch 12.287 Motorräder das Werk in Berlin, waren es 1973 bereits 68.956 Stück. Im selben Jahr feierte die Marke die Produktion ihres 500.000. Motorrads seit Beginn des BMW-Motorradbaus 1923. Außerdem wurde die Modellreihe /6 eingeführt. Die meiste Aufmerksamkeit erregte aber die R 90 S, deren 898 cm3 großer Boxermotor 67 PS leistete und 200 km/h erreichte – damit gehörte sie zu den schnellsten Motorrädern ihrer Zeit. Außerdem verfügte sie als erstes Serienmotorrad über eine lenkerfeste Cockpit-Verkleidung.

Die Produktion wächst rasant

Das Werk in Berlin Spandau war sehr gut ausgelastet, 1975 wurde dort bereits das 100.000. Motorrad gefertigt. Ein Jahr später legte BMW die /7-Reihe auf. Das neue, 70 PS starke Top-Modell R 100 RS stellte mit seiner serienmäßigen Vollverkleidung einen Meilenstein im Motorradbau dar. Die Nachfrage stieg und BMW plante mit 60.000 Motorrädern pro Jahr, was den Bau einer weiteren Montagehalle notwendig machte und die Schaffung neuer Arbeitsplätze mit sich brachte. Der Baubeginn des 200 Millionen D-Mark teuren Projekts wurde vom damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel symbolisch gestartet.